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Es gibt keinen Plan B

Kreuzlingen – Das evangelische Kirchgemeindehaus, welches Anfang der 60er Jahre von den Architekten Theo Hotz und Max P. Kollbrunner erbaut wurde, gilt als Zeitzeuge Schweizerischer Nachkriegsarchitektur. Der unter Denkmalschutz gestellte Bau ist renovationsbedürftig. Deshalb ersucht die Kirchenvorsteherschaft die Mitglieder um einen Baukredit über 8,5 Millionen Franken. Die Kosten können nur getragen werden, indem die Kirchensteuer um 50 Prozent erhöht wird.

Die Gemüter in der evangelischen Kirchgemeinde sind erhitzt und die Meinungen gespalten. Solch einen kostspieligen Bau, der die Kasse der Kirchgemeinde und das Portemonnaie der Mitglieder derart belastet, hat es noch nicht gegeben. Der einzige gemeinsame Nenner ist, dass sich Kritiker wie Befürworter über eine notwendige und baldige Renovation einig sind.

Schwache Beteiligung
Thomas Leuch, Präsident der evangelischen Kirchgemeinde Kreuzlingen, wunderte sich zu Beginn der zweiten Infoveranstaltung am Dienstag über die geringe Anzahl an Anwesenden. Beim letzten Mal seien es mindestens doppelt so viele gewesen. Er startete trotzdem mit viel Elan in seine Rede und begrüsste auch die Vertreter des Architekturbüros Lauener Baer. Diese erhielten mit ihrem Projekt «Learning from Oak Park» den Zuspruch. «Wir wählten Lauener Baer aus den fünf Bewerbern aus, weil ihr Vorschlag der günstigste war», gab Leuch bekannt. Es sei ihm bewusst, dass die Baukosten hoch seien. Er sehe aber in den zu renovierenden Räumlichkeiten viel Potenzial für Veranstaltungen, denn nicht jeder kann sich den Dreispitz leisten. «Ich musste in der Vergangenheit einige Anfragen ablehnen, da unser aktueller Standard nicht den Bedürfnissen entspricht», betonte Leuch. Auf den ersten Blick könne mit dem Verzicht des Büroanbaus rund eine Million Franken gespart werden. Bei genauerem Hinschauen wird sichtbar, dass die Verteilung der Räumlichkeiten auf verschiedene Gebäude kostenintensiver ist.

Unliebsames Thema – Finanzen
Auch wenn nicht gerne über Geld geredet wird, gerade dann, wenn es sich um eine hohe Summe handelt, kommt auch die evangelische Kirchenvorsteherschaft nicht daran vorbei. Da in den letzten Jahren der Steuerfuss gesenkt wurde, sammelten sich in der Kasse nur 500’000 Franken an. Gerade deshalb müssen die Kirchensteuern erneut erhöht werden und das um 50 Prozent. Eine erste geplante Senkung der Steuerprozente soll nach fünf Jahren erfolgen. Der Verkauf der Liegenschaft an der Anderwertstrasse ist mit 1,3 Millionen budgetiert und der Kanton verspricht Fördergelder in der Höhe von 80’000 Franken. Es sind zudem drei Hypotheken mit Laufzeiten zwischen fünf und fünfzehn Jahren geplant, die zusammen 6,7 Millionen Franken ergeben.

Grosse Bemühungen
Die Verantwortlichen führten alle Anwesenden in Grüppchen durch das Gebäude und machten an vormarkierten Stellen halt, um die Dringlichkeit der Renovation zu verdeutlichen. Ein Anliegen war es, den Rundgangteilnehmern aufzuzeigen, wie energieineffizient der Bau aus heutiger Sicht ist. «Alleine die Aula braucht so viel Strom wie zwei Einfamilienhäuser», betonte einer der Architekten die schlechte Strombilanz des Hauses. Schwerpunkte legten die Rundgangführer auf die zwingende Erneuerung der ganzen Elektrizität, Lüftung und Heizanlage. Eine Teilnehmerin befand den Bau von zusätzlichen Fluchtwegen als Geldverschwendung. Die Fenster könnten als Notausstieg benutzt werden. «Bei einer Unterbringung von mehr als 50 Personen reicht gemäss dem Gesetzt der Haupteingang nicht aus. Zudem sind für betagte Menschen und Personen in Rollstühlen Fenster keine Option, um vor einem Feuer zu fliehen», erklärte der Architekt und Gruppenleiter.

Gegenbewegung
Während manch Kritiker des Projektes den Präsidenten mit schwachen Argumenten torpedierte, hat die offizielle Gegnergruppe mehr Konsistenz in ihren Äusserungen. Alt Präsidentin Susanne Dschulnigg ist entäuscht, dass auf ihre Vorschläge und den Wunsch nach Mitarbeit in keinster Weise eingegangen wurde. «Die Kirchgemeinde ist in den letzten 60 Jahren von 7000 auf 5000 Mitglieder geschrumpft. Es macht also keinen Sinn zusätzliche Räume zu bauen und die Bühne übermässig zu erneuern», sagte Dschulnigg. Für Peter Gysler, ehemaliger Kirchgemeindepräsident in Tägerwilen, ist der Veranstaltungsaal generell zu gross. «Bei Mitgliedertreffen kommen in Spitzenzeiten 100 Personen zusammen. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass die Räumlichkeiten gewinnbringend vermietet werden können.» Er fügte hinzu, dass in der Zeit der Digitalisierung verteilte Büros kein Hindernis mehr darstellen sollten. Kirchbürger und Finanzexperte Walter Studer sieht im Projekt mehr Schein als Sein. «Nach Durchsicht der Finanzen ist für mich klar, dass dies ein Prestigeobjekt ist. Ich vergleiche es mit jemandem, der sein ganzes Geld in einen Porsche Cayenne investiert und sich daher nur noch Discounteressen leisten kann. Die finanziellen Mittel fehlen nachher da, wo sie wirklich benötigt werden, bei der Seelsorge. Daher verlangen wir eine Denkpause.»

Als der Bau in den 60er Jahren bewilligt und gebaut wurde, war dies eine grosse Sache. Auf die Frage, ob der Bau dazumal zu gross gedacht wurde und Hauptursache der teuren Renovation ist, ging Leuch nicht ein. Für ihn steht aber fest, dass es keinen Plan B geben kann. «Der Tag wird kommen, an dem die Stadt an die Türe klopft und mangels Anpassungen im Bereich der Sicherheit nur noch 50 Personen im Haus erlaubt», betonte der amtierende Präsident abschliessend die Notwendigkeit des Umbaubrojektes.

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