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See-Burgtheater dreht durch

Kreuzlingen – Erstmals benutzt das Kreuzlinger See-Burgtheater eine Bühne, die sich drehen kann. Um sie zu bewegen, müssen die Mitglieder des Ensembles ihre Muskeln ganz schön spielen lassen. Dabei sind die Proben für sich allein bereits kräftezehrend. Das liegt zum einen an den teils extremen Wetterbedingungen, teils am diesjährigen Stoff des Freilichttheaters: Regisseurin Annette Pullen bringt mit «Arsen und Spitzenhäubchen» eine temporeiche Inszenierung auf die Bühne.

Hitzefrei gibt es für die Schauspielerinnen und Schauspieler des See-Burgtheaters nicht. Am 11. Juli ist Premiere. (Bild: Mario Gaccioli)

Die Bühne des Seeburgtheaters ist ein Hausboot. Kein gewöhnliches: Am Ufer des Bodensees steht ein richtiger Mississippi-Dampfer aus den 40er Jahren– ein schönes, jedoch nur vordergründig idyllisches Bild. Denn in der dort befindlichen Wohngemeinschaft greift der Wahnsinn in grossen Schritten um sich. Zwei liebenswerte Tanten (Astrid Keller und Caroline Schreiber) entpuppen sich als Mörderinnen, die vorlieblich mit Arsen, Zyankali und Strychnin hantieren, wie ihr Neffe Mortimer (Raphael Westermeier) mit Schrecken erkennen muss. Die Geisteskrankheit liegt sozusagen in der Familie: Auch Mortimers Bruder (Florian Steiner) leidet unter einer Persönlichkeitsspaltung – er hält sich für Präsident Roosevelt und ist in der Nachbarschaft als Ruhestörer bekannt. Der dritte Bruder (Christian Intorp) entpuppt sich gar als durchgeknallter Serienmörder mit Faible für schockierende Gesichtsoperationen.

Mortimer muss immer mehr gräuliche Details entdecken. Er fasst dennoch einen Plan, um seine Lieben vor der Justiz zu schützen. Wird er es schaffen oder gewinnt auch bei ihm schlussendlich der Familienwahnsinn die Oberhand?

Die Seebühne ist in diesem Jahr der Blickfang: Sie lässt sich unter viel Getöse drehen. Zwei Kreuzlinger Handwerksbetriebe haben sie für Bühnenbildner Gregor Sturm gebaut. (Bild: sb)

Gräueltaten en masse
Regisseurin Annette Pullen will dem Publikum diese Frage beantworten und es dabei zum Lachen bringen. Wahnwitzige und rasante Dialoge sollen für Heiterkeit und blankes Entsetzen sorgen. Gerade in politisch aufrührenden und unsicheren Zeiten müsse man auch mal wieder lachen dürfen, lautet Pullens Credo.

Etwas mehr in den Hintergrund rückt dafür Urgestein Leopold Huber. Der Regisseur vieler Produktionen des See-Burgtheaters fungiert als Produktionsleiter, was bedeutet: «Ich versuche alles, um der Regisseurin den Weg freizuhalten.» Huber inszenierte im vergangenen Jahr die Parabel «Biedermann und die Brandstifter». Dem verrückten Treiben der Brewsters kann er ähnliche politische Dimensionen entlocken: Die heuchlerische Fassade des Bürgertums offenbare sich hier dem Zuschauer und rege zum Nachdenken an. «Die Bühne dreht sich und Abgründe tun sich auf», sagte Huber anlässlich der Pressevorstellung vergangenen Dienstag.

Angriffe auf ein «Gutbürgertum» – diese Formulierung steht in einer Presseankündigung zur Inszenierung und könnte missverstanden werden als rechtskonservativer Kampfbegriff – sind damit nicht gemeint, stellte er klar. «Das wurde versehentlich so formuliert.»

Abgründe tun sich auf
Eine vermeintlich heile Welt kommt auch in diesem Stück ins Wanken, was für Bewegung auf der Bühne sorgen wird. «Er dreht die Turbulenz-Spirale beständig weiter», beschreibt Hauptdarsteller Raphael Westermeier seine treppauf und treppab hetzende Figur. Anna Krestel, sie spielt Mortimers Angetraute Elaine, sagt über die eigentlich brave Pfarrerstochter: «In ihr schlummert der Wahnsinn.» Und Christian Intorp sieht in seinem Jonathan eine Person, die «sich am Leid anderer weidet, vom Verbrechen besessen ist.» Das mache sehr viel Spass, so Intorp. Astrid Keller und ihre Bühnenschwester morden, zwar nicht weniger verrückt, so wenigstens aus altruistischen Motiven.

Adrian Furrer, er gibt den unfähigen Polizisten Leutnant Rooney, und Andrej Reimann als Polizist O’Hara, sollten dem Publikum noch vom vergangenen Jahr bekannt sein. Bastian Stoltzenburg in einer Dreifach-Rolle und Florian Steiner als Teddy Brewster waren ebenfalls schon bei früheren Produktionen dabei.

Neben Neuling Pullen sind es die Darstellerinnen Jeanette Spassova und Caroline Schreiber, die das erste Mal im Seeburgpark proben und spielen. Für die Schauspielerin aus Berlin fühle sich das an «wie am Filmset», sagt Spassova. «Das Wetter ist ständig anders und damit die Lichtverhältnisse.» Für Schreiber sei das «nicht unanstrengend. Es ist zu heiss oder es windet so sehr, dass die Türen klappern. Es gab Momente, da war ich so erschöpft, ich spielte mit dem Gedanken, abzureisen», sagt sie mit einem Augenzwinkern. So spiegelt selbst die verrückte Probensituation den Wahnsinn auf der Bühne.

Das Publikum darf sich jedenfalls auf eine Bühne mit dem besonderen Dreh und auf ein Ensemble freuen, das bereit ist, alles zu geben.

Premiere von «Arsen und Spitzenhäubchen» ist am 11. Juli. Es werden 20 Aufführungen gespielt. Kartenreservation per Mail an info@see-burgtheater.ch.  Stefan Böker

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