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«Ich hätte gerne mehr Zeit pro Bewohner»

Unsere Redakteurin Andrea Vieira verbrachte einen halben Tag im Alterszentrum Weinfelden und begleitete das Pflegepersonal. Was sie in dieser Zeit erlebt hat, erzählt sie in der Reportage.

Birgit Schadegg.  (Bild: av)

«Herr Müller musste sich fünf Mal übergeben. Herr Frei hatte sich eingenässt und keinen Body an. Frau Roth erhielt auf Wunsch Seroquel-Tröpfli und Frau Strasser haben wir Trittico verabreicht.» Kurz und knackig übermitteln die Kolleginnen des Nachdienstes die wichtigsten Vorfälle am Rapport. So beginnt um 7.05 Uhr der Tag für das Pflegepersonal im Alterszentrum in Weinfelden.

Rrrring, rrrrring, … meldet sich der Alarm auf dem Geschäftshandy von Birgit Schadegg. Und schon geht‘s zu den ersten Bewohnern. Im Zimmer hat Petra Müller durch Betreten einer Sensormatte den Alarm ausgelöst. Nach mehrmaligem Klopfen, um sich anzukündigen, betritt Schadegg das Zimmer. «Guten Morgen Frau Müller, wie geht es Ihnen», begrüsst Schadegg. «So weit gut, aber ich habe Kopfschmerzen», antwortet Müller. «Das ist vielleicht das warme Wetter. Ich hole ihnen ein Glas Wasser und wir müssen noch das Pflaster wechseln», beruhigt sie Schadegg, holt in der Küche des Zimmers, das versprochene Glas Wasser und wechselt das Pflaster. Am oberen Rücken hat Müller ein mit einem Mittel versehenes Pflaster, welches die Demenz hinauszögern soll. «So, bis später Frau Müller.»

«Na, Herr Näf. Um diese Uhrzeit schon unterwegs», begrüsst die Pflegehelferin einen Bewohner der mit seinem Rollator im Flur unterwegs ist. Auch bei ihm wird kurz das Zimmer angesehen, ob das Bett gemacht ist und ob sonst Ordnung herrscht.

Für Schadegg bleibt keine Verschnaufpause. Zwischen 9 und 9.30 Uhr sollten alle Bewohner fertig gewaschen und angezogen sein, um frühstücken zu gehen. Denn es gibt bereits ab 11.30 Uhr das Mittagessen. Jede Pflegeperson hat am Morgen vier bis fünf Bewohner, für die sie zuständig ist. Genauso die angehende Fachfrau Gesundheit, Lara Steck. Sie ist 16 Jahre alt und im ersten Lehrjahr. Sie hilft gerade Bewohnerin Lina Graf, den Oberkörper zu waschen, sie mit Feuchtigkeitlotion einzucremen und anzuziehen. «Ich hätte gerne mehr Zeit pro Bewohner, um mit ihnen länger zu plaudern oder ihnen mehr Zeit zu geben, sich bereit für den Tag zu machen, aber dies liegt nicht drin», sagt Steck ein wenig betrübt über den engen Zeitplan. Die 16-Jährige begleitet Graf danach zum Frühstück.

Birgit Schadegg hilft der Bewohnerin Margareta Klaus sich bereit für den Tag zu machen. (Bild: av)

Im Zimmer C209 von Margareta Klaus ist Schadegg ebenfalls beim morgendlichen Waschgang zur Hilfe. Klaus sitzt bereits mit einem Badetuch, das den Intimbereich bedeckt vor dem Waschbecken. «Aber nicht so fest wie gestern den Rücken schrubben», sagt die 94-Jährige zu Schadegg. Nach dem Waschen, Eincremen und Anziehen wird noch kurz durch die Haare gebürstet und die Brille geputzt. Dann ab zum Frühstück.

