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Bunt und laut gegen Tierquälerei

Kreuzlingen/Konstanz – Die Tierrechts-Demo «Animal Pride» ging am Samstag erfolgreich über die Bühne. Etliche Gruppen und Privatpersonen aus der Schweiz waren mit dabei. Ein Konflikt überschattete die anschliessende Feier im Palmenhauspark: Antifa-Aktivisten warfen Erwin Kessler Antisemitismus vor. Die Veranstalter der Demo reagierten verärgert und verteidigten den bekanntesten Schweizer Tierschützer.

Viele Demonstranten haben sich verkleidet, als Schwein oder als Horror-Schlachter, sie rufen Slogans und singen laut. Sofort zücken Passanten ihre Handys, um das Spektakel zu filmen oder zu fotografieren. Ob aus purer Schaulust oder weil sie Verständnis für die deutlichen Forderungen der Tierschützer haben, bleibt dahingestellt. Touristen schütteln ihre Köpfe. Manche gehen sogar ein Stück weiter: «Ich geh mir jetzt erst mal ein grosses Steak kaufen», zischelt ein Passant boshaft. «Die haben wohl noch nie ein richtiges Stück Fleisch gegessen», meint eine Frau gut hörbar zu ihrem Begleiter.

«Solche Reaktionen sind wir gewohnt, das habe ich schon 1000 Mal erlebt», sagt Sophie. Die Studentin kommt aus dem Zürcher Weinland und ist mit ihren Freundinnen Felicia und Enia angereist. «Das Witzige ist, dass sich viele auch noch originell vorkommen, wenn sie sich über Veganer lustig machen.»

Sophie ist seit zwei Jahren Veganerin, davor ernährte sie sich sechs Jahre vegetarisch. Die Gründe für ihre Entscheidung decken sich mit den Argumenten, die auf der Demo skandiert werden: Wer Tierprodukte konsumiert, quält Tiere. Massentierhaltung sei grausam und Fleischkonsum obendrauf schlecht fürs Klima. «Go Vegan – fürs Klima und die Tiere», steht auf einem Schild der rund 200 Demonstranten, oder: «Wer Leid verhindern möchte, lebt vegan.» Schreckliche Bilder aus Mastbetrieben und Legebatterien unterstreichen die Botschaft.

Grenzübertritt mit symbolischer Kraft
Während sich der Demonstrationszug in Kreuzlingen teilweise durch menschenleere Quartierstrassen bewegt, ist in der Konstanzer Fussgängerzone deutlich mehr los und immer mehr Menschen stossen dazu. «Süss», fanden Sophie und ihre Freundinnen das Erlebnis auf Schweizer Seite. Aber enttäuschende Resonanz: Auf dem Klimastreik in Winterhur sei deutlich mehr los gewesen. Einen Grenzübertritt konnte der indes nicht bieten. «Dieser symbolische Akt ist ganz wichtig», sagen sie. «Schliesslich soll es an der Demo nicht nur um Tierrechte gehen, wir wollen auch andere Themen anschneiden.» Die drei Freundinnen sind Öko-Feministinnen und haben sich deswegen Ohren mit Regenbogenfarben aufgesetzt.

An der Konstanzer Marktstätte spricht Veranstalter Christof Stelz. Mittlerweile demonstrieren nach Angaben der Polizei rund 400 Menschen. Stelz kritisiert die Schweizer Tierschutzgesetze, welche die Würde von Tieren zwar ansprechen, aber in der Praxis nicht genügend berücksichtigen würden. Egal ob in Mästereien, Forschungslaboren oder in Zirkussen und Zoos: Tiere in Gefangenschaft zu halten oder gar zu töten, sei Unrecht und Tierquälerei. An die Anwesenden appelliert Stelz, kein Fleisch, aber auch keine Eier, keinen Honig und keine Milch zu konsumieren, sowie kein Leder, keine Daunen, Fell oder Seide zu tragen. Stelz prangert Tierquälerei an, die im Namen der Religion begangen wird, beispielsweise das Schächten. Bei diesem rituellen Schlachten, das Juden und Muslime betreiben, wird das Tier ohne Betäubung ausgeblutet.

Sich vegan zu ernähren, ist da nur konsequent. Das sieht jedenfalls Tina Klein aus Zürich so, die mit ihrem Sohn Mathis hergekommen ist. Sie ist sich sicher: «In nicht allzu ferner Zukunft wird der Menschheit gar nichts mehr übrig bleiben, als vegan zu leben.» Deswegen ärgert sie sich, wenn sie sich für ihre Ernährungsweise rechtfertigen muss. «Eigentlich sollte es umgekehrt sein», findet sie. «Fleischesser sollten ihr unvernünftiges Handeln verteidigen müssen.»

