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Grüne Eier und warme Euter – alles andere als eklig

Geboltshausen/Kemmental – Respektvollen Umgang mit der Natur sowie Tieren und ihren Produkten lernen Kinder am besten, wenn sie selbst mit anpacken. Eine Woche lang besuchten 15 Kinder den Ferienpass auf dem Jakobshof im kleinen Weiler Geboltshausen im Kemmental. Unsere Korrespondentin Judith Schuck war dabei.

Selbstgemacht schmeckt das Znüni auf dem Jakobshof mit Lydia Uhl und Juliane Schöll (r.) am besten. (Bilder: Judith Schuck)

Die Interessen scheinen klar definiert: Während die Mädchen unbedingt die Schafe melken möchten, wollen die Jungs lieber ein Feuer machen. «Das erlebe ich ganz oft, dass die Jungen sich hier auf dem Bauernhof lieber mit Holz und Flammen beschäftigen», weiss Lydia Uhl aus Erfahrung. Die Landwirtin und Naturpädagogin führt den Jakobshof mit ihrem Mann. Sie findet es wichtig, dass Kinder sich austoben können. Von Montag bis Freitag erlebten die Kleinen während der Ferienpasswoche auf dem Hof in der Nähe von Ellighausen das Zusammenleben mit Tieren und Natur hautnah. Viele von ihnen zieht es immer wieder an den idyllischen Ort.

Jeden Morgen trafen sich die Kinder aus den umliegenden Ortschaften mit Lydia Uhl, Juliane Schöll und den beiden Eselinnen Garda und Alba sowie Hündin Kaya am Bommer Weiher. Juliane Schöll studierte Umweltwissenschaften, pädagogisches Wissen eignete sie sich über Seminare an: «Bei einem Waldpädagogikseminar lernte ich Lydia kennen. Seitdem helfe ich auf dem Jakobshof mit», erklärt sie. Vor rund 19 Jahren kaufte Wolfgang Kaidel den Hof als Ort für Begegnungen von Mensch und Tier. 2007 stiess Lydia, seine heutige Frau, dazu. Beide verbindet das Interesse für Landwirtschaft und Pädagogik. «Diese Kombination macht mega Spass», erzählt Uhl auf dem Spaziergang von Bommen zum Jakobshof.

Emilia hat ein braunes und ein grünes Ei im Hühnerstall gefunden.

Von Tieren lernen
Erwachsene und Kinder profitierten sehr vom Kontakt zu Natur und Tier. Das fällt bereits auf dem kleinen Marsch durch den Wald auf: Stellt Eselin Garda auf stur und möchte nicht der Führung folgen, merken die Kinder gleich, dass sie etwas falsch gemacht haben. «Wir sind hier kein Streichelzoo», betont die Naturpädagogin, «die Kinder sollen lernen, mit Tieren respektvoll umzugehen.» Die Kommunikation zwischen Tier und Mensch sei pädagogisch sehr wertvoll. «Wenn die Tiere zeigen, dass ihnen etwas nicht passt, verstehen die Kinder das viel schneller, als wenn ich ihnen es erklären würde.»

Am Dienstag, dem zweiten Ferienpasstag, kennen die Kinder die Abläufe bereits: Angekommen auf dem Jakobshof, sammeln sich alle rund um die Feuerstelle und besprechen das heutige Programm. Die Mädchen teilen sich in eine Gruppe zum Stallausmisten und eine Gruppe zum Schafemelken auf, später wird gewechselt. Die drei Jungs wollen lieber Holz schnitzen und sich ums Feuer kümmern.