Für Schadegg jedoch noch nicht. Sie muss zur dementen 89-jährigen Anna Meier. «Ich bin noch müde», sagt Meier nach der Begrüssung. Aber jetzt ist fertig geschlafen – es ist bereits 9 Uhr. Behutsam rollt Schadegg Meier auf die Seite und öffnet den Reisverschluss am Rücken des Bodys. Auch die leere Inkontinenzeinlage wird entfernt. Dann während des Hochhebens auf den Dusch-Stuhl passiert es. Die Bewohnerin hat leider ihren Harnfluss nicht mehr unter Kontrolle und es tropft auf die Schuhe von Schadegg. «Das passiert ab und an, aber das ist nicht schlimm, die Schuhe können ja gewaschen werden», sagt die Pflegehelferin gelassen zum Malheur. Meier wird mit dem Stuhl in die Dusche gefahren und das Missgeschick im Zimmer aufgewischt. «So Frau Meier. Soll ich sie kalt abduschen, damit sie wach werden», sagt Schadegg scherzhaft und bringt die Bewohnerin zum Lächeln. «Aber bitte nicht zu fest die Haare waschen», sagt Meier wieder ernst zu Schadegg. Diese Bitte hat sie heute doch schon einmal gehört. Nach dem Duschen, Eincremen und Anziehen, erhält Meier eine neue Frisur. «Mit Locken sieht ihre Frisur länger gut aus, daher mache ich zum Trocknen Lockenwickler in die Haare», erklärt die Pflegehelferin. «Alte Haut hat die Neigung trocken zu werden, deshalb beugen wir mit Feuchtigkeitscrème vor. Sonst kratzen sich manche Bewohner wund», erklärt Schadegg weiter. «Bei der Wahl der Kleider achte ich immer darauf, dass Ober- und Unterteil zusammenpassen und sie nicht immer dasselbe anhat.» Dann fährt die Pflegehelferin Meier mit dem Rollstuhl zum Frühstück.

Mit solch engem Körperkontakt hat Schadegg keine Mühe. «Wenn ein Bewohner sterben möchte, aber es nicht kann und darunter leidet: Das mitanzusehen macht mir am meisten zu schaffen», sagt die Pflegehelferin betrübt. In solchen Situationen ist das Pflegepersonal für die Bewohner Zuhörer und Mutmacher zugleich.

Es ist zirka 10 Uhr und Schadegg kann jetzt auch mit den anderen Pflegerinnen in den verdienten Znüni. Sie gehen in die Kantine aber nicht am selben Ort wie die Bewohner. Bei Kaffee und Gipfeli wird über Urlaub und die schlechte Bezahlung im Beruf gesprochen. «Es wird immer eine längere Präsenzzeit und mehr Verantwortung verlangt, aber die tiefe Bezahlung bleibt dieselbe», ärgert sich eine Kollegin von Schadegg. «Aber hier im Alterszentrum Weinfelden geht es uns gut im Gegensatz zu anderen Arbeitgebern», relativiert eine andere. Nach 15 Minuten Pause geht es weiter.

Lina Graf und Margareta Klaus bei einer Gruppen-Aktivität, welche jeden Tag stattfinden.  (Bild: av)

Im Frühstücksraum der Bewohner tut sich etwas. Es rollen Würfel über den Tisch und Bewohner stossen Spielfiguren über ein Spielbrett. Wie in anderen Alterszentren gibt es auch in Weinfelden ein Aktivierungsprogramm, mit Brettspielen, Turnen, Singen, Gedächtnistrainings und mehr. Bei diesem Spiel mussten die Bewohner Fragen beantworten, zum Beispiel wie sie eine Cervelat angeschnitten haben bevor sie sie auf einen Stock über dem Feuer grilliert haben. Die Leitung während des Spiels hat immer eine der zuständigen Pflegepersonen.

Manfred Neugart bringt mit seiner Handorgel Schwung ins Alterszentrum Weinfelden. (Bild: av)

Auf einmal ist Musik aus dem Zimmer C205 zu hören. Manfred Neugart ist 82 Jahre alt und leidenschaftlicher Handorgelspieler. Die Musik zieht das Pflegepersonal ins Zimmer und Schadegg nimmt die Bewohnerin Meier im Rollstuhl mit. «Que Sera, Sera. Whatever Will Be, Will Be», stimmt Neugart ein und die Pflegerinnen ziehen mit. Auch Meier fängt an zu lächeln. «Daran haben auch die anderen Insassen Freude», sagt Neugart mit einem Augenzwinkern.

Nach dieser musikalischen Einlage gilt es wieder ernst. Der Rapport steht an. Den Pflegerinnen der nächsten Schicht wird mitgeteilt, was in der Nacht und am Morgen vorgefallen ist. Danach macht bis zur 36 minütigen Mittagspause jede, was gerade ansteht: Handtücher nachfüllen oder bei einem Bewohner die Nägel schneiden. Der ereignisreiche und straffgegliederte Arbeitstag von Schadegg endet zirka um 16 Uhr. 

Manche Namen der Bewohner wurden aus privaten Gründen geändert.

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