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Erfahren, was das Leben ausmacht

Kreuzlingen - Nach 35 Amtsjahren als Pfarrerin geht Andrea Stüven in Pension. Aber sie dreht dem Pfarrer-Beruf nicht ganz den Rücken zu. Sie möchte jedoch mehr reisen und wieder an die Uni. In ihrer Amtszeit hat sie einige traurige aber auch schöne und fröhliche Dinge erlebt.

Andrea Stüven geht zwar in Pension, hat aber noch einiges in ihrem Leben vor, wie die Welt erkunden oder sich an der Uni weiterbilden.  (Bild: av)

Trotz ihrer baldigen Pension denkt sie noch lange nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Die wissbegierige Pfarrerin Andrea Stüven möchte als Gasthörerin an die Uni Konstanz. «Ich möchte mich in Philosophie und Germanistik weiterbilden», sagt Stüven zu ihren Plänen. Zudem möchte sie als stellvertretende Pfarrerin weiter predigen, aber nicht in Kreuzlingen, denn es gehöre nicht zum guten Ton, in der selben Gemeinde nach der Pension weiter zu predigen. Was sie bereits jetzt gerne tut und weiter ausbauen möchte, ist reisen. «Ich komme aus Norddeutschland und besuche oft meine Verwandten oder verbringe den Urlaub auf Sylt», sagt die 63-Jährige. Sie möchte aber auch noch andere Teile der Welt bereisen, solange sie fit und mobil ist.

Traurige und glückliche Momente liegen nahe beieinander

In ihrer Berufung machte sie ihre Tätigkeiten, bis auf Sitzungen halten, aber dies tun vermutlich die wenigsten gerne. «Am liebsten habe ich Abdankungen gestaltet», sagt die Pfarrerin. Klingt für Aussenstehende erst einmal merkwürdig. Doch in Situationen der Trauer befasst man sich mit den grundsätzlichen Fragen, wie dem Sinn des Lebens. Ausserdem sei es für sie spannend, Dinge über das Leben des Verstorbenen und der Angehörigen zu erfahren. «In Trauergesprächen wird einem von den Angehörigen sehr grosses Vertrauen entgegengebracht», sagt Stüven. Schwer schlucken musste sie, als sie in ihren ersten Jahren als Pfarrerin mit zirka 30 Jahren zum ersten Mal ein Kind beerdigen musste. «Ich kann gut ab- oder umschalten und es ist wichtig sich eine Oase zu suchen», sagt die 63-Jährige. Ihre Oase hat sie in der Kapelle Bernrain gefunden, darin kommt sie zur Ruhe und zündet Kerzen an. Oder sie müsse etwas Kreatives tun, dazu gehört für sie den Haushalt führen. «Meinen Arbeitskollegen sage ich dann, dass ich jetzt Hausfrau spielen gehe», sagt die Pfarrerin mit einem 100-Prozent-Pensum. Auch sonst hat Stüven immer ein Lächeln auf den Lippen – mit ihrer angenehmen Art wird sie von ihren Arbeitskollegen und den meisten Menschen geschätzt, mit denen sie zu tun hatte. «Klar kann man es nicht allen recht machen, sei es bei einem Gottesdienst, in Begegnungen oder Kasualien», sagt Stüven. Sie versuche jede Kritik konstruktiv zu sehen und in ihre Tätigkeit zu integrieren.

Es gibt natürlich viele weitere erfreuliche Dinge im Pfarrer-Beruf. «Ich mag die bunte Vielfalt von Begegnungen mit Menschen. Ich habe einen sehr grossen Gestaltungsfreiraum und kein Tag ist wie der andere», sagt Stüven erfreut über ihren Alltag. Dabei erinnert sie sich an eine lustige Situation an einer Hochzeit. In der Kirche sassen bereits alle Hochzeitsgäste, der Bräutigam und Stüven standen ebenfalls bereit. Die Braut jedoch, tauchte einfach nicht auf. «Die Eheleute waren zu diesem Zeitpunkt bereits gesetzlich verheiratet. Daher witzelten ich und der Bräutigam mit dem Film ‚Die Braut, die sich nicht traut‘ mit Julia Roberts», erzählt die Pfarrerin. Die Braut kam dann eine halbe Stunde zu spät.

In den Beruf gewachsen

Eigentlich wollte sie Gymnasiallehrerin werden und hatte Religion nur als Nebenfach. Bis sie sich doch dafür begeistern konnte und in der Hälfte der Studienzeit ins Pfarramt wechselte. Infolge Schweizer Pfarrer-Mangel zog es sie 1984 nach Herisau. «Zu Beginn war schon Skepsis da, denn ich war erst 28 und die erste Ausländerin auf der Herisauer Kanzel», erinnert sich Stüven mit einem Augenzwinkern. Weil sie Kühe so sehr liebt, wurde sie dann doch von der Bevölkerung schnell ins Herz geschlossen. «Ich ging mit den Bauern in den Stall, weil es mich interessierte wie ihre Arbeit aussieht», erzählt sie. 1999 wechselte sie dann ins Kreuzlinger Pfarramt.

Sie wuchs in ihren Beruf, denn was sie in der Praxis erwartete, darauf wurde sie durch das Studium zu wenig vorbereitet. Auch durch die Seelsorgeberatung, in der es durchaus nicht nur um Problemfälle geht, erfuhr sie, was für sie das Leben ausmacht. «Beispielsweise gehören Besuche bei Senioren dazu. Dabei plaudert man über Gott und die Welt», sagt Stüven. Es kommt halt doch meistens auf die kleinen Dinge des Lebens an.

Sicht auf die Kirche

Es sei schwierig zu sagen wohin sich die Kirche entwickelt. Denn egal wie schräg ein Gottesdienst gestaltet oder mit Popmusik untermalt wird: Dies ändert nichts an der Tatsache, dass sie immer mehr Mitglieder verliert. Es geht vielfach um die Glaubwürdigkeit der Kirche. Vor Jahrzehnten war sie ein sozialer Treffpunkt für die Leute. Durch die Mobilität und die schnell lebende Gesellschaft, hat sich die Kirche verändert. «Zum Glück, denn die Kirche soll ruhig mutig und provokativ sein», sagt Stüven mit Freude.

Ihr Abschiedsgottesdient ist am Sonntag, 23. Juni, um 9.45 Uhr in der Stadtkirche. Anschliessend gibt es einen einfachen Apéro.

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