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Die Suche nach dem «Mehr» des Lebens

Kreuzlingen – Karin Kaspers-Elekes Pfarrerin/Dipl. - Pädagogin, Präsidentin palliative.ostschweiz, Spitalseelsorgerin Kantonsspital Münsterlingen referierte im FOKUS am 27. März in St. Ulrich, Kreuzlingen.

In Krisensituationen, die an Grenzen führen, werden oft grosse Fragen wach. (Bild: Albrecht E. Arnold/pixelio.de)

In Krisensituationen, die an Grenzen führen, über die sich nur schwer hinaussehen lässt, werden oft grosse Fragen wach – nach dem Sinn dessen, was geschieht; nach dem Sinn des Lebens allgemein, nach einem Halt in aller Unsicherheit. Die Antworten sind sehr individuell. Sicher aber ist: Die Suche nach dem «Mehr» des Lebens ist nicht nur etwas für schwere Zeiten, im Gegenteil – sie ist ein Teil des umfassenden menschlichen Wohlbefindens.

Die Nationalen Leitlinien Palliative Care stützen sich auf Vorgaben der WHO, und werden folgendermassen umschrieben: «Die spirituelle Begleitung leistet einen Beitrag zur Förderung der subjektiven Lebensqualität und zur Wahrung der Personenwürde angesichts von Krankheit, Leiden und Tod. Dazu begleitet sie die Menschen in ihren existenziellen, spirituellen und religiösen Bedürfnissen auf der Suche nach Lebenssinn, Lebensdeutung und Lebensvergewisserung sowie bei der Krisenbewältigung. Sie tut dies in einer Art, die auf die Biographie und das persönliche Werte- und Glaubenssystem Bezug nimmt.»

Ein Zitat von Martin Buber (Religionsphilosoph ) «Ich möchte versuchen, Deine Sprache zu lernen, um Dein Erleben zu verstehen», zeigt deutlich die Richtung der spirituellen Begleitung in der Palliative Care (PC) an.

Das Sterben ist primär keine medizinische Angelegenheit mehr. Traditionelle professionelle Standards beginnen sich zu verändern. Dies stellt an alle in der PC Tätigen sehr hohe Anforderungen. Die Kunst des Inne-Haltens, der Anwesenheit mit allen Sinnen, Offenheit für das, was mehr ist, als das Sichtbare, Achtung vor der Lebenshaltung des Anderen und dazu ein starkes Bewusstsein der eigenen Lebenshaltung. Pflege und Begleitung beschränken sich nicht nur auf Fachkenntnisse, sondern sind auch eine Kunst – die Kunst des In-Beziehung-Tretens mit dem Gegenüber, dem einzelnen Menschen in seinem Besonders-Sein, in seiner einzigartigen Persönlichkeit wahr zu nehmen.

Spiritualität – das Wort stammt vom lateinischen «spiritus» , was Atem, Leben, Seele, Sinn und Geist bedeutet. Spiritualität beschreibt unser Verhältnis zur geistigen Welt, dem Transzendenten, Göttlichen, dem Unendlichen, eine tiefere Dimension des Daseins.

Wir sind es gewohnt, über das Hören, das Sehen, Schmecken, Riechen und Fühlen unsere Umwelt und auch uns selbst wahrzunehmen. Ein «Mehr» entsteht in uns, wenn wir lauschen (Musik, Rauschen des Wassers), betrachtend etwas auf uns einwirken lassen (ein fallendes Blatt im Herbst, ein Sonnenuntergang), beim Lesen lyrischer Texte, im gemeinsamen Schweigen, in der Eucharistie/Abendmahl, in der Meditation – im Gebet.

Spiritualität bedeutet auch, sich den grossen Fragen des Lebens zu stellen: Wer bin ich – woher komme ich – wozu bin ich hier – wohin gehe ich? Unabhängig von unserem Alter erleben wir grosse Veränderungen, oder existentielle Unsicherheit, oder dann, wenn wir das «Gleichgewicht unseres Seins» wankend oder gar erschüttert sehen. Und letztlich geht es dann um verlorene oder verpasste Lebensmöglichkeiten, um absehbar nicht mehr zur Verfügung stehende Lebenszeit, um Träume, die nicht oder nie mehr in Erfüllung gehen werden.

Spirituell zu sein, ist für viele Menschen ein fester Bestandteil ihrer Persönlichkeit – es ist die Wurzel ihrer Identität und gibt ihrem Leben Bedeutung und Sinn. Es sind dies Ressourcen nicht nur für schwere Zeiten.

Die Palliative Care nimmt unser Leiden auf, hört auf unsere Ängste, begleitet uns und nimmt uns wahr mit allen Sinnen. Wir vertrauen als Christen auf die Verheissung der Auferstehung – Spiritual Care ist demnach die Teilhabe am Leben, die uns der Geist schenkt. Das tut unser Schöpfer meist durch andere Menschen.

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