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Kein Verzicht auf etwas, sondern für etwas

Münsterlingen - Fasten wird im 21. Jahrhundert anders verstanden als vor 1000 Jahren. Damals wurde mehrmals im Jahr gefastet und meist auf Essen verzichtet. Das Fasten soll aber auch eine Zeit sein, um in sich zu kehren und seinen Mitmenschen zu helfen. Pfarrer Josef Gander erzählt über sein Fasten und was er dabei erlebt hat.

Pfarrer Josef Gander rät während des Fastens zu beten und Gutes zu tun. (Bild: av)

Die letzten Konfetti sind gefallen und auf den Strassen ist es wieder ruhiger geworden. Doch noch während des bunten Treibens hat für die Gläubigen am Aschermittwoch, 6. März, die Fastenzeit begonnen. Sie endet mit dem Gründonnerstag, 18. April. Mittlerweile verzichten die wenigsten auf etwas zu essen, stattdessen minimieren sie die Zeit im Internet, vor dem Fernseher oder mit dem Smartphone. «Als Kind bekam ich während der Fastenzeit keine Schokolade, deshalb war ich über den Schokoladenhasen, den es an Ostern gab, umso glücklicher», erinnert sich Pfarrer Josef Gander und lächelt. Ausserdem wurde auf Eier verzichtet, daraus entstand die Tradition der Ostereier.

«Ich habe das strenge Fasten nie mitgemacht, denn man muss ja noch arbeiten können», sagt der 75-Jährige. Beim strengen Fasten wird für zehn Tage auf Essen verzichtet. Jedoch verzichtet Gander auf Fleisch und auf sonstige Esswaren, welche es nicht unbedingt braucht, wie beispielsweise etwas Süsses. Ein ihm bekannter Organist verzichtet während der 40-tägigen Fastenzeit auf Wein. «Es spielt keine Rolle wie man fastet. Denn in dieser Zeit geht es darum das Fasten, Beten und Gutes tun in Einklang zu bringen», sagt Gander. Deshalb hilft er beim Ausschank am Suppentag der Gemeinde oder verbringt viel Zeit mit Beten, um in sich zu kehren. Das Fasten hat zwar hauptsächlich mit Verzichten zu tun, aber es soll die Leute auch wieder dazu bringen, bewusster zu leben und zeigen, dass es nicht viel braucht, um glücklich zu sein. «Im Gespräch erzählen mir die Leute, auf was sie in der Fastenzeit verzichten, dass sie sich während und nach dem Fasten besser fühlen», sagt Gander.

In dieser Zeit ist Schmuck fehl am Platz

Das Fasten entstand aus rein religiösen Gründen. Es soll an das angeblich ebenso lange Fasten von Jesus Christus in der Wüste erinnern. Ausserdem soll es als Vorbereitung auf eines der wichtigsten christlichen Feste dienen: die Auferstehung von Jesus Christus, vielen besser bekannt als Ostern.

Auch die Kirche selbst bleibt in dieser Zeit schmucklos. Es gibt keinen Blumenschmuck und die Gemälde oder Statuen werden mit dem sogenannten Hungertuch verdeckt, welches entweder den leidenden Jesus zeigt oder violett ist. Violett, als Sinnbild für den Übergang und die Verwandlung, wird in den Busszeiten vor Ostern und Weihnachten getragen. Früher wurde auch in der Adventszeit gefastet, dies tun jedoch nur noch die orthodoxen Christen. Hochfeste wie Ostern haben die Farbe Weiss, als Symbol des Lichtes. So wird das Kirchenjahr in Farben aufgeteilt.

Auch in anderen Religionen wird gefastet und für eine gewisse Zeit auf Nahrung verzichtet. Bei den Muslimen heisst diese Zeit Ramadan und bei den Juden ist es der Jom Kippur.

Froh darüber sein was man hat

«Die Fastenzeit ist für den jährlichen Rhythmus eine gute Sache und ich kann mich mit Leib und Seele wieder auf das Wesentliche im Leben, wie meine Mitmenschen, besinnen», sagt Gander. Für seine Fasten-Predigten hält er sich an die heilige Schrift. Als Pfarrer ist er in den Gemeinden Münsterlingen, Altnau und Güttingen unterwegs. Für ihn ist eine der schönsten Fasten-Geschichten die des verlorenen Sohnes und des barmherzigen Vaters: Der jüngere Sohn verlangt von seinem Vater sein Erbe.

Sobald er es erhalten hat, zieht er fort und verprasst das Geld im Ausland. Als er dann nach Hause zurückkehrt, ist der Vater so froh über die Rückkehr seines Sohnes, dass er ihn kaum ausreden lässt und wieder bei sich aufnimmt. Er kleidet ihn festlich ein und veranstaltet ein grosses Fest.

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