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Von Reue keine Spur

Kreuzlingen – Gestern hat der Prozess gegen den mutmasslichen Mörder einer Konstanzerin in der Tägerwiler Badi begonnen. Die Staatsanwaltschaft fordert die Höchststrafe: lebenslange Haft und Verwahrung. Beim Beschuldigten erkennt sie psychopathische Persönlichkeitszüge. Der Mann habe die Tat akribisch geplant und an Pfingsten 2016 kaltblütig und aussergewöhnlich grausam ausgeführt.

Der Prozess startete gestern vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen. (Bild: Archiv)

Vor knapp drei Jahren fanden Passanten die Leiche einer 38-jährigen Konstanzerin in der Seerheinbadi in Tägerwilen. Das Opfer wurde gewürgt, ihr wurde brutal der Schädel zertrümmert. Die Polizei konnte den mutmasslichen Täter nur wenige Tage später nach einer internationalen Fahndung in Barcelona verhaften.

Der heute 62-jährige ebenfalls aus Konstanz stammende Mann hat bereits mehrmals gestanden. Mit DNA-Spuren konfrontiert, gab er zu Protokoll, die Frau im Affekt getötet zu haben. Mittlerweile hat er aber widerrufen. Seine Aussagen vor dem Bezirksgericht sorgten für Irritationen.

«Es ist etwas passiert, womit ich nichts zu tun habe», leugnete der Angeklagte die Tat gleich zu Beginn. «Wer könnte denn sonst der Täter sein?», fragte die Bezirksrichterin. «Ganz ehrlich? Ich weiss es nicht», lautete seine Antwort. Die Richterin befragte ihn lange, wollte unter anderem Details über die Vorgeschichte und das Gefühlsleben des Angeklagten wissen.

Er schildert eine funktionierende Beziehung
Trotz des Altersunterschieds seien sie «ein Herz und eine Seele» gewesen. Er wollte die Konstanzerin heiraten. Der Sex war fantastisch. Aber er würde es nicht als Liebe bezeichnen, obwohl es «grosse Gefühle» waren. Liebe empfinde er für seine Ex-Frau. Es gelang ihm allerdings nicht, diese Gefühle näher zu beschreiben, auch bei mehrmaligem Nachfragen nicht.

Der Beschuldigte lebte auf Teneriffa. Nachdem er als Zahntechniker in Kreuzlingen Konkurs anmeldete, wanderte er dorthin aus. Er war zuletzt arbeitslos, jobbte nebenbei schwarz in einer Kneipe.

Beim Städteurlaub in Barcelona sei er spontan auf die Idee gekommen, seine Konstanzer Freundin zu besuchen. Sie hätten sich in Tägerwilen getroffen, im Kuhhorn etwas getrunken, die Hochzeit beredet und dann Sex in der Badi gehabt. Umgehend sei er danach wieder zurück nach Spanien gefahren, alles mit dem Mietwagen, weil er dort angeblich ein Rennen der Formel 1 sehen wollte.

Lange Strecken würden ihm nichts ausmachen, erklärte er den ungläubig schauenden Mitgliedern des Bezirksgerichts diesen unverhältnismässig grossen Aufwand für das kurze Treffen.

Blumen unweit der Seerheinbadi Tägerwilen einige Tage nach der Tat. (Bild: ek)

Ungereimtheiten in der Story des Mannes
Nicht nur hier ist für die Staatsanwaltschaft klar, dass die Ausführungen des Beschuldigten an den Haaren herbeigezogen sind. Obwohl er mit dem Opfer eine sexuelle Beziehung hatte, lebte er eigentlich mit einer anderen Frau, einer Russin, zusammen. Seine Bekannten auf Teneriffa kannten nur diese Frau als seine Lebensgefährtin. Die Ergotherapeutin wurde lediglich als «Mitbewohnerin» wahrgenommen, obwohl sie zeitweise mehrere Monate auf der Insel lebte und arbeitete.

Wenig romantisch auch der Heiratsantrag: Im Flugzeug nach Barcelona fragte er sie per SMS. Und bat sie, so schnell wie möglich einen Termin auf dem Konstanzer Standesamt auszumachen. Bereits 2015 hatte er eine Lebensversicherung mit einer Versicherungssumme von 500’000 Franken auf sie abgeschlossen, mit ihm als Alleinbegünstigtem. In Tägerwilen liess er die Frau zudem eine private Generalvollmacht unterzeichnen, welche ihn auch über ihren Tod hinaus zum Herrn über ihre Angelegenheiten gemacht hätte.

Das ist für die Staatsanwaltschaft das Motiv. Der Täter habe sich bereichern und gleichzeitig rächen wollen, denn in seinen Augen gab er der Geliebten die Schuld am Auseinanderbrechen seiner Ehe. Sie hatte ihm zudem eine grosse Summe Geld geliehen. Alle seine Bekannten berichteten von finanziellen Problemen.

Akribisch geplant
Die Ermittler fanden auch heraus, dass er den Besuch in Konstanz von langer Hand geplant hatte. Schon Wochen vorher hatte er sich einen Mietwagen reserviert, um unerkannter als mit dem Flugzeug reisen zu können. Er hatte die Strecke gegoogelt und nach Vorlagen für eine Generalvollmacht gesucht. Er traf Stunden vorher in Tägerwilen ein, inspizierte den Tatort und versteckte einen Stein in der Astgabel des Baums, an den angelehnt die beiden Sex hatten.