Nach der Kundgebung verschiebt sich alles in den Palmenhauspark, wo eine Bühne und viele Stände aufgebaut sind. Im Pavillon des Kreuzlinger Hotels Suisse frittiert Urs Wyler vom Zapfenzieher vegane Schnitzel, das Ermatinger Start-Up Umuntu offeriert gefiltertes Wasser. Unter den rund 30 Tierrechts-Organisationen stechen die Mitglieder des Vereins gegen Tierfabriken (VgT) mit ihren grünen T-Shirts als zahlenmässig grösste Fraktion heraus.

Andreas Eisenring aus Schwarzenbach SG gehört auch dazu. Er sieht aus wie 50, ist aber 61. Seit vier Jahren lebt er vegan. «Das hat sich so ergeben, erst war ich lange Jahre Vegetarier», sagt er. Überhaupt kocht er am liebste Gemüse aus dem eigenen Garten. Eisenring findet es gut, dass sich Gleichgesinnte heute über das Internet leicht vernetzen können und vegane Produkte überall verkauft werden. Als die Demonstration die Grenze überquerte, fand er das «einen starken Moment».

Schräge Töne am friedlichen Fest
Auf der Bühne wechseln sich derweil Musik und Stellungnahmen ab. Darunter sind auch schräge Töne zu hören. Mit kriegerischer Rhetorik etwa wettert Stefan Bernhard von der Animal Defence Alliance gegen Menschen, die Kaninchen in kleinen Stallboxen halten. Obwohl vom Gesetz erlaubt, sei dies Tierquälerei. Solche Menschen bekämpfen er und seine Mitstreiter, sie wollen sie «hetzen wie ein Rudel von Wölfen» und nicht stoppen, «bis wir siegen und jeder Käfig leer ist», so der Aktivist. Andere Sprecher setzen lieber den Frieden ins Zentrum: «Für die Erde, für die Tiere, für ein friedliches Zusammenleben», ruft eine Frau ins Mikrofon. Ein Redner propagiert die gewaltfreie Landwirtschaft. Milchbauern sollten ihre Produktion auf pflanzliche Produkte umstellen, findet er, und: «Fleisch ist eine Droge.»

Auch VgT-Präsident Erwin Kessler stellt seinen Verein vor. Dieser versendet einen Newsletter, der mitunter eine Auflage von einer Million Exemplaren erreicht, und betreibt einen Lebenshof. Kessler gehört zu den bekanntesten Tierschützern der Schweiz. «Wir wollen die Herzen der Menschen berühren», sagt er, «und zeigen, dass jedes Tier eine Persönlichkeit hat. Jedes Tier hat das Recht auf Leben.»

Die Anwesenden applaudieren ihm. «Ohne ihn würde es Veranstaltungen wie diese nicht geben», lobt eine junge Frau.

Veranstalter haben Hausrecht
Eine Gruppe junger Konstanzer sieht sein Engagement allerdings kritischer. Flugblätter werden verteilt, auf denen Kessler Nähe zum Antisemitismus vorgeworfen wird. Er übe nicht nur berechtigte Kritik am Schächten, sondern schiesse teilweise über das Ziel hinaus. Etwa wenn er auf seiner Webseite schreibt, «Regierung, Gerichte und Universitäten» liessen sich «von jüdischen Kreisen erpressen und manipulieren» oder wenn er einzelne Medien als «Judenblatt» bezeichnet.

Kessler ist in der Tat wegen seiner Äusserungen umstritten. Er provoziere bewusst, hat er in einem Interview gesagt: «Wenn ich von Tier-KZ rede, werde ich gehört.» Was ihm seine Kritiker als Antisemitismus auslegten, sei jedoch lediglich Kritik am Schächten. Trotzdem wurde Kessler im Jahr 2000 zu 45 Tagen Haft wegen Widerhandlung gegen die Rassismus-Strafnorm verurteilt. Bekannt ist der 75-Jährige auch wegen unzimperlicher Methoden. Mehrmals schon wurden Tierhalter von ihm mit vollem Namen, Adresse und Foto bewusst an den Pranger gestellt, weil er fand, sie behandelten Tiere schlecht.

Umgekehrt lässt er sich das nicht bieten: Aufgebracht geht Kessler auf seine Konstanzer Kritiker zu, entreisst ihnen gewaltsam die Flugblätter.

Am Ende rufen die Veranstalter die Polizei: Beamte verweisen die Gruppe des Geländes. Einer will den Tierschützer aus Tuttwil daraufhin wegen Körperverletzung anzeigen. Von VgT-Mitgliedern, zahlreichen Demonstrationsteilnehmern und den Veranstaltern erhält der umstrittene Tierrechts-Aktivist allerdings vollen Support. Die Vorwürfe seien veraltet und masslos übertrieben, so die Reaktion der Mehrheit. Das Fazit von Organisator Christof Stelz lautet dann auch: «Wir sind zufrieden mit der Veranstaltung, obwohl es diese kleine Störung gab.» Man müsse zusammenstehen, um das Leid der Tiere zu beenden, so Stelz, anstatt sich gegenseitig zu zerfleischen.

Und kündigt an: «Nächstes Jahr wird die Animal Pride ganz sicher wieder stattfinden.»  

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