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Abschied mit Wehmut

Kreuzlingen – Seit über 130 Jahren verkauft das Familienunternehmen Pfaendler an der Hauptstrasse Uhren und Schmuck. Damit ist auf Ende Jahr Schluss. Fachkräftemangel aber auch erschwerte Bedingungen am Standort und der Wandel des Einkaufsverhaltens sind die Hauptgründe für die Schliessung des Traditionsgeschäfts.

Caroline Andres und Vater Dieter vor ihrem bekannten Uhrengeschäft. (Bild: sb)

Was ab Januar 2019 mit dem Laden geschieht, steht noch nicht fest. «Erst mal machen wir den Abschluss, dann sehen wir weiter», sagt Geschäftsführerin Caroline Andres. «Ich freue mich auf jeden Fall darauf, mehr Zeit für mich selbst zu haben», so die studierte Sekundarlehrerin über ihre berufliche und private Zukunft.

Sie hat die Leitung des bekannten Kreuzlinger Uhren- und Schmuckhauses im Jahr 2012 übernommen und sich als Kauffrau und Uhrenfachverkäuferin weitergebildet. «Ich bin aber keine Goldschmiedin und keine Uhrmacherin», spricht sie die Schwierigkeiten an, heutzutage Fachkräfte in diesem Bereich zu finden. Die Vorgaben der grossen Uhrenhersteller erschweren dies zusätzlich: «Ohne die entsprechenden Schulungsnachweise und Prüfungen wird man von Ersatzteillieferungen ausgeschlossen», sagt die Kreuzlingerin. «Dann bekommt man nicht einmal ein Lederband für die Uhr und muss sie einschicken.»

In der Branche ticken die Uhren definitiv anders als im vorigen Jahrhundert, das sei vergleichbar mit dem Autohandel. So war Pfaendler das erste Partnergeschäft im Thurgau für die edlen Luxusuhren von Omega – aber auch das letzte, als der Hersteller wie so viele andere seine Strukturen und das Verkaufsnetz straffte. Heute setzen die Hersteller auf Mono-Brand-Stores oder Shop-in-Shops.

Dabei blühte das Geschäft viele Jahre. Vater Dieter Andres arbeitet seit über 50 Jahren bei der Firma Pfaendler. Er machte den Umzug mit, 1988 erwarb er das Geschäft mit seiner Frau Jaqueline, 2004 wurde die Ladeneinrichtung aus den 60er Jahren modernisiert. Der Goldschmied und Uhrmacher freut sich jetzt auf seinen Ruhestand. Wenn er Ende Jahr sein Werkzeug beiseite legt, bleibt in Kreuzlingen nur noch ein einziger Uhrmacher übrig.

Früher war mehr los
«Ein Fachgeschäft muss Fachleute haben», stimmt Andres seiner Tochter zu. «Sonst stimmt das nicht mit unserer Philosophie überein.» Er erinnert sich noch an Zeiten, als Kreuzlingens Hauptstrasse belebter war und nennt mit der Entwicklung in Kreuzlingen einen weiteren Grund für den Abschied: «Früher gab es hier alles zu kaufen und dazu mehrere Cafés, Restaurants und Kneipen. Es gab viel mehr Laufkundschaft als heute, man traf sich im Zentrum und flanierte», so Andres.

Das hat auch seine Tochter so erlebt: «Damals gingen wir lädelen in Kreuzlingen, es gab zahlreiche Geschäfte mit attraktivem Angebot. Die Stadt hat gelebt. Nach Konstanz zum shoppen ging keiner», erinnert sie sich mit etwas Wehmut an ihre Jugend in Kreuzlingen. Während sich die Nachbarstadt entwickelte, sei hier die Zeit stehen geblieben.

