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«Nur Musiker sein fände ich schlimm»

Kreuzlingen – Die Ostschweizer Punkrock-Band Knöppel singt in ihren vulgären Songs Sätze, die sich viele nur zu denken, aber nicht laut auszusprechen getrauen. So gut wie jedes Konzert ist ausverkauft. Nächste Woche machen sie Halt in Kreuzlingen, dabei erhält das Publikum eine Kostprobe aus ihrer neuen Platte «Faszination Glied».

Knöppel kreiert vulgäre, pubertäre, ehrliche Songs, welche zum Mitgrölen und Faust-in-die-Luft-strecken bewegen. Dabei probt das Trio nicht einmal.  (Bild: Jonathan Winkler)

«Hey Wichsers!», schreit es von der Bühne und die Menge grölt «Hey du Wichser!» zurück. So begrüsst Knöppel-Frontmann Daniel «Midi» Mittag, bekannt geworden als Jack Stoiker, das Publikum vor der Bühne. Die drei Jungs hinter der Ostschweizer Garagen-Punkrock-Band Knöppel touren seit 2016 gemeinsam mit ihren Songs aus ihrem ersten und bisher einzigen Album «Hey Wichsers» quer durch die Schweiz, Midi an der Gitarre und am Mikrofon, Marc Jenny am Bass und René Zosso am Schlagzeug. Sobald der Vorverkauf für eines der Konzerte eröffnet ist, gehen die Tickets weg wie «warmi Weggli». So auch die 130 Tickets für das Konzert im Horst Klub in Kreuzlingen, die waren innerhalb von 24 Stunden verkauft. Der Veranstalter Kultling hat jedoch vorgesorgt und einige wenige Karten für die Abendkasse aufgehoben.

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Im Primitiven steckt viel Wahres

Manch einer, der in die Lieder von Knöppel reinhört, fragt sich vielleicht, warum die Band so einschlägt. «Ich bin halt musikalisch und stimmlich relativ beschränkt, aber das ist Knöppel. Wir müssen uns auf Songs beschränken, welche wir ohne viel zu üben spielen können», sagt Mittag. Dies hört man auch. Aber vielleicht ist es genau dieses «Beschränkte», was die Fans an der Band so lieben oder dass auf dem Album in jedem Stück das Wort «Wichser» vorkommt. Obwohl Songs wie «Hüt wird Onaniert» oder «Dä Hät Mi G‘Haue Dä Wichser» primitiv daherkommen, steckt mehr dahinter. Denn wie bei guter Komik steckt in Knöppel nicht nur Spass, sondern viel Wahres. Es geht um Konventionen und Verstösse gegen die Höflichkeit, die mancher gerne machen würde, aber sich nur in Gedanken getraut. Manche Texte sind auch aus Situationen aus dem wahren Leben der kleinen Leute entstanden. Mit dieser Ehrlichkeit und ihrem rauen, lauten Punkrock haben sie es bereits auf die Sitter-Bühne am OpenAir St.Gallen geschafft. Auch dieses Jahr wurde die Band wieder angefragt. Obschon sie lieber in kleinen Lokalen auftreten, haben sie zugesagt. «Da müsste man schon grenzwertig cool sein, um das abzulehnen», sagt Mittag.

Eine neue Platte kommt raus

Die Band tritt bis zu achtmal im Jahr auf, ohne zu proben. Nur kurz vor einem Auftritt spielen sie zusammen, jedoch ohne Bassist, der könne das auch ohne, so Mittag. Für das OpenAir St.Gallen machen sie vielleicht eine Ausnahme und spielen kurz vor dem Auftritt zweimal zusammen. Die drei sind vor ihren Auftritten ordentlich nervös: «Ich werde müde, Zosso raucht und Marc isst

