/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

Eine ungewisse Zukunft

Kreuzlingen – 70 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Krieg, Gewalt, Verfolgung und zusammenbrechenden Landesstruckturen. Sie müssen Haus und Hof zurücklassen, ohne zu wissen, was sie auf ihrem beschwerlichen Weg in eine ungewisse Zukunft erwartet. Seit vielen Jahren bietet Agathu Menschen, die im Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen auf einen anerkannten Flüchtlingsstatus warten, einen Ort zum Reden, Malen, Deutsch lernen und Abschalten. Am Dienstag, 2. April, fand die Jahresversammlung des Vereins statt. Eines der Hauptthemen war die Umwandlung des Asylzentrums Kreuzlingen.

Präsident Karl Kohli führte durch den Abend. (Bild: sz)

Karl Kohli, Präsident des gemeinnützigen Vereins Agathu, begrüsste die Mitglieder, die Presse, den Vorstand und Gäste wie den Stadtpräsident Thomas Niederberger und Stadträtin Barbara Kern. Die ersten Worte gebührten Hans-Ruedi Nienstedt, der anfangs Februar gestorben ist. Ursprünglich wollte er Priester werden. Er ist schlussendlich aus der Kirche ausgetreten und widmete sich anderweitig bedürftigen Menschen. Nienstedt, der stets ein Herz für die Anderen hatte, prägte den Kantonalen Flüchtlingstag fest mit und unterstützte als Psychiater Agathu und dessen Schützlinge. Kohli bat alle Anwesenden, als Ehrerweisung kurz aufzustehen.

Rechnung 2018 wurde angenommen
Die ersten Punkte der Traktandenliste widmeten sich Fakten und Zahlen. Dies muss schlussendlich auch sein, denn ohne einen funktionierenden Verein kann niemandem geholfen werden. Dank hohem Spendenaufkommen durch Einzelpersonen und Organisationen fiel die Rechnung 2018 positiv aus. Der Ertrag lag bei rund 2175 Franken. Revisor Maximilian Brand stufte die Rechnung als sorgfältig geführt ein und übereinstimmend mit dem Schweizer Recht und den Agathu-Statuten. Deshalb bat er die Versammelten diese zu genehmigen. Dies taten die Anwesenden ohne Gegenstimme. Kassier Paul Hasler erwartete für das Jahr 2019 einen Verlust über 4900 Franken. Dieser resultiert aus höheren Lohnausgaben, im Vergleich zum Vorjahr, und Kosten für Weiterbildungen. Karl Kohli wurde in der Funktion des Präsidenten erneut bestätigt. Auch die Revisoren erhielten das Vertrauen der Stimmberechtigten für eine weitere Amtsperiode. Eva Tobler wurde neu im Vorstand willkommen geheissen.

Ein Erlebnis, das unter die Haut ging
Damit die Mitglieder auch sehen, wohin ihre Jahresbeiträge fliessen, kamen Mitarbeiterinenn zu Wort. Sie stellten ihre Projekte vor wie den Cafétreff, das Sprachcafé, das gemeinsame Kochen unter dem Namen Beat oder «Walking in my shoes», wo sich im Trösch Asylsuchende und Einheimische persönlich treffen können. Eine der Mitarbeiterinnen schilderte ein Erlebnis, das unter die Haut ging. «Wir hatten eine Zeit lang einen Afghanen zu Besuch, der schon in Deutschland registriert war und abgelehnt wurde. Wegen dem Schengenabkommen musste in Kreuzlingen der Antrag auf Asyl ebenfalls zurückgewiesen werden». Die Sprecherin machte eine kurze Pause und fuhr fort. «Er sagte zu mir die Worte: Es hat für mich keinen Platz auf dieser Welt.»

Menschen ohne Hoffnung

«Gemäss Fachleuten sind mehr als ein Drittel der Flüchtlinge traumatisiert», sagte der Präsident. Mit der Umwandlung des Asylzentrums Kreuzlingen in ein Ausreisezentrum wird die Situation noch schwerer. Es werden nur noch Menschen ohne eine Zukunft in der Schweiz ins Agathu gehen. Das Angebot muss dementsprechend überarbeitet und Alternativen zu Sprach- und Integrationskursen gefunden werden. Damit die Angestellten und Helfer nicht selbst mentale Schäden davontragen, zieht Agathu psychologische Experten zu Rate.

Das Schlussplädoyer übernahm Stadtpräsident Thomas Niederberger um sich auch im Namen der Stadt für den enormen Einsatz und das grosse Herz so vieler engagierter Helfer zu bedanken.

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