Um die Situation des Kreuzlinger Zentrums zu verbessern, hat die Geschäftsfrau selbst Engagement gezeigt, unter anderem beteiligte sie sich an den Workshops und Umfragen des Netzwerks Altstadt. «Konstruktive Ideen zur Optimierung scheinen da zu sein, die Verwirklichung fehlt noch», sagt Caroline Andres. Ein Parkleitsystem etwa sei dringend notwendig und seit Jahren pendent.

Schön wäre des Weiteren eine Parkplatzbewirtschaftung, welche die Kunden der Geschäfte am Boulevard bevorzugt oder sie Parkplätze kostenlos nutzen lässt. Oder wenn eine Stelle explizit fürs Stadtmarketing geschaffen würde, die als Bindeglied zwischen Gewerbe und Stadt an der Umsetzung eben solcher Ideen zur Standortverbesserung arbeitet. «Die Situation in Kreuzlingen ist verfahren, Planung und Umsetzung halten sich nicht die Waage», sagt sie.

Onlinehandel und Einkaufstourismus sorgen zusätzlich dafür, dass dem Kreuzlinger Detailhandel die Zeit knapp wird. Aus diesem Grund gilt ein grosser Dank der Familie Andres all den Kunden, welche das Geschäft über die Jahre unterstützt haben. Man blicke auf tolle Begegnungen, wertschätzende Gespräche, fröhliche Momente, tolle Kunden und wunderbare Mitarbeitende zurück. «Vielen Dank für alles», so Familie Andres. «Doch jetzt ist es Zeit, die Uhren neu zu stellen.»

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Ein Gedanke zu „Abschied mit Wehmut

  1. Bruno Neidhart

    Mit dem Verlust eines weiteren Uhrenfachgeschäfts scheint bald eine Geschichte zu enden, welche die Hauptstrasse – neben den vielen Bank-Instituten – jahrzehntelang erfolgreich prägte: Der hochspezialisierte Fachgeschäfts-Einzelhandel. Stefan Bökers Bericht gibt hier ereignisabhängig wiedermal einen gute Einblick in den Wandel, den das Zentrum von Kreuzlingen durchmacht. Die Familie Andres schildert dazu einige Hintergründe, die zu diesem Wandel beitragen und geben gleichzeitig noch einige kleine Tipps, eingeschlossen verkehrstechnische, wie dem miserablen Jetztzustand etwas zu entgegnen wäre (Der Verlust des Stadhauses ist in diesem Zusammenhang nur noch die Krone des Wandels – hier stadtseits allerdings in eigener Regie verschuldet).

    In der Tat war früher an der Hauptstrasse – bei einer damals viel geringeren Einwohnerzahl als heute! – deutlich „mehr los“. Es „flanierte“, wie im Artikel ausgedrückt wird. Dieses Flanieren war quasi ein gesellschaftlich vergnüglicher Akt, den man als sinngebend empfand. Man traf sich, man identifizierte sich mit der Stadtmitte, ihrem Handelsangebot, den Gaststätten, usw. Besonders gesellschaftlich eindrücklich jeweils bei Abstimmungen und Resultatverkündigungen. Es wurde also noch eine Mobilität verlangt, um seine Meinung zu äussern. Das Stadthaus als Mitte und Stadttreffpunkt.

    Es ist selbstverständlch nicht so, dass „früher“ alles besser war. Es ist aber auch nicht so, dass heute alles „besser“ ist. Der breit zu beobachtende Rückzug ins „persönliches Schneckenhaus“ erscheint dabei ziemlich „digital“ bestimmt. Für den Einzelnen lässt sich (muss nicht per se schlecht sein!) eben vieles aus Distanz regeln. So z.B. auch das Einkaufen. Täglich „rennen“ Dutzende von Paketverteilern durch die Stadt. Auf diese Gewohnheit antworten seit Langen übrigens auch Einzelhändler mit ihrem digitalen Angebot. Es ist quasi ein Muss, um möglichst noch lange durchzuhalten. Dass damit gleichzeitig das klassische „Lädelä“ zurückgeht, ist ein ungewolltes Nebenprodukt.

