/// Rubrik: Leserbriefe

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Leserbrief – SP-Gemeinderätin Elina Müller hält den Gemeinderatsentscheid vom Donnerstag, die «Charta für Lohngleichheit» nicht zu unterzeichnen, für einen Fehler.

Lerserbrief (Bild: Archiv)

Kreuzlingen baut die Schule mit Tagesstrukturen aus, das ist wichtig und gut. Hingegen hat der Gemeinderat an seiner letzten Sitzung verhindert, dass die Stadt beim Thema Lohngleichheit einen Schritt vorwärts macht. Wir hatten in einem Postulat gefordert, dass Kreuzlingen bei der Charta der Lohngleichheit mitmacht, die schon von vielen Kantonen und Gemeinden umgesetzt wird. Diese verpflichtet zur Aufklärung über das Gleichstellungsgesetz sowie zur Überprüfung der Lohnstruktur bei der Gemeinde und bei der Verwendung von Steuergeldern – Massnahmen, die nachweislich zur Verringerung der Lohnunterschiede führen. Für die Lohnanalysen kann ein frei verfügbares Tool des Bundes verwendet werden.

Bei der Charta geht es immer um den nicht erklärbaren Lohnunterschied, der bei gleichwertiger Ausbildung, Qualifikation und Berufserfahrung, also nur aufgrund des Geschlechts besteht. Gemäss letzter Analyse des Bundesamts für Statistik liegt der bei durchschnittlich 7,4 Prozent oder 593 Franken pro Monat, in der Ostschweiz sogar bei 10,1Prozent. Es lässt sich statistisch widerlegen, dass die Lohnunterschiede einzig aufgrund der Tatsache bestehen, dass Frauen die Kinder zur Welt bringen, wie uns in der Gemeinderatssitzung ein hipper junger FDPler erklären wollte. Der reelle Lohnunterschied, der auch durch geringere Berufserfahrung aufgrund von Familienarbeit und durch die Berufswahl begründet werden kann, liegt tatsächlich noch bedeutend höher, bei durchschnittlich 18,1 Prozent. Hinzu kommen Lohnausfälle, wenn (meist) Mütter ganz zu Hause bleiben oder Teilzeit arbeiten. Aber auch diese Einkommensunterschiede müssen nicht zwingend so sein. Ein Blick ins Ausland zeigt auf, dass bei guten Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Gesellschaft die Unterschiede beim Einkommen zwischen Mann und Frau schwinden und Kinder nicht länger ein Armutsrisiko sind. Wenn zunehmend die wichtige, aber unbezahlte Arbeit in Familie und Haushalt gleichmässiger verteilt oder entschädigt wird, und wenn klassische Frauenberufe wie solche in Pflege und Erziehung endlich besser entlöhnt werden, dann trägt das weiter zu einer fairen Einkommensverteilung bei.

Besonders stossend bleibt der Lohnunterschied, der keinen anderen Grund hat, als das Geschlecht. Da ist natürlich keiner dafür. Eine Mehrheit im Gemeinderat hat aber ganz deutlich zu verstehen gegeben, wie unwichtig sie es finden, dass Frauen, nur weil sie Frauen sind, Monat für Monat hunderte Franken zu wenig verdienen. Sie finden es so unwichtig, dass es ihnen schon als unzumutbarer Aufwand erscheint, wenn Unternehmen bei Aufträgen der Stadt eine Selbstdeklaration mit Verpflichtung zur Einhaltung der Gesetze einreichen müssen.

Im kommenden März sind Gemeinderatsneuwahlen, bis Ende Jahr werden die Listen zusammengestellt. Ich hoffe, dass viele kandidieren werden, welche den Rechtsanspruch auf Lohngleichheit und die Bedürfnisse von Familien nicht so leichtfertig als unbedeutend abtun. Und ich wünsche allen Frauen und natürlich auch den Pflegefachmännern und Kleinkinderziehern viel Durchsetzungskraft bei den nächsten Lohnverhandlungen.

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