Ein Kind fragt, warum es so wichtig sei, dass der Stall jeden Tag gemistet wird. Uhl erklärt dies am Beispiel von Pferd Luis, dem ältesten Tier auf dem Hof: «In der Nacht ist Luis im Stall und macht da auch sein Geschäft. Wenn wir seinen Mist gegen frisches Stroh eintauschen, freut er sich am Abend über sein gemütliches, sauberes Bett.» Plötzlich kommt Emilia angerannt und möchte mir ein grünes Hühnerei zeigen. Tatsächlich gibt es eine Henne, die wunderschöne hellgrüne Eier legt. Zum Vergleich gibt sie mir noch ein braunes in die Hand und möchte wissen, ob ich einen Unterschied merke: Noch warm vom Gefieder der Henne fühlt sich das grüne Ei an, aber vor allem ist es viel leichter als das braune. Emilia ist bereits das dritte Jahr beim Ferienpass auf dem Jakobshof und weiss: «Das hat irgendwas mit den Eiweissen zu tun. Das grüne ist auf jedenfalls viel gesünder als das braune Ei!»

Keine Angst vor Dreck
Ein Mädchen hat sich beim Spielen an einer Brennessel verbrannt. «Was machen wir bei einer Brennesselverbrennung?», fragt die Öko-Landwirtin. «Spitzwegerich drauf!», kommt es wie aus der Pistole geschossen und wo das gute Kraut wächst, wissen die aufmerksamen Kinder auch gleich.

Nach dem Melken geht’s zurück auf die Weide.

Besonders gefällt Uhl, wie die Kinder auf dem Bauernhof lernen, ihren Ekel vor Dreck abzubauen. Ihrer Meinung nach sei das kein natürliches Verhalten von Kindern, wenn sie Schmutz meiden. «Sie legen hier schnell ihre Berührungsängste ab.» Gerade beim Schafemelken kostet der erste Griff ans Euter Überwindung. Doch stellen sich die Mädchen unter Schölls Anleitung sehr geschickt an. Sie wissen, dass zunächst von Hand ein wenig Milch abgemolken werden muss, um die Beschaffenheit und eventuelle Verschmutzungen beurteilen zu können. «Wie fühlt sich so ein Euter denn an», frage ich. «Wabbelig, rau und warm», beschreibt Emilia ihren Eindruck.

Danach greift Romy beherzt zur Melkmaschine und zeigt mir, wie sich an den Euter- Anschlüssen der Sog aufbaut. Die Schafe kauen derweil genügsam auf ihrem Futter herum und lassen das Prozedere geduldig geschehen.

Aus der frisch gemolkenen Schafsmilch machen die Kinder Schüttelbutter fürs Znüni. Ausserdem wird bereits Joghurt angerührt, der kommt aber erst am nächsten Tag auf den Frühstückstisch. Die Kinder lernen so den ungewohnten Geschmack von frischer Schafsmilch schätzen. «Ich habe mal den Vergleich gemacht», verrät mir Emilia. «Zuhause habe ich den Ziegenfrischkäse vom Jakobshof und den gekauften vom Supermarkt probiert. Also, der von Lydia schmeckt viel besser!»

Landwirtschaft aus Leidenschaft
Lydia Uhl erzählt, sie habe bereits während ihrer Ausbildung als Öko-Landwirtin gemerkt, dass sie diesen Beruf nicht gewerbsmässig ausüben möchte. «Wir melken unsere Schafe zwar, lassen die Lämmer aber so lange bei ihren Müttern, bis sie gut selbst fressen können.» Sie versteht jeden Landwirt, der von seiner Arbeit leben muss und da anders handelt. «Aber wir möchten so naturnah wie möglich bleiben.» 

Verein «Hofwärts»
Da es schwierig ist, unter diesen naturnahen Idealen den Jakobshof zu halten und die Verantwortlichen jeweils einer Erwerbstätigkeit ausserhalb des Hofs nachgehen, haben sie im April den Verein «Hofwärts» gegründet. Durch eine Mitgliedschaft kann das Angebot auf dem Jakobshof mitgetragen und mitgestaltet werden. Neben schulischen Angeboten wie der Gartenkindergruppe und ausserschulischem Freizeitprogramm wie dem Ferienpass gibt es die Möglichkeit, den Kreislauf der Natur auf dem Jakobshof in der Jahresgruppe mitzuerleben. «Das pädagogische Programm bieten wir seit Jahren aus Leidenschaft an», sagt Lydia Uhl. Den besonderen Ort möchten sie gerne noch mehr für andere Gleichgesinnte öffnen.

 

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