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Zum Schutz der ganz Kleinen

Die Jäger des Jagdreviers Berg durchstreifen jedes Jahr die hohen Wiesen in Waldesnähe, bevor geheut wird. Ihr Ziel: Rehkitze vor dem Tod durch den Mäher zu retten. Dieses Jahr meldeten sich enorm viel Freiwillige dank eines Aufrufs des Thurgauischen Tierschutzverbandes via Facebook.

Günter Thoma bringt ein Kitz in Sicherheit. (Bilder: Petra Gruber)

«Ein Kollege hat mir den Tipp gegeben, doch beim Tierschutzverband nachzufragen. Dort hat eine Mitarbeiterin die Idee mit dem Aufruf gehabt», sagt Hanspeter Stump, Jagdaufseher des Jagdreviers Berg.

Mit Erfolg. Bis heute wurde der Aufruf 444 Mal geteilt und bekam 119 Likes. Und sorgte am 30. Mai um 8 Uhr auf dem Parkplatz des Restaurants Frohheim in Berg für einen grossen Aufmarsch. Um die 60 freiwillige Helfer trafen ein. Es kamen Jung und Alt, kleine Kinder, grosse Männer, alle mit dem Ziel, die fast hüfthohen Gräser nach den Rehkitzen abzusuchen, um diese vor einem elenden Tod durch den Grasmäher zu bewahren.

Die ganze Aktion war sehr gut organisiert. Es gab drei Gruppen und dann ging es im Konvoi mit den Autos los zu den entsprechenden Wiesen.

Der Nebel hing über dem Wald und gab dieser Mission einen mystischen Hintergrund.

Eine Gruppe war mit Günter Thoma unterwegs. Er ist einer von fünf Jägern für dieses grosse Gebiet. «Wenn die Rehkitze klein sind, sind sie drei Wochen vollkommen geruchslos und somit vor den Raubtieren geschützt, wenn die Mutter das Kitz im hohen Gras ablegt.» erklärte er. «Leider sind sie auch total wehrlos, wenn eine Maschine auf das Versteck zurollt. Sie rennen nicht weg, sondern machen sich ganz klein und bleiben liegen.» Für jeden Bauer ein Horror, ist es für ihn doch unmöglich, alleine vorher die Wiesen abzusuchen.

Beste Möglichkeit, die Wiesen abzusuchen, ist durch Drohnen, die jedoch in der Anschaffung wie auch bei der Ausbildung sehr kostspielig sind. Hilfe finden die Jäger beim Verein Rehkitzrettung.ch, der mit eigenen Drohnen auf die Felder kommt, ohne finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand. Das Problem dabei ist, dass die Wetterlage es nicht erlaubt, zu lange mit dem Mähen abzuwarten. Somit sind diese Drohnen immer zeitgleich sehr begehrt. Sie werden programmiert und fliegen das Gebiet dann selbstständig mit einer Wärmekamera ab. Dies kann nur in den frühen Morgenstunden geschehen, da die Körperwärme der Kitze sonst nicht mehr von der Luft-Temperatur unterscheidet.

Die fast 30 Helfer stellten sich am Waldrand auf, verbunden mit einem Seil, damit der Abstand genau eingehalten werden konnte. Das Gras war hüfthoch und schon innerhalb einer Minute war man total durchnässt, wer ohne Regenhose unterwegs war, musste die Zähne zusammenbeissen und erlebte, dass das Wasser in die Schuhe lief und auch dort blieb.

Und schon nach einer halben Stunde kam der Ruf «Kitz». Und tatsächlich stiess die Gruppe auf ein Rehkitz, das schon etwas grösser war und ein paar Meter davonrannte und sich im Gras duckte. Es wurde von Bea Baumann von der Tierhilfe Mattwil mit Gras behutsam in den Arm genommen und in den nahe gelegenen Wald getragen. Dabei schrie das Kleine nach seiner Mutter, die dann auch gleich über die Wiese gerannt kam.

«Die Rehkitze bleiben im Wald mit der Mutter und der Bauer kann nun in aller Ruhe das Gras schneiden», erklärt Thoma.

Im Verlauf diese Morgens fand diese Gruppe drei Rehkitze, der anstrengende Aufwand mit fast vier Stunden Suche hat sich mehr als gelohnt. Alle fühlten sich wie kleine Helden und strahlten um die Wette. Tierrettung ist einfach eine schöne Sache. Im Anschluss gab es als Dankeschön Bratwurst und gemütliches Beisammensein, gesponsert von der Jagdgesell-
schaft Berg.

Insgesamt wurden an diesem Tag wurden zwölf Kitze gerettet, gesamthaft haben die Jäger des Jagdreviers Berg schon 21 gerettet in diesem Jahr. «Ein Bauer auf seinem Mäher fährt mit über 20 Stundenkilometer durch die Wiese. Es ist unmöglich, ein Kitz dabei rechtzeitig zu sehen», erklärt Thoma. Es wird alles menschenmögliche getan, um dies zu verhindern. «Ein angefahrenes Kitz schreit und ist ein erbärmlicher Anblick, der einem das Herz bricht, kein Bauer und kein Jäger wünschen sich so etwas.»

Die Aktion ist indes noch nicht vorbei, wenn das Wetter mitspielt, werden nächste Woche oder spätestens ab 15. Juni wieder freiwillige Helfer gesucht, die spontan Zeit haben. Dann werden nämlich die Öko-Wiesen gemäht. Die Verantwortlichen hoffen auf ein grosses Echo und haben sogar eine Whatsapp-Gruppe «Reh-Rettung» gegründet. Wer beitreten möchte, kann sich bei Hanspeter Stump, Tel. 076 375 80 85, melden.

Petra Gruber

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