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«Sympathie empfinden ist okay»

Der linke Journalist Daniel Ryser hat ein Buch über den rechten Journalisten und Nationalrat Roger Köppel geschrieben. Die nicht autorisierte Biographie trägt den Titel «In Badehosen nach Stalingrad». Eineinhalb Jahre sammelte der Autor dafür Fakten und führte unzählige Gespräche mit Menschen aus dem Umfeld sowie mit Roger Köppel selbst.

Müde vom recherchieren? Autor Daniel Ryser. (Bild: zvg)

Herr Ryser, beim Lesen der Biographie von Roger Köppel entstand bei mir eine gewisse Art von Bewunderung für den Mann. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, musste Köppel früh einen Schicksalsschlag wegstecken: den Tod seiner Eltern. Dank seines Talents und Ehrgeizes machte er dennoch seinen Weg … Wie entwickelte sich Ihre Beziehung zu Roger Köppel während der Recherche?
Daniel Ryser: Die Beziehung blieb rein professionell. Eine Person verstehen und nachvollziehen zu können, heisst ja nicht, die Distanz zu verlieren. Oder dass man die Meinung teilt. Ich versuche, einen Menschen fassbar zu machen. Wenn Leser den Portraitierten dann sympathisch finden, ist das in Ordnung. Dieses Kennenlernen wirkt ja auch dem entgegen, jemanden zu erhöhen oder zu dämonisieren. Zu sehen: Der Köppel ist auch nur ein Mensch, der kocht auch nur mit Wasser. Auch wenn ich dafür aus dem eigenen politischen Lager angefeindet wurde.

Im Vergleich zu Ihren anderen Büchern ist mir eine stärkere Dramaturgie aufgefallen. Und das gleichzeitig der wissenschaftliche Anteil mit den Fussnoten ausgeprägter ist. Warum haben Sie diese Form gewählt?
In den Fussnoten stehen Insider-Informationen oder Ergänzungen. Diese sind für den roten Faden der Geschichte nicht wichtig, trotzdem für das Gesamtverständnis erforderlich. Es sind Informationen, die ich unbedingt drin haben wollte.

Wie ist die Idee entstanden, ein Buch über Roger Köppel zu schreiben?
Das war nach seiner Wahl zum Nationalrat. Er war sehr provokant, auf allen Ebenen sehr erfolgreich und dabei sehr weit aussen. Aber gleichzeitig sehr fest im System drin. So mächtig und einflussreich zu sein, aber dann gegen die Eliten und das System zu wettern: diese Kombination fand ich spannend. Ausserdem kam seine Doppelrolle als Journalist und Politiker hinzu.

Da gibt es ja auch andere Beispiele, so ungewöhnlich ist das ja nicht …
Nur weil es häufig ist, heisst das nicht, dass es richtig ist. Ein Journalist sollte in keiner Partei sein.

Warum will man so eine Doppelrolle?
Um den politischen Einfluss zu vergrössern. Journalist und Politiker, das sind zwei völlig entgegengesetzte Aufgaben. Ein Politiker muss Kompromisse machen. Ein Journalist will das nicht, sondern seine eigene Haltung haben, die nicht von einer Fraktion oder Partei diktiert ist. Sonst ist es Parteijournalismus. Dann sollte man es auch so deklarieren.

Sie vertreten in Ihrem Buch die Meinung, dass Roger Köppel durch sein politisches Engagement seine Glaubwürdigkeit beschädigt.
Die Glaubwürdigkeit ist weg, wenn er sagt, er macht keinen Parteijournalismus, aber ständig diese SVP-Themen bespielt.

Sogar Weltwoche-Redaktor Alex Baur kritisiert das an seinem Chef. Sie haben mit ihm und unzähligen anderen Menschen geredet. Erst als das Projekt an Fahrt aufnahm, erklärte sich auch Roger Köppel zur Zusammenarbeit bereit. Wie schaffen Sie das: das Vertrauen Ihrer Interviewpartner zu gewinnen?
Man muss sich interessieren für die Leute. Ganz wichtig ist der Faktor Zeit. Man kann nicht kommen und sagen «Ich bin da was am schreiben dran, das morgen erscheint». Das Vertrauen muss sich aufbauen. Viele stehen am Anfang nur für ein Kennenlerngespräch zur Verfügung. Bei diesem Buch habe ich aber sicher davon profitiert, dass ich über die Bande gespielt habe und es nicht um die Menschen selbst ging, sondern um eine andere Person.

