/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Aus Bruchstücken können Trümmer werden

Kreuzlingen – «Portrait of a Landscape», seit dem 25. Januar im Kunstraum ausgestellt, wendet sich gegen die Stereotypen, welche man für gewöhnlich mit der Schweiz in Verbindung bringt: Matterhorn, Schweizer Kreuz vor blauem Himmel, Kuh auf grüner Wiese. «Was ist mit der restlichen Schweiz?», fragte sich Pierre-Philippe Hofmann und begab sich auf eine lange Entdeckungsreise. Im Tiefparterre halten Ana Vaz und Tristan Bera uns den Spiegel vor: Eine Welt ohne Zukunft.

Kurator Richard Tisserand im Gespräch mit dem Künstler Pierre-Philippe Hofamnn. (Bild: Judith Schuck)

Die Landschaften in der Schweiz seien alle geplant, «alles ist unter Kontrolle». Dies ist eine Feststellung, zu der der in Brüssel lebende Künstler Pierre-Philippe Hofmann nach seiner sieben Jahre andauernden Beschäftigung mit diesem Thema kam. Die Motivation für seine Arbeit war, den Clichés etwas gegenüberzustellen und mehr über das Land seiner Wurzeln zu erfahren, aber auch den Betrachtern seiner Videos mehr von der Schweiz zu zeigen, «Teile, die sie überhaupt nicht kennen.»

Technik mit Gefühlen durchmischt
2012 startete das «Slow-Art»-Projekt, als Hofmann in der Künstlerresidenz Chretzerturm in Stein am Rhein zu Gast war. Die Idee war, von zehn verschiedenen Ausgangspunkten zum Herzen der Schweiz, der Älggialp im Kanton Obwalden, zu wandern. Nach jedem Kilometer Wegstrecke drehte er ein einminütiges Video. Daraus sind mehr als 2700 Videos entstanden, die auf 72 Bildschirmen im Kunstraum ausgestellt sind. Die jeweiligen Startpunkte seiner Wanderung legte er via Koordinatensystem fest, den Weg plante er mit Hilfe der Swiss-Topo-Software und GPS und die Reihenfolge des ausgestellten Filmmaterials legt ein Algorithmus fest.

«Aber ich bin kein Roboter», betont Hofmann, in diese Konzeptkunst fliessen Emotionen ein und jedes gefilmte Bild entspricht einer subjektiven Wahl von ihm. Diese bruchstückhaft abgebildete Schweiz steht für seine phänomenologische Vorgehensweise. Eine rein «objektive Arbeit gibt es nicht. Ich bezeichne es eher als eine realistische Arbeit.» Sie besteht aus persönlichen und konzeptionellen Aspekten. Spannend findet er auch, wenn Besucherinnen und Besucher Orte wiedererkennen und ihm ihr Geschichte dazu erzählen können.
Wie es dazu kam

Im Tiefparterre ist das Medium ebenfalls Film. Das Künstlerduo Ana Vaz (Brasilien) und Tristan Bera (Frankreich) zeigen allerdings auf einer Leinwand ein Zitat-Mosaik aus Filmbild, Ton und Text. «Diese Arbeit macht mich betroffen», sagt der Kurator Richard Tisserand. Denn «Réclamé» fordert die Betrachter dazu auf, sich mit dem Ist-Zustand unseres Planeten auseinanderzusetzen. Wir werden aufgefordert, unser Handeln und unseren Konsum, das Verdrängen der Krise, in der sich unser Planet befindet auf politischer, sozialer und ökologischer Ebene, zu hinterfragen. Es gibt Szenen, bei denen man schmunzeln muss, wie Ausschnitte aus dem Werner Herzog Film «Fitzcarraldo», und es gibt Denkanstösse, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt: Immer geht es um Fortschritt und Zukunft. Aber es wird so keine Zukunft geben.

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