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Schattenseiten der Kindheit

Kreuzlingen – Psychische Krankheiten bei Kindern gelten als ein Tabu-Thema. Obwohl sich dies in den vergangenen Jahren gebessert hat, sind die Worte Kinder in Verbindung mit Psychiatrie vielen unangenehm. Dr. Med. Bruno Rhiner, Chefarzt der Kinder- & Jugendpsychiatrie bei den Psychiatrischen Diensten Thurgau, und eine betroffene Mutter erklären, warum dieses Thema Beachtung verdient hat.

Einige Eltern verlieren im Schatten und der Hektik des Alltags den Anschluss an ihre Kinder. (Bild: pixplosion/pixelio)

Julia Krämer (Name geändert) hatte bis vor knapp einem Jahr nichts mit Kinder- und Jugendpsychiatrie zu tun. Sie lebt in Kreuzlingen, hat zwei Jobs und ist alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen. «Ich habe mir nie viel Gedanken um Markus (Name geändert) gemacht», gibt sie zu. Ihr Ältester ist der eher Aufmüpfige, sie musste ihn quasi zwingen eine Ausbildung anzufangen und dort immer hinterher sein, damit er diese auch beibehält. «Markus war immer schon still, ein guter Junge, immer gute Noten, höflich und zuvorkommend», erzählt sie. Als vor einem Jahr die Noten des 14-Jährigen etwas schlechter wurden, hatte sie sich nichts dabei gedacht. «Im Nachhinein sehe ich, dass er darunter gelitten hat, obwohl die Noten nicht schlecht waren, nur nicht mehr so gut wie früher.»

Doch etwas hatte sich geändert, langsam und schleichend über Monate wurde Markus noch stiller, kapselte sich ab, vernachlässigte Freunde und lernte nur noch, bis er schliesslich selbst die Notbremse zog. «Als er nach Hause kam und mir sagte, er überlege, sich etwas anzutun, kam das für mich vollkommen überraschend! Ich meine, es waren einige schlechte Noten, aber das ist ja kein Grund. Ich dachte nicht, dass es so schlimm für ihn ist», erzählt sie mit zitternder Stimme. In der akuten Situation hat sie eine Suizid-Präventions-Hotline angerufen, welche sie zum Hausarzt schickte. Der schaffte es schnell, einen Kinder-und Jugendpsychologen zu vermitteln. Die Diagnose war ein Schock für die ganze Familie, Markus hatte eine Belastungsstörung und Depression.

Nach mehreren Monaten Therapie und der Einnahme eines leichten Psychopharmakas geht es Markus nun besser. «Ich habe am Anfang sehr mit der Therapie und den Medikamenten gehadert, aber es ging ja nicht anders», sagt seine Mutter. Die Schuldgefühle seien bei ihr sehr gross, doch sie arbeite daran, damit es Markus besser geht. Auf Nachfragen sagte dieser, er wisse nicht, wie es auf einmal so schlimm geworden sei. «Ich hatte immer gute Noten, habe viel gelernt, das war ein Teil meiner Persönlichkeit, etwas das mich ausmacht und als das weg war, fühlte ich mich … leer», erzählt er.

Unsichtbare Krankheit

Als Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiartrie hat Dr. Bruno Rhiner einen direkten Blick auf die Thematik. Psychische Krankheiten seien vielen unheimlich und oftmals unglücklich verknüpft. «Wenn ich einen Herzinfarkt hatte, ist dies ein Krankheitsbild, welches verstanden wird, bei Depressionen oder Burnout ist das nicht immer der Fall», erzählt er im Interview. Der Hauptgrund, warum uns psychische Erkrankungen bei Kindern so betroffen machen, sei seiner Meinung nach, dass es gegen unsere Vorstellung einer glücklichen Kindheit verstosse. Doch er sah in den vergangenen Jahren eine deutliche Besserung, «Eltern suchen heute unkomplizierter und direkter Hilfe als noch vor ein paar Jahren», schildert Rhiner.

Eine frühe Behandlung ist meist gleichzusetzen mit einem guten Heilungsverlauf. Der Leidensdruck einiger Kinder ist aber schwierig zu erkennen. «Viele Kinder, welche sich bei uns anmelden, sind in irgendeiner Weise auffällig geworden, sie stören den Unterricht, verletzen sich oder andere. Wir bekommen viel zu wenige von den Stillen, den Kindern mit Depressionen und Angstzuständen», stellt Rhiner fest.

