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Familie Peipe gibt die Hoffnung nicht auf

Kreuzlingen – Der zehnjährige Walid aus Kreuzlingen ist Autist. Experten versichern seinen Eltern, schwerer Autismus sei nicht heilbar und auch so gut wie nicht therapierbar. Trotzdem wollen die Peipes mit Walid in eine Spezialklinik nach Israel reisen, damit sich sein Zustand bessert. Weil das sehr kostspielig ist, hat die Familie ein Crowdfunding gestartet.

Walid kann auch wie ein ganz «normaler» Junge Spass haben. (Bild: zvg)

Wenn sie Autismus hören, haben viele das Bild eines verschrobenen Menschen im Kopf. Sie denken etwa an die Figur Sheldon Cooper aus der TV-Serie «Big Bang Theory» , einen sozial etwas ungeschickten Physiker, der dafür auf seinem Spezialgebiet ein Genie ist. Sheldon führt ein ganz «normales» Leben, er benötigt keine Betreuung, er hat Freunden und lebt selbstständig, er ist nur irgendwie wunderlich.

Doch Autismus gibt es in verschiedenen Ausprägungen.

Der zehnjährige Walid aus Kreuzlingen leidet unter einer sehr stark ausgeprägten Form des frühkindlichen Autismus. Er ist gefangen im Geist eines Dreijährigen.

Ein fröhlicher Junge
Auf den ersten Blick fällt das gar nicht auf: Walid wirkt wie ein fröhlicher kleiner Junge. Doch dann verdreht er die Augen so weit nach oben, dass fast nur noch weiss zu sehen ist. Wenn er nicht bekommt, was er will, fängt er an zu schreien. Oder er verletzt sich selbst und rammt seinen Kopf gegen die Wand. Seine Oberarme sind ständig mit blauen Flecken übersäht. Auch andere greift er an: Walid zwickt dann seinen Bruder, seine Mutter, seinen Vater, und er zieht anderen Kindern an den Haaren. Er kann weder reden noch allein aufs Klo gehen.

Für seine Familie ist das eine grosse Belastung. «Wir können Walid keine Sekunde aus den Augen lassen», sagt Manuel Peipe. Unterstützung bekommen die Peipes vom Ekkharthof in Lengwil. Hier ist Walid in einem Internat untergebracht. Er kommt jede Woche an zwei Tagen für kurze Zeit nach Hause und alle zwei Wochen für das ganze Wochenende – dann aber stellt er das Leben in der Dreizimmerwohnung der Peipes vollständig auf den Kopf. Ohne das Angebot des Ekkharthofs wäre die Situation absolut nicht zu bewältigen.

Walid stellt das Leben der Familie Peipe ganz schön auf den Kopf: (v.l.) Bruder Karim, Mutter Marina und Vater Manuel. (Bild: Stefan Böker)

Familie kommt an die Grenzen
«Wenn sich sein Zustand nicht bessert, dann bleibt Walid noch als 30-Jähriger so», befürchtet sein Vater. «Ein 30-jähriges aggressives Kind in Windeln.» Von den bisher angewandten Therapien fruchtete nichts bei Walid. «Er gebärdet sich immer noch wie wild», so Peipe. «Ein kleines, wildes Tier – aber süss», so habe ihn ein Betreuer beschrieben.

Walid mag auch ganz normale Sachen, er schmust gerne mit seiner Mutter oder liebt Spaziergänge im Wald und Autofahren. «Aber wie bitte? Ein Kind, das seinen Kopf gegen die Wand schlägt und mit Kot beschmiert, ist süss?», fragt der 38-jährige verbittert.

Autismus-Therapien erfolgen in der Regel mit zwei verschiedenen Ansätzen. Entweder die Experten versuchen, Zugang zum den Kindern zu erlangen, ganz behutsam. Oder sie bezwecken eine Verhaltensänderung durch hartes Training und klare Befehle. «Letzteres wirkt wie eine Dressur des Kindes mit Zuckerstücken», kritisiert er. «Wir kennen Therapeuten, die diese Therapie 40 Stunden die Woche mit Kindern trainierten. Die Kinder blieben nonverbal und wenn sie sich Fähigkeiten aneigneten, dann verloren sie diese auch ebenso leicht wieder.»
Peipe ist sich sicher: Mit Wegen der bekannten Medizin ist sein Sohn nicht zu retten. Und schon gar nicht mit Medikamenten wie Neuroleptika, welche die Kinder sedieren.

«Vielleicht ist es sowieso schon zu spät», sagt er resigniert.

Manuel Peipe lernte Walids Mutter Marina, 2016 im Urlaub in Istanbul kennen und lieben. Die Russin war mit einem Mann aus Beirut verheiratet, dort wohnte die Familie auch. Walid war im Libanon in einem Zentrum für behinderte Kinder untergebracht, «aber ohne Therapie oder Betreuung», so Peipe. Nach der Heirat holte der Security-Mitarbeiter, der auch als selbstständiger IT-Berater arbeitet, Frau und Kinder in die Schweiz, um ein neues Leben zu starten.

Seit November 2018 lebt Walid in Kreuzlingen.

Schnee war für ihn neu: Walid im Winter 2018. (Bild: zvg)

Kostspielige Therapie
Von Bekannten wurden die Peipes auf eine Spezialklinik in Israel aufmerksam gemacht. Im «Beer-David-Center» können Experten Autismus mit unkonventionellen Methoden in Verbindung mit medizinischen Techniken und Untersuchungen therapieren. Online gibt es wenig bis gar keine Information in deutscher oder englischer Sprache über das Center, nur in Russisch oder Hebräisch. Walids Vater ist sich aber sicher, hier ein seriöses Angebot gefunden zu haben. «Schaden kann es auf jeden Fall nicht», sagt er.

Jedoch sind die Kosten immens und für einen Alleinverdiener fast nicht zu stemmen: Für eine dreiwöchige Therapie verlangen Klinik-Chef David Simcha Felix Eichel und sein Team 27’000 Dollar. Hinzu kommen die Kosten für ein Hotel und die Flüge. Deswegen hat Manuel Peipe ein Crowdfunding auf der Plattform «I Care for You» gestartet. Über 1000 Franken konnten bislang gesammelt werden. Das Projekt läuft aber noch bis 10. August.

Das Besondere an der Therapie in Israel ist, dass auch die Eltern miteinbezogen werden, erklärt Peipe. Und dass die Therapie zuhause weitergeht: «Man steht mit dem Center in Kontakt über Skype und WhatsApp.»

Dieses Center gefunden zu haben und die zahlreichen positiven Kommentare auf dessen Homepage haben auf jeden Fall dazu geführt, dass die Peipes wieder Hoffnung spüren. Was sie sich wünschen, ist indes nur eine kleine Sache: Walid soll so gut wie möglich am Alltagsleben teilnehmen können, ohne eine Gefahr für sich und andere zu sein.

Wer die Familie auf dem Weg dorthin unterstützen möchte, kann dies auf icfy.ch/Walid tun.

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