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Mehr als schön

Ermatingen – Martin Walser, erst Ende März 92 geworden, las am vergangenen Mittwochabend im Kellertheater Breitenstein. Es war eine bewegende Lesung, die nachdenklich stimmte, behandelten doch viele der vorgetragenen Lebensstenogramme den Tod und die Vergänglichkeit.

Martin Walser las in Ermatingen. (Bild: sb)

Rund 80 Literaturbegeisterte waren ins Schloss Breitenstein nach Ermatingen gekommen, wohl wissend, dass es eine der letzten Lesungen des bekannten Autors sein könnte. Es herrschte eine fast ehrfürchtige Spannung im bis auf den letzten Platz besetzten «Kellertheater». Als nach den ersten Worten jemand von hinten rief, «Bitte lauter!», dauerte es Minuten, bis jemand überhaupt wagte, das Mikrofon einen Zentimeter näher zum Vortragenden zu rücken.

Martin Walser war bereits das fünfte Mal auf Breitenstein zu Gast. Der Kontakt zu den Gastgebern Adolf und Margit Koemeda ist persönlich. Für sie ist er der bedeutendste Autor der Region. «Ich lese Walser seit 50 Jahren», verriet auch Moderator Siegmund Kopitzki, der in «Spätdienst» einführte. Seine Ansage wollte er auch als «Liebeserklärung» an Walsers Werk verstanden wissen.

Walser hat keinen Roman geschrieben, es gibt keinen Helden und keine Handlung. Stattdessen versammelt er in «Spätdienst» Auszüge aus seinen Tagebüchern aus mehreren Jahrzehnten. Seine Gedanken kreisen oft um den Herbst des Lebens, der Tod wird zum Sparringpartner. Manchmal sind diese Überlegungen pointiert formuliert, meistens aber in einem poetischen Ton, privat, fast schon intim.

«Für mich ist es das Abenteuerlichste, was ich als Lesung je versucht habe», beschrieb der Autor diese Selbstentblössung vor Publikum.

1982 war er das erste Mal auf Schloss Breitenstein zu Gast, wie ein altes Plakat beweis. (Bild: sb)

Zu hören gab es weise Worte: «Lass alles weg, was du nicht kannst, dann bist du gut.» Es gab Versöhnliches: «Nirgends wäre ich lieber, wenn’s überall so wäre wie hier.» Und weniger Versöhnliches: «Was ich bereue: dass ich den Opportunisten die Hand gab, dass ich meine Verachtung verschwieg, dass ich freundlich war, wo ich hätte schreien müssen, dass ich mich nicht traute, böse zu sein.» Und Witziges: «Man lügt immer einem anderen zuliebe. Also ist Lügen praktizierte Humanität.»

Bewegend war es, wenn Walser vom Alter las: «Wahrscheinlich habe ich mich satt. Meine Geduld mit mir ist zu Ende», hiess es an einer Stelle. Und: «Es hat sich ausgezählt, ein Dunkel hat die Welt. Sich umbringen, das wäre ein Geständnis! Das Ende öffnet seine Zangen.»

Am Ende der Lesung wollte jemand von Walser wissen, ob sich sein Leben gelohnt habe. «Ich kann sagen, dass ich einige Sätze geschrieben habe, zu denen ich stehen kann», antwortete der berühmte Schriftsteller bescheiden, lange Pausen zwischen den Worten machend, aber immer druckreif gesprochen. Sein grundlegendes Fazit klang desillusionierend: «Mehr als schön ist nichts. Das ist das einzige, was mir gegen die Stimmen der Verzweiflung geholfen hat. Und das ist der Vorteil, die Gnade des Schreibers: dass er etwas Schönes schaffen kann. Wie viel die anderen davon halten wollen, kann ich nicht beurteilen. Aber mehr als schön ist nichts. Für mich ist das als Sinn des Daseins geblieben.»

Für die Anwesenden war die Lesung auf jeden Fall ein besonderes Erlebnis und sie genossen es, den Autor noch einmal live zu erleben.

Der Büchertisch war danach schnell ausverkauft, Martin Walser musste viel signieren. «Ich bin froh, gekommen zu sein», sagte ein Besucher aus Gottlieben auf dem Weg nach oben in die Stube. «Es war bewegend.» Er hatte sogar gefilmt, um seiner Frau zuhause Eindrücke des Abends mitbringen zu können.

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