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«Es gibt für Hass keine Begründung. Punkt»

Konstanz – Die jüdische Autorin Juna Grossmann sprach an der Volkshochschule Konstanz über alltäglichen Antisemitismus und ihr Buch «Schonzeit vorbei - Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus»

Während einer Lesung berichtet Juna Grossmann über ihre Erfahrungen als Jüdin in Deutschland und den zunehmenden Antisemitismus, den sie und andere jüdische Menschen in ihrem Alltag erleben. (Bild: Julia Christiane Hanauer)

Juna Grossmann ist eine Frau mit langen blonden Haaren, die an diesem Tag zu zwei Zöpfen gebunden sind. Auf ihren Lippen hat sie roten Lippenstift aufgetragen: eine ganz normale Frau. Und doch ist Juna Grossmann auch etwas, was man ihr nicht ansieht, was aber Menschen dazu veranlasst, sie zu beschimpfen, zu bedrohen und sie zu meiden, sobald sie davon erfahren: Sie ist Jüdin. Antisemitismus ist etwas, was ihr – und vielen anderen Juden – tagtäglich begegnet. Darüber hat die Berlinerin im September ein Buch mit dem Titel «Schonzeit vorbei – Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus» veröffentlicht, das sie kürzlich in der Volkshochschule Konstanz vorstellte. In ihm schildert sie Erfahrungen, die sie selbst und ihr nahe stehende Personen, ebenfalls Juden, in Deutschland gemacht haben.

Den Schluss vorweg: Nach Juna Grossmanns Lesung herrschte zunächst einmal Schweigen im Saal. «Ich bin sprachlos und muss das Gehörte erst einmal verarbeiten», sagte eine Zuhörerin schliesslich und bekam murmelnde Zustimmung der anderen Besucher. Juna Grossmann ist in Berlin geboren und aufgewachsen, hier hat sie ihre Wurzeln und ihre Heimat. Dass sie Jüdin ist, war für sie nie Thema. Dachte sie zumindest. Heute werde sie von fremden Personen aufgefordert, das Land zu verlassen und nach Israel zu gehen.

Ihre ersten Erfahrungen mit Antisemitismus machte sie im Jüdischen Museum in Berlin, wo sie 2001 als Aufsicht zu arbeiten begann. Es gibt Sicherheitskontrollen in diesem Haus. Regenschirme, Rucksäcke und so weiter dürfen nicht ins Museum mitgenommen werden. Das gibt es auch in anderen Museen. Das Ticketing, sagt Grossmann, das sei der Ort, an dem die Leute ihren Frust rauslassen, an dem Ort behaupteten die Leute, die Kontrolle sei die Rache der Juden an den Deutschen. Sätze wie «Schon wieder geben Juden vor, was ich tun soll», seien im Jüdischen Museum tägliche Vorkommnisse, berichtete Juna Grossmann, die auch einen Blog betreibt. Dort berichtet sie seit langem über ihre Erfahrungen. «Hier bin ich lange verschont geblieben», sagte die Berlinerin. 2014, als sie zum ersten Mal physische Angst verspürt und darüber auf ihrem Blog geschrieben habe, sei das Auslöser für die erste Hassmail gewesen, die sie bekommen habe. 2014 war das Jahr, in dem es den Gaza-Konflikt gegeben hatte. Zahlreiche Menschen – Rechte, Linke, Menschen mit Migrationshintergrund – gingen damals auf die Strasse. Es seien Sätze wie «Juden ins Gas» skandiert worden, erzählte sie. Es war die Zeit, in der die Jüdin, für die Berlin und Deutschland stets Heimat gewesen war, das Urvertrauen in dieses Land verlor. Denn es sei über Tage nichts passiert – keine Festnahmen, keine Ermittlungen, keine Berichte. Für zahlreiche jüdische Menschen war das der Moment, in dem sie das Land verliessen.

