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Jeder 20. Schüler in Konstanz aus der Schweiz

Konstanz/Kreuzlingen – Seit 2014 werden deutsche Schüler mit Wohnsitz in der Schweiz nur dann an einer städtischen Schule aufgenommen, wenn alle Schüler aus Baden-Württemberg versorgt sind. Damals sorgte ein geplanter Aufnahmestopp für großes Aufsehen in Konstanz. Fünf Jahre und eine entschärfte Regelung später zeigt sich: Es würde wohl auch ganz ohne Regeln gehen – obwohl der Anteil von Schülern aus der Schweiz gestiegen ist.

Viele Kreuzlinger Kinder überqueren auf ihrem Schulweg morgens die Grenze. (Bild: hacks/pixelio.de)

Genau 7955 Kinder und Jugendliche besuchen aktuell eine städtische Schule in Konstanz, davon haben aber nur 6222 ihren Wohnsitz auch in der Stadt. Selbst wenn man die Zahl jener Schüler aus den Teilorten Dettingen-Wallhausen, Litzelstetten und Dingelsdorf abzieht, bleiben mehr als 1000 ohne Konstanzer Wohnsitz übrig. Die meisten der auswärtigen Schüler – exakt 381 – leben mit ihren Eltern in der Schweiz. Umgerechnet auf die Gesamtzahl besitzt damit knapp jeder 20. Schüler einen Wohnort in der benachbarten Grenzregion. Oder: pro Klasse einer.

Interessant wird dies vor dem Hintergrund eines Gemeinderatsbeschlusses vor fünf Jahren: Ab dem Schuljahr 2014/15 sollten in Konstanz zunächst Kinder aufgenommen werden, die ihren Wohnsitz in Baden-Württemberg haben. «Sofern in den dann gebildeten Klassen noch Plätze vorhanden sind, können auch Kinder aufgenommen werden, die ihren Wohnsitz in der Schweiz haben», so die Empfehlung des Gemeinderats. Damals wohnten 305 von 7745 Konstanzer Schülern in der Schweiz, ein Anteil von knapp vier Prozent – weniger als heute also.

Der zuständige Schulausschuss war in seinen Vorberatungen noch weiter gegangen und hatte einen generellen Aufnahmestopp an Grundschulen für Kinder mit Schweizer Wohnsitz em pfohlen. Der Vorstoß sorgte für von der Stadtverwaltung unerwartetes Aufsehen. 400 Eltern unterzeichneten eine Petition mit der Forderung: freie Schulwahl für deutsche Kinder mit Schweizer Wohnsitz. Einige Kritiker warfen der Stadt vor, gegen die Kultur des grenzfreien Raums zu entscheiden; teils wurde gar von Rassismus gesprochen. Das Kultusministerium und das Regierungspräsidium Freiburg als Aufsichtsbehörden äußerten Bedenken hinsichtlich der rechtlichen Zulässigkeit eines solchen Aufnahmestopps, die bis zu verwaltungsgerichtlichen Klagen gegen das Land führen könnten.

Angewandt wird seither die abgespeckte Version. Eltern mit Schweizer Wohnsitz erhalten erst dann eine Zusage, wenn alle aus Baden-Württemberg bedient sind. Fünf Jahre später stellt sich angesichts der Statistik die Frage: Hätte es diese Regelung überhaupt gebraucht? Nach wie vor wohnen 62 Konstanzer Grundschüler in der Schweiz, elf von ihnen wurden im September eingeschult. Bei den Gymnasien kamen 19 Fünftklässler aus der Schweiz hinzu, insgesamt besuchen damit 249 Schüler mit Schweizer Wohnsitz – oder jeder achte – ein Konstanzer Gymnasium. Die Verteilung ist dabei sehr unterschiedlich. Lagebedingt sind vor allem die innerstädtischen Grundschulen im Wallgut und vor allem die Stephansschule begehrt. Deren Rektor Andreas Hipp hält die jetzige Regelung für sinnvoll: «Dass Konstanzer Eltern vorrangig behandelt werden, ist nur fair. Sie bezahlen schließlich auch hier Steuern.» Insgesamt erlebe er seit der aufgeregten Diskussion vor fünf Jahren eine Versachlichung. «Beschwerden gibt es keine. Weder von Bürgern mit Wohnsitz auf deutscher noch auf Schweizer Seite, wenn es zu einer Absage kommt.»

Die erteilt auch das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium – und zwar auch an Eltern mit deutschem Wohnsitz. Fünf Eingangsklassen wurden dort zum aktuellen Schuljahr gebildet, dennoch mussten rund 20 Eltern auf andere Schulen in Konstanz ausweichen, erklärt Schulleiter Jürgen Kaz. Eltern fragten dann mitunter nach, ob die Schulleitung auch alle Regeln und Kriterien eingehalten habe. «Die Frage ist legitim», sagt Kaz. Eine solche Nachfrage könne lauten: Wie kann es sein, dass mein Kind nicht ans Humboldt darf, aber eines mit Schweizer Wohnsitz schon? Es gibt doch eine Vorrang-Regelung. Im laufenden Schuljahr geschah dies dreimal. «Das sind allesamt Geschwisterkinder», erklärt Jürgen Kaz. Für sie gilt eine Ausnahme von der Regel, sofern eine ältere Schwester oder ein Bruder bereits das Humboldt besucht. «Ansonsten hätten wir auch sie nicht annehmen können», so Kaz.

Die Aufregung, die bis zur Androhung von Gerichtsklagen reichte, habe sich stark beruhigt in den vergangenen Jahren – da gleiche sich seine Einschätzung mit der seines Kollegen Andreas Hipp. «Dass das überhaupt so hochkochte, mache ich an der teilweise herrschenden Stimmung gegenüber Schweizern in Konstanz allgemein fest», so Kaz. Wechselseitige Biografien im Grenzgebiet begleite das Humboldt seit seiner Gründung. «Es war immer so, dass bis zu zehn Prozent unserer Schüler in der Schweiz lebten», fasst Kaz zusammen. Dass deren Eltern grundsätzlich Interesse an einem Schulbesuch in Konstanz haben, macht Andreas Hipp von der Stephansschule auch am angespannten Wohnungsmarkt fest: «Es gibt Eltern, die in der Schweiz wohnen, weil sie hier nichts finden, mittelfristig aber nach Konstanz ziehen wollen. Logischerweise wollen sie ihren Nachwuchs dann von vornherein auch dort anmelden.»

geschrieben von von Benjamin Brumm

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