/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Nach innen wachsen

Kreuzlingen – Beim Stadtgespräch der SP informierten Experten und Politiker über Chancen und Risiken der Verdichtung von Stadtlandschaften.

Stefan Kurath und Elina Müller erörterten Vor- und Nachteile der Verdichtung. (Bild: Inka Grabowsky)

«Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag die Siedlungsräume nach innen statt nach aussen wachsen zu lassen», sagt der Architekt und Städteplaner Stefan Kurath. «Das sieht das Raumplanungsgesetz und hier im Thurgau zusätzlich die Kulturlandinitiative so vor.» Der 42-Jährige ist Professor an Institut «Urban Landscape» an der ZHAW in Winterthur und beschäftigt sich so in Theorie und Praxis mit der Entwicklung von Städten. Die Bevölkerungsprognose gehe davon aus, dass bis 2045 zwei Millionen Menschen zusätzlich in der Schweiz leben werden. «Wenn das tatsächlich so kommt, dann braucht es mehr Wohnraum. Wenn wir gleichzeitig die Natur schützen und die Agrarflächen erhalten wollen, müssen wir verdichten.»

Risiken und Chancen

Verdichtung bedeutet gemäss dem Fachmann nicht einfach, Hochhäuser in die Landschaft zu stellen. Die Schweiz sei schliesslich nicht Shanghai oder Dubai. «Menschen haben biografische Bindungen an den Raum», doziert Kurath. «Unsere Umgebung bestimmt unsere Identität. Starke Eingriffe führen zu Identitätskrisen.» Demzufolge müssten Städteplaner behutsam vorgehen. Zunächst gelte es für die Bevölkerung relevante Räume zu erkennen und sicherzustellen, dass dort die Lebensqualität erhalten bleibe oder Defizite behoben würden. Hätten die Bewohner erst einmal erkannt, dass ihnen Plätze und Strassen mitgehörten, kämen sie auch selbst auf Ideen, wie sie besser gestaltet werden könnten. Die Politik ziehe dann nach. Anbauten, Dachgeschoss-Ausbauten oder die Konversion von Industriebrachen in Wohn- und Arbeitsmodelle könnten viel bringen. «Kompakte Siedlungen sind effizienter zu bewirtschaften», wirbt der Professor. «Die Infrastruktur wird von mehr Bewohnern genutzt, ohne dass beispielsweise zusätzliche Kanal-Kilometer gebaut werden müssen.» Da in verdichteten Innenstädten Menschen auf engem Raum lebten, habe es auch der öffentliche Nahverkehr leichter, sich selbst zu finanzieren. Sei der Raum so geplant, dass es gleichzeitig Arbeitsplätze und Freizeitmöglichkeiten gäbe, könnte man Pendlerbewegungen verringern.

Finanzierung

Ideen sind genug vorhanden. (Bild: Inka Grabowsky)

Angenommen eine Kommune ändert eine Bebauungszone von W2 auf W3, erlaubt also drei statt zwei Wohngeschosse, dann steigt der Wert einer ausgebauten Immobilie. Auch wenn sich durch Infrastrukturmassnahmen die Lagequalität verbessert, gewinnen die Anlieger. «Diese Mehrwerte muss der Staat abschöpfen und das Geld für weitere Verbesserungen des öffentlichen Raums einsetzen», plädiert der Städteplaner. Um der Verödung der Innenstädte entgegenzuwirken, weil die Menschen eben in Einkaufszentren vor der Stadt einkaufen, will er einen Paradigmenwechsel. Bisher seien Geschäftsflächen im Erdgeschoss recht gross und würden zu hohen Preisen vermietet. Besser wäre es, einen Teil der Erdgeschosse zu Wohnraum zu machen, begehrte Wohnungen teurer anzubieten und damit kleinere Geschäftsflächen zu subventionieren.

Sonderfall Kreuzlingen

Seit 2010 befände sich Kreuzlingen im Verdichtungs-Prozess, erklärt Elina Müller, selbst Architektin und für die SP im Gemeinderat. «Es ist das erklärte Ziel der Stadt, nicht weiter nach aussen zu wachsen. Noch bestehende Grünräume zwischen den Siedlungen sollen erhalten bleiben.» Damit das trotz Bevölkerungswachstum gewährleistet sei, habe die Stadt das Zentrum und die drei alten Dorfkerne für eine Verdichtung vorgesehen. «Wir brauchen aber eine noch klarere Vorstellung für das zukünftige Stadtgebiet von Kreuzlingen», wünscht sich die Politikerin. «Wir müssen gemeinsam überlegen, was die Siedlungsqualität für uns ausmacht und was uns noch fehlt.» In der anschliessenden Diskussion begannen die rund vierzig Anwesenden mit genau diesem Prozess. Ein 72-jähriger Ur-Kreuzlinger lieferte das Schlusswort: «Wir jammern hier auf hohem Niveau. Gerade weil unsere Stadt so viel Lebensqualität bietet, kommen doch die Zuzüger aus Zürich.»

Geschrieben von Inka Grabowsky

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