Seine Freundin in die Falle zu locken, war nicht schwer. «Sie war ihm hörig», sagte der Staatsanwalt. Trotz bewiesenen Streits in der Beziehung war sie es, die mehr wollte. Die Anklage zitierte aus Mails, in welchen er sie übel beschimpft. «Bumsen ohne Gefühle» sei es stets für ihn gewesen, schreibt er, «nur billiger als im Puff».

Grausame Tat
Ein Gutachten bestätigt dem Angeklagten zudem psychopathische Persönlichkeitszüge. Er sei kaltblütig und manipulierend. Eine Schuld mindernde Persönlichkeitsstörung oder psychische Krankheit liege nicht vor, seine Steuerungsfähigkeit sei «völlig intakt».

Er selbst beschreibt sich als «lebensfroh, freundlich, hilfsbereit und arbeitsam».

Emotionale Szenen
Nicht nur an dieser Stelle müssen Anwesende im Zuschauerraum mit der Fassung ringen. Viele kannten das Opfer. Tränen fliessen. Privatklägerin ist die Mutter der getöteten Frau. Die Beziehung zur Tochter war innig, sie war die letzte Familienangehörige, ihr Ehemann starb vor 26 Jahren bei einem tragischen Verkehrsunfall. Das Gesicht der 75-Jährigen ist vom Kummer gezeichnet. Immer wieder dreht sie sich zur Seite, blickt rüber zum Angeklagten, möchte ihn aber nicht lange ansehen.

Sieht so ein Psychopath aus? Der Beschuldigte mit den eher weichen Gesichtszügen und dem gemütlichen Schnauz ist 62 Jahre alt. Sein Haar ist fast komplett weiss, die Frisur verstrubbelt, er wirkt müde. Die Turnschuhe passen nicht zur Jeans und zum schlabbrigen Sakko. Eine gescheiterte Existenz, trotzdem einer, der bei Frauen einen Schlag hatte.

Weil der Wirt des Kuhhorns das spanische Nummernschild des Mietwagens notierte, konnten die Ermittler ihn schnell stellen. Er hatte Kratzspuren an den Händen. Die Kleidung, welche er am Tag der Tat trug, war verschwunden. Noch bevor die Polizei den Fall öffentlich machte, hatte er in Spanien nach Polizeimeldungen aus Kreuzlingen gegoogelt – «Täterwissen», so die Staatsanwaltschaft.

Für die Anklage ist der Tatbestand des Mordes mehrfach erfüllt. Der Mann habe egoistisch und unerbittlich gehandelt. Sie fordert lebenslange Haft und zusätzliche Verwahrung. Der Angeklagte stelle eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar. Gemäss Gutachten ist das Risiko sehr hoch, dass er wieder töten könnte. Für die Gutachter ist auch klar: Seine im damaligen Geständnis behauptete Affekthandlung ist höchstwahrscheinlich eine Lüge.

«Ich habe Rot gesehen»
In ihrem Plädoyer zitierte die Staatsanwaltschaft daraus. Es sei über ihn gekommen, er habe Rot gesehen, danach wisse er nichts mehr. Ja, er habe sie erschlagen, «das muss wohl ich gewesen sein», so lauteten seine Worte. Weil sie ihn ausgelacht habe. Heute sagt er, er sei unter Druck gesetzt, zu Falschaussagen gedrängt worden. Als er von DNA-Funden hörte, die man unter den Fingernägeln fand, sei er panisch geworden. Durch das Wasser, in dem die Leiche lag, konnte die DNA nicht eindeutig zugeordnet werden. Klar war aber, dass sie vom Angeklagten oder einem anderen direkten männlichen Verwandten stammen muss. Mit der angeblichen Falschaussage habe er seinen Sohn schützen wollen, sagte der 62-Jährige – für die Staatsanwaltschaft eine völlig absurde Behauptung.

Indem er sein Geständnis zurückzog, entwertet der Angeklagte die Entschuldigung, welche er unter Tränen an den Anwalt der Mutter des Opfers gerichtet hatte. Dies geschah bei einer Begehung des Tatorts.

Deswegen: «Von Reue oder Einsicht keine Spur», verdeutlichte die Staatsanwaltschaft. «Es gibt nichts, aber auch gar nicht, was zugunsten des Beschuldigten gewertet werden kann.»

Das letzte Plädoyer am ersten Prozesstag gab der Anwalt der Mutter. Er schloss sich in seinen Anträgen der Staatsanwaltschaft an. Und erklärte, wieso die Mutter unbedingt am Prozess teilnehmen wollte. «Sie tut es für ihre Tochter. Sie möchte, dass ihre Tochter hier präsent ist. Sie möchte verstehen, wie so etwas geschehen konnte. Und sie will Gerechtigkeit.»

Für den Prozess sind weitere zwei Tage veranschlagt. Das Plädoyer der Verteidigung steht noch aus. Auch wird der Angeklagte noch einmal gehört. Das Urteil wird am Mittwoch erwartet.

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