Was hat Sie bei Ihrer Recherche überrascht?
Dass so viele so offen mit mir redeten. Dass sie keine Plattitüden von sich gaben, sondern ehrliche Antworten auf die Frage: «Wie war das eigentlich?»

Wie muss man sich das technisch vorstellen? Speichern Sie diese Unmenge an Information einfach auf Ihrem Laptop und wursteln dann irgendwie rum?
(Pause) Ja.

Wie viele Interviews haben Sie für das Buch geführt?
Ich weiss es nicht genau, aber über hundert auf jeden Fall. Diese tippe ich dann vollständig ab, bevor ich sie sichte, ordne und auswähle.

Lesung
Heute Freitag, 14. Dezember, 21 Uhr (Tür: 20 Uhr) wird Daniel Ryser im Horst Klub an der Kirchstrasse 1 aus seinem Buch lesen. Es ist die vorletzte Station seiner Lesereise, die rund 20 Termine umfasste. www.horstklub.ch

Wie überprüfen Sie, ob eine Aussage verlässlich ist?
Indem ich die Aussagen mit anderen gegengechecke. Um die Glaubwürdigkeit zu unterstreichen und aus dem Gebot der Fairness Herrn Köppel gegenüber mussten die Interviewpartner mit ihrem Namen hin stehen. Anonyme Quellen gibt es nur ganz wenige im Buch.

Mussten Sie auch Sachen weglassen?
Es gab tatsächlich Vieles, was der Überprüfung nicht standhielt, das ich aber gerne im Buch gehabt hätte.

Was denn?
Das darf ich selbstverständlich nicht sagen.

Bei Ihren Nachforschungen haben Sie sicherlich Einblicke in Welten bekommen, die so nicht möglich gewesen wären. Welches Buch hat Ihnen bisher am meisten Spass gemacht bei der Recherche?
Ich habe mir bei allen Büchern Themen gesucht, bei denen ich das Gefühl hatte, damit kann ich mich ein Jahr beschäftigen. Mich als Reporter auf unbekanntes Terrain zu bewegen, hat mir immer Spass gemacht. Der Anspruch, einen grossen journalistischen Aufwand auf sich zu nehmen, um ein klares Bild zu erlangen, war jedes Mal vorhanden.

Wäre es Ihnen wichtig, dass Roger Köppel Ihr Buch liest?
Ja. Aber das hat er anscheinend nicht.

Was steht als nächstes an?
Das kann ich noch nicht sagen. Ich fahre erst mal in den Urlaub nach Mexiko und nehme einen Sack voll Bücher mit. Es hat sich einiges angestaut, das ich selbst gerne lesen will.

Daniel Ryser, Jahrgang 1979, kommt aus Steckborn und absolvierte in Kreuzlingen eine Lehre bei der Urs Portmann Tabakwaren AG. Seine ersten journalistischen Gehversuche startete er im Thurgau, unter anderem beim St. Galler Tagblatt. Der spätere WOZ-Redaktor wurde für seine Reportage über Quaasim Illi, Vorsitzender des Islamischen Zentralrats, zum «Schweizer Journalisten des Jahres 2016» gewählt.

Roger Köppel, Jahrgang 1965, gilt als wortmächtigster und streitbarster SVP-Politiker des Landes. Seine Vorträge füllen Hallen, seine Anhänger verehren ihn. Gegner zappen angewidert weg, wenn er in Talkshows provokative Thesen zum Besten gibt. Der einstige Kulturredaktor beim Tagesanzeiger ist heute Chefredaktor und Verleger der Weltwoche. 2015 wurde er mit Rekordergebnis in den Nationalrat gewählt.

 

 

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