Der Psychiater ist inzwischen ebenso ein Spezialist wie der Kardiologe oder Internist. Die Mittel der Behandlung haben sich in den letzten zehn Jahren weltweit weiterentwickelt, unterscheiden sich jedoch von anderen Bereichen der Medizin. Der Hausarzt kann ein Labor und andere Test ordern, um zu einer Diagnose und einer damit einhergehenden Therapie zu gelangen. Bei den Kinder- und Jugendpsychiatern ist die Diagnosestellung deutlich komplexer. «Wir reden mit dem Kind, den Eltern, dem Umfeld und zum Teil auch mit dem Lehrpersonal, um zu verstehen, was in dem Kind vorgeht», erklärt Rhiner. Bei der Wahl der Therapiemethoden gilt dabei immer, das Kind, wenn möglich, im Umkreis zu belassen und Probleme dort zu behandeln, wo sie sind.

Ambulante und aufsuchende Therapiemassnahmen seien meist sehr viel effektiver, als das Kind oder den Jugendlichen aus dem Umfeld herauszuholen. «Wir wollen den Eltern eher die Möglichkeit geben Experten für das Krankheitsbild ihres Kindes zu werden und dieses dadurch im Heilungsprozess zu unterstützen», sagt der Chefarzt. Grundsätzlich gilt: Eltern sollten sich Hilfe holen, wenn sie sich Sorgen machen.

Auf die Anzeichen achten

Eltern sollten zudem grundsätzlich auf Verhaltensänderungen Acht geben, diese sind bei stillen und zurückhaltenden Kindern wie Markus zum Teil schwieriger zu sehen als bei anderen. Das Gespräch mit dem betroffenen Kind zu suchen ist ein guter erster Schritt. Experten empfehlen dabei Fragen so zu stellen, auf welche der Jugendliche nicht mit einsilbigen Antworten entgegnen kann. Auch Gespräche mit dem Lehrpersonal können helfen, wenn die Eltern besorgt sind.

Viele Eltern schieben Stimmungsschwankungen der Pubertät zu oder gehen davon aus, dass es nur eine depressive Phase ist. «Das ist wie mit einem Fieber, wenn es nach einer Zeit nicht weggeht, gehen sie zum Arzt, um es abklären zu lassen», gibt Rhiner zu bedenken. Dr. Rhiner rät, lieber einmal etwas abklären zu lassen, als es unbehandelt zu lassen.

Hält die sogenannte «Phase» an, verschlimmert sich oder tritt vollkommen «grundlos» auf, sollte ein zweiter Blick riskiert werden. «Es versterben in der Schweiz mehr Kinder und Jugendliche an Suizid als in Verkehrsunfällen», erklärt Rhiner. Eine Behandlung ist zudem keine Abstempelung fürs Leben. Viele haben beim Wort Psychiatrie Medikamente und stationäre Aufenthalte im Kopf und wollen ihr Kind dem nicht aussetzen.

«Medikamente können in einigen Situationen Entspannung bringen und helfen, das Gleichgewicht wieder herzustellten. Die Schwelle, Kindern Medikamente zu geben, ist jedoch sehr hoch und wird nur nach sorgfältiger Abklärung und Erwägung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses übertreten», sagt Rhiner. Depression oder Angststörungen sind zudem etwas, gegen das viele nur schwer ohne Hilfe ankommen. «Zu einer depressiven Person zu sagen, dass sie einfach fröhlich sein soll, ist wie jemanden mit einem gebrochenen Bein zu sagen, er solle doch normal laufen», findet Krämer. Sie habe aber von den meisten Lehrern ihres Sohnes, als auch von dem Psychologen selbst, viel Unterstützung und Verständnis erfahren.

Mehr Unterstützung für
psychische Krankheiten

Gerade Eltern, dessen Kinder an einer psychischen Störungen erkrankt sind, ob nun einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder einer Depression, sollte nach Dr. Rhiner mehr Sympathie entgegengebracht werden. «Schuldzuweisungen sind in keinem Fall hilfreich», findet Rhiner. Diese Eltern tun ihr bestes und sind selten der Grund für die Krankheit ihres Kindes, sondern sogar der Schlüssel, um diesem zu helfen. «Ein stabiles Elternhaus und aufgeklärtes Umfeld sind die beste Therapie für jedes betroffene Kind», sagt der Chefarzt.  

Statistik

Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen in der Schweiz (10 bis 19) und die häufigste Todesursache bei 15 bis 24-jährigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. (Quelle: Bfs)

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