In ihrem Buch berichtet Grossmann, dass sie auch in ihrem Freundeskreis von Personen Ablehnung erfuhr, mit denen sie bis zum Bekanntwerden ihrer Religion viel Zeit verbracht hatte. Es waren Kommilitonen, mit denen sie nach den Prüfungen ein Wochenende am Meer verbringen wollte. Es war Schabat, sie hatte Kerzen angezündet und das Essen stand bereits auf dem Tisch, als die anderen kamen und sich über ein Abendessen bei Kerzenschein freuten. «Schabatkerzen», wie eine Freundin informierte – und damit etwas lostrat, wovon Juna Grossmann eigenen Worten zufolge bis heute nicht weiss, was passiert sei. Während sich eine Kommilitonin in Rage geredet habe über das Judentum, hätten die anderen geschwiegen.
Nach diesem Wochenende sei sie für die einstigen Freunde nicht mehr existent gewesen.
Sie schreibt in dem Buch nicht nur über ihre eigenen Erfahrungen, sondern auch über die von jüdischen Freunden und Bekannten. Von Lehrern, die ihren Schülern nicht sagen, dass sie Juden sind, von einem Ladenbesitzer, der so lange drangsaliert und beschimpft wurde, bis er seinen koscheren Laden schloss und mit seiner Familie nach Israel auswanderte, von einer Bekannten, die eine Wohnung mieten wollte und vom Makler gesagt bekam: «Die Besitzerin vermietet nicht an Juden.» «Viele Freunde kennen Verfolgung und Schläge, weil sie eine Kippa tragen», berichtete die Autorin und erzählte von einem Mann, der rund 15 Minuten durch die Strassen gejagt worden war, bevor er schliesslich in einem Laden Schutz fand.
«Das Bild des Juden auf gepackten Koffern ist wieder aktuell geworden», sagte Grossmann und fügte hinzu, dass das Sprechen über das Weggehen bei vielen Juden normal geworden sei. Gedanken, die für Grossmann bis vor fünf Jahren undenkbar waren, denn ihre Heimat, das war ganz klar Berlin.

Sie kam aus den USA nach Deutschland zurück, weil sie in diesem Land leben wollte. Dessen sei sie sich heute nicht mehr so sicher, sagte sie. «Was kann man dagegen machen?», fragte ein Zuhörer. Widersprechen und einschreiten, wenn etwas passiere, sich deutlich auflehnen – auch in der Familie, das ist es, was Grossmann mit auf den Weg gibt. Die Bürger, die nichts gegen Juden hätten, seien in der Mehrheit – aber eine Mehrheit, die schweige. «Was für Leute sind das?», will ein Mann wissen. «Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten», sagte Grossmann. Und auch aus allen politischen Richtungen. Oft gebe es Halbwissen über Juden und das Judentum. Woher der Hass komme, lasse sich nicht erklären. «Es gibt für Hass keine Begründung. Punkt.», sagt Grossmann.

Für den Schluss hatte sie dann noch eine Geschichte parat. Sie engagiert sich ehrenamtlich bei rentajew.org, einem Projekt der Europäischen Janusz Korczak Akademie. Es ermöglicht das Zusammenkommen von jüdischen mit nichtjüdischen Menschen. Die Ehrenamtlichen besuchen unter anderem auch Schulen. Und die Klassen, vor denen sie immer am meisten gewarnt würden, das seien meist diejenigen, die am meisten Interesse und Neugierde zeigten, berichtete Grossmann. Denn hier würden die Kinder und Jugendlichen oft zum ersten Mal Juden sehen – und bemerken, dass es ganz normale Menschen sind.

Zur Person
Juna Grossmann hat Sonderpädagogik studiert und verfügt über langjährige Erfahrung in der Arbeit für Gedenkstätten und Museen. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin erstellte sie die Ausstellung »Kriegsgefangene Rotarmistinnen im KZ. Sowjetische Militärmedizinerinnen in Ravensbrück.« Seit 2009 leitet sie das Ausstellungsbüro eines Berliner Museums. Nebenher ist sie Beraterin für Social Media Auftritte für Gedenkstätten und Kultureinrichtungen. Seit 2008 betreibt Juna Grossmann den Blog irgendwiejuedisch.com und engagiert sich ehrenamtlich bei rentajew.org.

geschrieben von Julia Christiane Hanauer

Bildunterschrift
Während einer Lesung berichtet Juna Grossmann über ihre Erfahrungen als Jüdin in Deutschland und den zunehmenden Antisemitismus, den sie und andere jüdische Menschen in ihrem Alltag erleben.

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