Bekannt wurde Daniel «Midi» Mittag als Jack Stoiker. Der Vulgär-Troubadour schockierte als «schlechtester Sänger der Schweiz» bereits vor 20 Jahren das Publikum mit «asozialen Liebesliedern». (Bild: Jonthan Winkler)

kurz vor dem Auftritt.» Die Band scheint nicht gerade produktiv zu sein und das Album ist auch schon bald drei Jahre alt. «Ich würde die letzten paar Jahre sicher nicht als unproduktiv bezeichnen. Ich tanze wenn schon auf zu vielen Hochzeiten», sagt er. Der Ostschweizer ist Vater, arbeitet in Bern als Informatiker, lebt mit seiner Familie so gut es geht von der Öffentlichkeit zurückgezogen in Freiburg und schrieb Songs für das neue Album «Faszination Glied», welches im Herbst auf den Markt kommt. «Im Album geht es insofern wieder um Sex und so, aber auch wieder aus einer Perspektive, die noch keine Ahnung hat, was Sex überhaupt ist», erklärt Mittag. Der Vulgär-Troubadour ist als Jack Stoiker seit mehr als 20 Jahren sehr pubertär mit seinen Song-Texten unterwegs, beispielsweise in seiner Hymne «Uf em Liintuech», in der ein Junge die Selbstbefriedigung für sich entdeckt. «Nach fast drei Jahren ist es Zeit, die neuen Songs rauszulassen. Ich hoffe, die neue Platte macht unsere Fans stolz», sagt er.

Das «Liederzüchten»

Die Musik sei sein Gegengift zum Alltag, so Mittag. «Als Informatiker darf man gottseidank auch etwas komisch sein, es ist eher verdächtig, wenn man zu normal ist», sagt er. Je geordneter sein Leben, desto stärker sein Drang nach schrillem Sound. «Aber nur Musiker sein, fände ich schlimmer als nur Informatiker. Eine geregelte Anstellung zu haben ist ein grosser Komfort», sagt er. Country-Queen Dolly Parton und Punk-Sängerin Kathleen Hanna gehören zu seinen Idolen, Einfluss auf den Knöppel-Sound haben die legendären Rocker aus Australien Cosmic Psychos und Lemmy Kilmister mit Motörhead. In Songschreib-Phasen schnappt er Ideen auf, lässt sie wachsen, hegt und pflegt sie. Daraus entsteht entweder ein Song oder eben häufig auch nicht. So beschreibt Mittag das Entstehen eines Songs als eine Art «Liederzüchten», wie es der Schweizer Liedermacher Peter Sarbach schon sagte. Während er vor Knöppels Zeiten seine Texte noch in einem Zug in einer «Beiz» bei einem Bier aufs Papier brachte, schreibt er heute am liebsten im Manora-Restaurant.

Midi, was erwartet die Leute am Konzert im Horst Klub?

Leicht angetrunkene Rockfans und eine Band, die versucht, so roh wie möglich zu rocken. Und in der Regel keine Warteschlange vor der Damentoilette, haha.

Was sind deine Fans für Menschen?

Wichser, haha. Nein Quatsch ich bin stolz auf mein Publikum und freue mich über jeden Fan.

Erhalten die «Wichser» eine Kostprobe aus dem neuen Album «Faszination Glied»?

Wir haben Hits aus dem neuen Album im Gepäck und mit etwas Glück kommt mit jedem Gig einer dazu. Ich vermute, im Horst könnte «Hass Hass Hass» seine Premiere feiern.

Hoffentlich hast du keinen Hass gegenüber deinem Erfolg? Denn auch die Tickets für das Konzert im Horst gingen weg wie «warmi Weggli».

Das ist natürlich schön, aber man sollte sich vor dem eigenen Ehrgeiz in Acht nehmen. Knöppel ist ein Hobby-Projekt, sonst wäre es nicht Knöppel.

Konzert
Samstag, 11. Mai, um 21 Uhr, im Horst Klub an der Kirchstrasse 1 in Kreuzlingen. Tickets im Vorverkauf sind ausverkauft. An der Abendkasse gibt es noch wenige.

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