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Freund der Schwachen

Kreuzlingen – Uwe Moor, Gründungsmitglied F&W, und Karl Kohli, Präsident AGATHU, Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau schreiben einen bewegenden Nachruf für jemanden, für den die Schwachen immer Vorrang hatten.

Hans-Ruedi Müller-Nienstedt, ein Freund der Schwachen (14.7.1944 – 1.2.2019)
(Bild: zvg)

Am 19. Februar hat eine grosse Trauergemeinde vom Psychiater Hans-Ruedi Müller- Nienstedt Abschied genommen. Mit ihm ist ein vielseitig begabter und interessierter Zeitgenosse, ein Mensch mit einem grossen Herzen für die Schwachen unserer Gesellschaft, von uns gegangen. Aufgewachsen in einer kinderreichen Familie im Kanton Glarus, hat er nach dem Besuch des Kollegiums Appenzell in Freiburg und Basel Medizin studiert und dort auch als Kinderpsychiater gearbeitet. Anfang der Achtzigerjahre holte ihn der damals neue Klinikdirektor Karl Studer nach Münsterlingen, um ein neues Konzept für den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Thurgau zu entwickeln. 1986 eröffnete er eine eigene Praxis für Psychotherapie in Kreuzlingen.

Er war mit dabei, als es darum ging, die chaotischen Zustände rund um die neu eröffnete Empfangsstelle zu mildern und in der Bevölkerung das Verständnis für die Fremden zu fördern. Zusammen mit Freunden von «Fremde und Wir» (F&W) organisierte er jeweils den kantonalen Flüchtlingstag und war für die nötigen Finanzen besorgt. Gleichzeitig sammelte er Geld für Hilfsprojekte. Doch schon 1992 hat ihn eine schwere Erkrankung seiner Leber eingeholt. Diese musste ersetzt werden. Den langen Weg mit vielen Zweifeln, Abklärungen und Betrachtungen hat er in seinem Buch «Geliehenes Leben» beschrieben. Er fand zu neuer Lebendigkeit, gründete den eigenen Verlag «Zaunkönigin», engagierte sich politisch in der SP der Stadt Kreuzlingen, sang in Chören mit, wirkte als Kursleiter für Kindertherapeuten bis nach Finnland, dem Herkunftsland seiner Frau Imma.

2014 trieb er den Zusammenschluss des Vereins F&W mit dem Verein AGATHU voran. Er kämpfte unermüdlich für eine angemessene Betreuung und Förderung der Geflüchteten und legte selber Hand an. In seiner ruhigen, eloquenten Art konnte er überzeugen, oft auch Behörden. Ein besonderes Anliegen waren ihm die Kinder im Empfangs- und Verfahrenszentrums EVZ für Asylsuchende in Kreuzlingen. Immer wieder betonte er, dass sie zu ihrem Gedeihen Orte des Vertrauens brauchen. Darum begann er zusammen mit andern Fachleuten Kreativstunden für Kinder und Jugendliche anzubieten, vorerst im EVZ, der engen Raumverhältnisse wegen später im AGATHU. Dazu sammelte er die Kinder und Jugendlichen im EVZ und führte sie, teils zusammen mit ihren Müttern, in einer grossen Gruppe über nahezu einen Kilometer zum AGATHU. Hier wurde dann gezeichnet, gemalt, gespielt, musiziert und getanzt. Anschliessend brachte er die Gruppe jeweils zurück ins EVZ.

Letzten Sommer hat er eine Ausstellung eindrücklicher Zeichnungen von Kindern im «Open House» der Evangelische Kirchgemeinde in Kurzrickenbach unter dem Titel «Bilder auf der Flucht – auf der Suche nach einem sicheren Ort» gestaltet. Als Psychiater interpretierte er diese und organisierte eine Reihe von Begleitveranstaltungen. Leider sollte das sein letztes öffentliches Projekt werden. Am 1. Februar ist Hans-Ruedi seinem Leberleiden erlegen. Seine Einsatzfreude und Begeisterungsfähigkeit, seine behutsame Begleitung von Geflüchteten und Mitarbeitenden werden uns fehlen.

Uwe Moor, Gründungsmitglied F&W,
Karl Kohli, Präsident AGATHU, Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau

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