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Der Herr im Internet muss warten

Kreuzlingen - Die evangelischen Kirchgemeindeversammlung hat mit immer weniger Steuereinnahmen zu kämpfen. Die Idee, künftig die Gottesdienste direkt ins Internet zu übertragen, sorgte deshalb nicht zuletzt wegen der Kosten für rege Diskussionen. Die einen sehen im Internetdienst einen neuen Weg, das Evangelium zu verkünden, die anderen den drohenden Zerfall der Kirchgemeinde.

Beim gemeinsamen Einsingen war die Stimmung noch gut. (Bild: ek)

Noch zu Anfang der Budgetversammlung beschwor Kirchenpräsident Thomas Leuch die Versammlung auf einen gemeinsamen Frieden ein. «In diesem Jahr stehen wichtige Weichenstellungen für die Zukunft an», erklärte Leuch, weshalb es entscheidend sei, zusammen Lösungen zu finden. Lange hielt dieser Wunsch nach Eintracht jedoch nicht an, bereits bei der Traktandenliste gab es Zoff.

Aufgrund eines kurzfristigen Rücktritts aus der Synode, der obersten Behörde der Evangelischen Landeskirche Thurgau, wollte die Kirchenvorsteherschaft eine Ersatzwahl anberaumen. Ein Kandidat für das Kirchenparlament steckte bereits im Köcher, welchen die Vorsteherschaft gerne der Gemeinde vorgestellt hätte. Für das vorschnelle Vorgehen hagelte es jedoch Kritik: Andere Interessenten für einen Einsitz in die Synode hätten keine Chance gehabt, sich zu melden. So wurde die Ersatzwahl mit deutlichem Mehr auf die nächste Versammlung im Mai verschoben. Auch das Budget wurde kleinlich von einigen wenigen Kirchbürgerinnen und Kirchbürgern auseinander genommen. Die neue Kirchenpflegerin Marianne Pfändler konnte jedoch fundiert und detailliert zu einzelnen Kostengruppen und Mehrausgaben Auskunft geben, weshalb der Finanzplan mit einem gleichbleibenden Steuerfuss von 14 Prozent verabschiedet wurde.

Nun galt es, die Pensen der Pfarrer für die Zukunft neu aufzustellen. Da Pfarrerin Andrea Stüven mitte Jahr pensioniert wird und Pfarrer Gunnar Brendler nur noch zu 40 Prozent bei der Kirchgemeinde tätig ist, gilt es zwei neue Seelsorger zu suchen. An dem 300-Prozent-Pensum wurde nicht gerüttelt und so verständigte sich die Versammlung darauf, eine neunköpfige Pfarrwahlkommission einzusetzen. Diese soll bis zur nächsten Kirchgemeindeversammlung valable Kandidaten für die Empore suchen.

Hochzeit oder Taufe auf Video
Vor einem Jahr hatte Walter Studer die Idee in die Versammlung eingebracht, künftig die Gottesdienste aus Kreuzlingen direkt ins Internet zu übertragen. Nachdem eine Arbeitsgruppe fünfmal getagt hatte, konnte Studer nun die Früchte ihrer Arbeit vorstellen: Zwei Videokameras sollen künftig die Predigten, aber auch Hochzeiten oder andere Veranstaltungen festhalten können. Über Youtube, die Homepage der Kirchgemeinde sowie internetfähige Fernseher kann der Gottesdienst dann bequem von zu Hause aus geschaut werden. Zu einem happigen Preis: Alleine die Installation von Licht und Kameras, sowie die Anschaffung der Software würde die Kirche 34’000 Franken kosten.

Hinzu kämen jährliche Kosten für die Speicherung der Daten bei einem Drittanbieter in Höhe von 13’800 Franken. Walter Studer, welcher sich in Kostenfragen gerne als Kritiker der Vorsteherschaft hervortut, warb nun für seine Vision «ein Publikum zu erreichen, welches nicht in die Kirche gehen kann.»

Angst vor der Einsamkeit
Eine Vision, die bei vielen Anwesenden für Angst sorgte: «Ist es gemeinschaftsfördernd, wenn sich alle nur noch zu Hause den Gottesdienst anschauen?» war eine Frage, welche in der Diskussion oft zu hören war. «Was den kirchlichen Bereich anbelangt, sind wir im Internet bereits bestens versorgt», führte eine Kirchbürgerin gegen eine zusätzliche Übertragung ins Feld. «Wir müssen in diesem Bereich keine Pionierarbeit leisten», waren weitere negative Voten.

«Das ist keine Investition in die Zukunft, sondern in die Gegenwart», entgegnete Studer. Dem pflichtete auch Heinz Lanz bei, welcher in einem Altersheim arbeitet: «Dort kommen viele Menschen mit dem Laptop zum Frühstück.» Mesmer Paul Stadelmann, welcher selbst in der Arbeitsgruppe mitwirkte, war der neuen Technik anfangs skeptisch gegenüber eingestellt. «Für mich ist es das wichtigste, dass wir das Wort Gottes in die Welt hinaustragen.» Diese Möglichkeit der Verbreitung des Evangeliums stiess sodann auf viel Anklang. Die hohen Anschaffungskosten sorgten jedoch für Bauchschmerzen: «Derzeit stehen viele andere Investitionen an, wie der Umbau des Kirchgemeindehauses, weshalb wir das Streaming zurückstellen sollten», stellte Frau Osterwalder den Antrag, die Abstimmung aufs nächste Jahr zu verschieben.

Aufgrund der Vielzahl an Voten war die Verwirrung gross, als der Kirchenpräsident zur endgültigen Abstimmung aufrief. Denkbar knapp, mit 30-Ja zu 28-Nein bei elf Enthaltungen sprach sich die Kirchgemeinde grundsätzlich für die Installation eines Streaming-Dienstes aus. Mit 43-Ja Stimmen waren sich jedoch in einer zweite Abstimmung viele einige, dass das Projekt mindestens auf 2020 verschoben wird. Ab wann man sich also die Kreuzlinger Gottesdienste aus der Stadtkirche im Internet anschauen kann, steht noch in den Sternen.

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