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Aus dem Hühnerstall ins Jazz-Mekka

Weinfelden/Lengwil – Am Dienstagabend übergab Regierungsrätin Monika Knill die diesjährigen Förderbeiträge des Kantons an Thurgauer Kulturschaffende. Diese sind mit je 25’000 Franken dotiert. Einer der Preisträger im Theaterhaus Weinfelden war der Lengwiler Musiker Samir Böhringer.

Schlagzeuger Samir Böhringer. Bild: zvg

Herr Böhringer, wozu werden Sie das Preisgeld verwenden?
Samir Böhringer: Unter anderem, um meinen nächsten Aufenthalt in New York zu finanzieren. Die Mieten sind dort unglaublich hoch, die Gagen für Auftritte jedoch ein Witz, verglichen mit dem, was hier üblich ist.

Aber es lohnt sich trotzdem, dorthin zu gehen?
Ja, die Stadt ist ein Mekka für Jazzmusiker. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, an dem die Dichte an talentierten Musikern so hoch ist.

Wo lässt man sich im «Big Apple» inspirieren?
Während meines ersten Aufenthaltes im September 2017 lebte ich in Red Hook, wo ich ein Zimmer zu einigermassen günstigen Konditionen untermieten konnte. Ab 2018 kam ich dann bei einer guten Freundin in Greenpoint in einer Besenkammer unter. Wenn ich nicht mit Freunden Sessions ausgemacht habe, ging ich in Clubs wie das Village Vanguard, die Jazz Gallery, das Ibeam oder den Shapeshifter. Dort spielten Legende live, die ich nur aus Jazz-Büchern oder Youtube-Videos kannte. Zusätzlich konnte ich bei den New Yorker Jazzschlagzeugern Jeremy Dutton und Jochen Rückert Unterricht nehmen.

Was hat Sie am meisten an diesen Koryphäen beeindruckt?
Die Konzerte hatten diesen unglaublich energetischen Drive. Auf dem Bandstand herrscht eine gewisse Kompromisslosigkeit, halbbatziges Rumgedudel gibt es nicht. Die Dringlichkeit, mit welcher die New Yorker ihre Musik präsentieren, hat mich immer komplett in ihren Bann gezogen.

Wie kam der Kontakt nach Übersee zustande?
Ich habe den New Yorker Saxophonisten Caleb Wheeler Curtis in Luzern kennengelernt, wir haben an einer Session spontan zusammen gespielt. Auch Rafael Schilt, mit dem ich bei «Meta Zero» spiele, hat mir viele Kontakte gegeben. Mittlerweile leite ich eine New Yorker Formation: Das «Chronos Collective» ist eine Zusammensetzung von Schweizer und New Yorker Jazzmusikern, die in der Besetzung variiert, je nachdem, wer gerade in der Stadt ist.

In wie vielen Bands sind Sie denn derzeit aktiv?
Es gibt vier Hauptprojekte, neben den genannten noch «Sphnx» und das Konrad Bogen Trio. Mit «Sphnx» waren wir im Februar auf Tour und im Anschluss im Studio. Mit dem Konrad Bogen Trio haben wir unter anderem am Jazz Festival Aalen gespielt, das war etwas Besonderes. Während der Tour entstand auch die Kollaboration mit dem Rapper Bates. Daneben spiele ich auch in Projekten von Freunden mit, etwa den «Trois Imaginaires».

Hören Sie privat auch Rap?
Wenn ich im Zug Musik höre, dann am liebsten Hip-Hop. Aber dass ich zum Abschalten Musik höre, passiert nicht mehr so oft.

Sie hören Musik nur noch zum Üben?
Wenn eine neue Aufnahme von Musikern erscheint, die ich bewundere, dann will ich die anhören. Das ist dann aber eher ein analysierendes Hören. Selbstverständlich geniesse ich das auch, aber in erster Linie will ich herausfinden, was musikalisch passiert.

Müssen Sie denn manchmal abschalten von der Musik?
(Lacht) Eigentlich nicht. Ich spiele gerade so um die 70 bis 80 Konzerte im Jahr, zusammen mit Üben und Proben bestimmt Musik meinen Alltag. Wenn ich tagsüber Zeit habe, muss ich mich ums Booking von den Bands kümmern. Irgendwie kann ich das gar nicht auf die Seite schieben. Gleichzeitig macht es so viel Spass, dass ich gar nicht aufhören kann.

Und Sie dürfen sich die Zeit frei einteilen und immer lang ausschlafen …
Das stimmt schon, man wird zur Nachteule. Es ist kein Beruf, in dem man während der Bürozeiten auf der Matte stehen muss. Das kann aber auch anstrengend sein.

Auf welchen Auftritt in diesem Jahr freuen Sie sich besonders?
Die erste Aufnahme meiner eigenen Band «Meta Zero» befindet sich gerade in der Endphase der Produktion. Sie soll im Sommer auf dem Berliner Label GFTF erscheinen. Im Herbst gehen wir dann auf Tour damit. Darauf freue ich mich besonders: Das Debütalbum mit der eigenen Band herauszubringen ist eine Herzensangelegenheit.

Ihr Vater betreibt ja eine Hühnerfarm, das hört sich erst mal weniger musikalisch an. Woher kommt Ihr Talent?
Meine Mutter ist Klavierlehrerin und sehr musikalisch, dank ihrem Einfluss habe ich mich mit sieben Jahren ans Schlagzeug gesetzt. Mein Vater ist Jazz-Fan, er hat eine grosse CD- und Platten-Sammlung, an der ich mich als Teenager vergreifen durfte. Erst hat er mir die Rockbands aus den 7oern näher gebracht, später dann Charlie Parker vorgespielt. Und ich konnte in den Ferien immer auf der Hühnerfarm arbeiten und Geld fürs Studium verdienen.

Zur Person
Samir Böhringer aus Lengwil ist 27 Jahre alt, lernte die ersten Beats an der Musikschule Weinfelden und drückte an der Rudolf-Steiner-Schule Kreuzlingen die Schulbank. Seine ersten Konzerte spielte er mit der Formation «Bumm Tschagg», welche durch einen Bandworkshop der Weinfelder Musikschule unter Leitung von Stefan Krucker entstand. Heute wohnt er in Zürich. An der ZHDK studierte er Jazz-Schlagzeug. Auf Kreuzlinger und Konstanzer Bühnen ist er in diesem Jahr erst wieder im Herbst zu sehen: Im Kult-X und im Horst Klub sowie im K9.

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