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Unterstützung für hilflose Helfer

Kreuzlingen – Wer verzweifelten Menschen zur Seite steht, kann selbst verzweifeln. Die Flüchtlingsbetreuer von Agathu müssen lernen, damit zuzugehen.

Psychologin Janis Roth mit Karl Kohli, dem Vereinspräsidenten der Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau. (Bild: zvg)

Die Arbeitsgemeinschaft für Asylsuchende Thurgau (Agathu) hat die anstehende Umwidmung des Kreuzlinger Empfangs- und Verfahrenszentrums in ein Bundesasylzentrum ohne Verfahrensfunktion zum Anlass für eine Weiterbildung genommen. Rund 150 Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Kreuzlingen und Umgebung in der Flüchtlingsbetreuung. Sie lehren Deutsch, arbeiten im Café an der Freiestrasse oder stellen sich als Integrationshelfer zur Verfügung. Bisher konnten sie immer wieder einen gelungenen Einstieg in das Leben in der Schweiz miterleben und mitgestalten. Demnächst aber kommen viele Menschen nach Kreuzlingen, die die Schweiz verlassen müssen, weil ihr Antrag auf Asyl abgelehnt wurde. «Ich habe schon Respekt in Bezug auf die Veränderungen hier», sagt eine der Teilnehmerinnen der Weiterbildung.

Risiken und Nebenwirkungen
Wie sehr sie damit Recht hat, betont Janis Roth, eine Psychologin aus Kreuzlingen, die Traumatherapie für Asylsuchende und Flüchtlinge bei Gravita in St.Gallen anbietet. «Es gibt die Gefahr einer sekundären Traumatisierung», erklärt sie. «Man steckt sich emotional bei den primären Opfern an.» Eine drohende Ausschaffung wirkt auf die Betroffenen nachweislich traumatisch. Sie leiden oft an einer posttraumatischen Belastungsstörung. «Kontrollverlust bewirkt Stress – bei den Ausreisepflichtigen wie bei ihren Betreuern.»
Ansteckend wirken auch die sogenannten Übertragungen von Geflüchteten. «Viele haben gelernt misstrauisch zu sein. Sie teilen die Welt in Gut und Böse ein, sehen sich selbst als hilfloses Opfer, das nichts zur eigenen Rettung beitragen kann.» Wer sich als Betreuer dessen nicht bewusst sei, neige zur Überidentifikation, zu Rettungsfantasien oder zu Schuldgefühlen, wenn die Rettung nicht klappt. Wird der traumatische Stress beim Helfer zu gross, führt das zu Depressionen, Schlafstörungen oder Ohnmachtsgefühlen. Nach einiger Zeit beginnt ein Selbstschutzmechanismus zu wirken: Man stumpft ab. Die Empathie lässt nach. Die Fachleute sprechen von «Compassion Fatigue».

Depressionsprophylaxe
Damit es nicht soweit kommt, müssen die Helfer rechtzeitig vorbeugen. «Es ist wie bei den Sicherheitshinweisen im Flugzeug», sagt Janis Roth. «Dort heisst es immer ‚Erst wenn Sie Ihre Atemmaske aufgesetzt haben, helfen Sie anderen.‘» Ein ausgebrannter Helfer nützt niemanden etwas. Deshalb ist es seine die erste Pflicht, für sich selbst zu sorgen. Gemeinsam kommen die Betreuer auf eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich nach belastenden Erlebnissen einen Ausgleich zu verschaffen. Die Spannweite reicht von «einfach mal die Füsse hochlegen» bis zu «durch den Wald rennen». «Humor hilft gegen vieles. Wer über sich selbst lachen kann, nimmt sich nicht mehr so wichtig», meint ein Teilnehmer. Jeder müsse seine eigenen Ressourcen mobilisieren, meint die Psychologin.

Die freiwilligen Helfer müssen ausserdem lernen, sich so weit zu distanzieren, dass sie nicht selbst in Mitleidenschaft geraten. Ihr selber helfe es, die Gespräche mit ihren Patienten in ihrem Computer zu protokollieren, erklärt die Psychologin. «Ich deponiere die traumatischen Erzählungen dort und hole sie vor der nächsten Sitzung wieder hervor. Also muss ich sie nicht die ganze Zeit mit mir herumtragen.» Wichtig sei es auch, Menschen im Umfeld zu haben, die einen rechtzeitig auf die eigene Stimmung ansprächen und aus einem Tief herausholen könnten, bevor man ganz versinke.

Die schönen Seiten betonen
Viele der Agathu-Mitglieder ziehen Kraft aus bereichernden Begegnungen mit den Migranten. Diese positiven Wirkungen sollten sie sich immer vor Augen führen, rät die Experten. Beispiel für schöne Erlebnisse gibt es viele: Sie erlebe eine grosse Dankbarkeit, sagt eine Frau. «Aber wir sind nicht einfach nur diejenigen, die geben», betont ein Mann. «Ich profitiere von Austausch. Es ist einfach interessant, was die Menschen aus fernen Ländern zu erzählen haben.» Jeder hat individuelle Gründe, sich zu engagieren. Dem einen macht es Freude zu unterrichten, der andere geniesst es, gemeinsam mit den Fremden zu lachen. Fast allen ist gemeinsam, etwas gegen das Gefühl der Ohnmacht unternehmen zu wollen. «Wir können zwar nicht die Riesenprobleme lösen, aber doch im Kleinen etwas bewirken.»

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