    Der Wandel im Einkaufsverhalten trifft heute sichtbar auch „Uhren“. Man begegnet ihnen z.B. im Internet täglich mehrmals. Darüber hinaus entstehen laufend neue Uhrenmanufakturen mit „zeitgemässen Vertriebsstrukturen“. Und durch die Möglichkeit, erprobte Uhrenwerke vom spezialisierten Hersteller zu beziehen, machen sich ganz neue Branchen auf, Uhren zur produzieren und selbst zu vertreiben. So haben sich etwa – als markantes Beispiel – die Kaliber 2824 und Valljoux 7750 von ETA (Swatch) zu einem mittelpreislichen (Werk-) Bestseller gemausert. Und auch (CH-) Ronda-Quarzwerke marschieren lautlos weltweit. Nur so ist verständlich, dass zum Beispiel die „Flugbranche“ mindesten über den Namen inspiriert Uhren (in ansprechendem Design) herstellt und vertreibt (Junkers, Messerschmitt, Zeppelin, Lilienthal, usw.). Das alles hat nebenbei nichts mehr mit einer klassischen „Fliegeruhr“ zu tun, die früher (und noch heute) von Luxusuhren-Herstellern stammte (und stammt). Dies zeigt an einem kleinen Beispiel, wie das ganze Geschäft mit Uhren wohl tüchtig in Bewegung geraten ist. Die Familie Andres schildert dazu weitere, ganz erstaunliche Internas direkt aus der Branche. Als Laie hat man nur bedingt Zugang zu den erschwerten Bedingungen, mit denen sich der Einzelhhandel täglich zu beschäftigen hat. Das wirkt erklärbar dann auch bis in die Hauptstrasse hinein.

    Die Tage sind verrauscht, wo ich als Junge an den Uhrengeschäften an der Hauptstrasse nicht vorbei kam, ohne einen Blick besonders auf die schillernden Neuigkeiten zu werfen. Nun geht die Möglickeit, das Zentrum von Kreuzlingen u.a. auch von Uhrenfachgeschäften bestimmt zu sehen, weiter dramatisch zurück. Dabei hatte ich stets „im Kopf“, dass diese Örtlichkeit, nah an der D-Grenze, geradezu berufen sein müsste, mindestens die „Schweizer Uhr“ als ein Einzelhandels-Markenkern von Kreuzlingen zu repräsentieren. Ich stellte mir vor, dass hier zum Beispel mindestens einmal im Jahr ein „Tag der Schweizer Uhr“ mit allem Drum und Dran ausgerufen wird.

    Mit dem Kauf von (Schweizer-) Uhren für meine Enkel, sowie für mich (ETA-Werk 2824-2!) versuchte ich bei dieser Gelegenheit in einer „euphorischen Stimmung für die Kreuzlinger Hauptstrasse als Einkaufsstrasse“ zu retten, was zu retten ist und schlug dabei u.a. tatsächlich vor, als äusseres Zeichen der hier damals noch konzentriert vorhandenen Uhrenfachgeschäfte einen repräsentativen „Uhrenturm“ mit Schlagwerk zu erstellen (an Mami oder Papi: „Wänn lütets wider“?). Als Örtlichkeit machte ich an der Hauptstrasse eine Stelle aus, die in der Sichtachse zur Helveria, zum Löwen und zur Schützenstrasse liegen könnte, die ja zu einem wichtigen verbliebenen Einkaufspunkt im Zentrum hinführt. Wie gesagt – es war euphorisch! Diese Eigenschaft scheint an der Hauptstrasse ziemlich zu verpuffen. Die Gründe sind bekanntlich vielfältig. Auch hausgemacht. Ob sich die Uhren an der Hauptstrasse nochmals zurückdrehen lassen? Darüber wird schon seit Langem diskutiert. Bisher erfolglos. Woran liegt diese Erfolgslosigkeit?

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