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Die Suche nach Freiräumen

Kreuzlingen – Die Kunstnacht brachte am Samstagabend sowohl den Kreuzlinger Boulevard als auch die Konstanzer Laube zum Leuchten. Über 100 Kunstschaffende präsentierten ihre Kunstwerke, Performances und Inszenierungen unter dem Motto Freiräume in der Kunst auf beiden Seiten der Grenze. (Text/Fotos: Ann-Marie Köhn)

Wo sonst konnte die grenzüberschreitende Kunstnacht beginnen, als am alten Grenzübergang beim Hauptzoll, an dem die Geschichte der beiden Grenzstädte ausgestellt ist? Den Auftakt zur Nacht bot Ines Fiegert mit der ersten Live-Performance ihrer Karriere. Sie nutzte mehrere Gäste von beiden Seiten der Grenze, gab ihnen Spulen mit rotem und schwarzem Band in die Hand mit der Aufgabe, beide Städte symbolisch miteinander zu verbinden. Das Endergebnis war ein Eröffnungsband für die Kunstnacht, welches die grenzübergreifende Kooperation verdeutlichen sollte.

Kompetent zur Kunst geführt
«Solche Events sind wichtig, in Zeiten in denen wir von geschlossenen Grenzen und Mauern reden», sagte Bürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn in seiner Rede.

Nun hatten die Besucher die Qual der Wahl: Eine Inputführung ging nach Kreuzlingen, eine nach Konstanz. Claudia Thom vom Amt für Gesellschaft und Kultur in Kreuzlingen nahm sich der Gruppe in Richtung Kreuzlinger Boulevard an. «Ich bin begeistert, wie viele gekommen sind», freute sie sich und machte auf dem Weg auch auf die Kunst im öffentlichen Raum aufmerksam, so wie die «Couch» von Markus Brenner im Bellevue-Areal.

Thom führte die Gruppe wie eine Fremdenführerin durch die Stadt, ein gelbes Heft hochhaltend, damit keiner verloren ging. Der Weg endete beim Kult-X, hier zeigte der Kreuzlinger Fotograf Roland Iselin gemeinsam mit Kuratorin Dorothea Cremer-Schacht seine Ausstellung «Revisited – Twentysix Gasoline Stations & Troubled Land». Die Motive seiner Bilder liegen zum einen in den USA und zum anderen in Irland.

Abend ohne Grenzen
International ging es im Keller des Kunstraumes weiter. Hier konnten Besucher exklusiv vor der offiziellen Vernissage am 12. April einen Blick auf die Ausstellung «Rest or Stay» von Marianne Halter und Mario Marchisella werfen. Die Inspiration der Installation fanden die Künstler im fernen Japan. Der Kunst waren an diesem Abend also keine Grenzen gesetzt, aber man musste nicht fern schauen, um Heimat zu finden. In Pierre-Philippe Hofmanns Ausstellung «Portrait of a Landscape» dokumentierte der Fotograf die Schweiz von zwölf Grenzpunkten aus zur Mitte des Landes hin in Bildern. Viele Besucher verweilten in der Ausstellung, sowohl Schweizer als auch Konstanzer fanden Bilder, die ihnen vertraut waren. «Da waren wir jedes Jahr im Urlaub, als ich ein Kind war», ist nur einer der überraschten Ausrufen.

Kino in der Tiefgarage
Vom Kult-X aus geht es, mehr oder minder orientier,t durch die inzwischen dunklen Stassen von Kreuzlingen. Fast überall entdeckt man Besucher mit gelben Heften, die im Schein der Strassenlampen nach der nächsten Station suchen. Gelbe Ballons markieren ihren Weg zu verschiedenen Galerien und Ateliers. «Es ist ein bisschen wie eine Schnitzeljagd», sagte Hildegard Wirdt. Sie stand mit anderen unschlüssig vor dem dunklen Eingang einer Tiefgarage. Reto Martin kuratierte die Intervention «Kameras» als multiplexes Kino in zwei Tiefgaragen in Kreuzlingen. Eine davon unter dem «ceha!» war fast nicht beleuchtet. Die einzige Lichtquelle kam von Beamern, welche Schatten an die blanken Wände warfen und den Lampen der Notausgangsschilder. Fast ehrfürchtig traten die Besucher ein und fanden ein Schauspiel und Zusammenspiel verschiedenster Künstler vor. Insgesamt 20 Künstlerinnen und Künstler hat Martin so inszeniert, dass sie für sich alleine und doch zusammenstehen. Die andere Tiefgarage bildet einen lebhaften Kontrast dazu. Sie ist hell erleuchtet und voll geparkt. Besucher sitzen auf einer Bank umgeben von Audis und Seats und sehen vor sich die Werke von Veronika Spierenburg auf die Wand projiziert.

Von verschiedenen Stationen fuhren die Shuttles die mit gelben Band am Handgelenk gekennzeichneten Kunstsuchenden danach durch die Stadt und über die Grenze nach Konstanz. Hier erkannten viele die Laube nicht wieder. Eine bunte Installation von Fiegert zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Ganz im Stil der Bande ziehen sich Kokons in Menschengestalt, geformt aus Schnüren, zwischen den Bäumen entlang. Mit farbigem Licht beeindruckend in Szene gesetzt, fahren selbst Autofahrer langsamer, um einen Blick auf die kunstvolle Installation zu erhaschen.

Eine Stimme für die Schwachen
Ein weiteres Highlight ist auch die lichtgestützte Installation von Teresa Renn und Jan Behnstedt-Renn «Talking Trees». Auf der Inselfläche am Lutherplatz sind Bäume in verschiedenen Farben angeleuchtet, nur wer unter den Bäumen steht, kann die Stimmen hören, welche von oben aus den Ästen hinunter sprechen.

Die Künstler haben mit Konstanzer Obdachlosen gesprochen, diese aufgenommen und ihnen durch ihre Soundinstallation eine öffentliche Stimme verliehen. Die Obdachlosen berichteten von ihrem Leben, warum sie den Sommer nicht so gerne haben wie den Winter und warum sie in Konstanz bleiben. Mehr als eine Träne wird vom einen oder anderen aus dem Augenwinkel gewischt, während sowohl alte wie junge Menschen von Baum zu Baum gehen, um den Geschichten zu lauschen.

Das Kunst-Shuttle fährt durch ganz Konstanz, bis nach Fürstenberg und zur Universität Konstanz. Viele schafften es nicht, auch nur die Hälfte der von über 100 Künstlern ausgestellten Werke anzusehen, bevor die Uhr Mitternacht schlug. «Es ist schön zu sehen, wie vielfältig die Kunstlandschaft zu beiden Seiten der Grenze ist», sagte Walter Bruck. Er sass zuletzt an der Hochhus Bar und liess die Kunstnacht ausklingen. Einige Kunstliebhaber stromerten da noch durch die «Bilderwelten» von Yvonne Stuker, dann war die Kunstnacht offiziell vorbei.

Der Erfolg auch in diesem Jahr lässt bereits Vorfreude auf die kommenden Jahre aufkommen.

 

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