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Einmal Rapi, immer Rapi

Raperswilen - Raperswilen ist die vergangenen zwei Jahre prozentual am schnellsten gewachsen, obschon die Gemeinde auf den ersten Blick unattraktiv erscheint. Zwei Raperswiler erzählen warum sie hier her gezogen sind und was ihnen daran gefällt.

Daniel Egloff schätz das ruhige Dorfleben in Raperswilen und würde nie in eine Stadt ziehen wollen.  (Bilder: av)

Der Bus fährt nur neun Mal am Tag und das auch nur während den Stosszeiten. Am Wochenende müssen die Raperswiler auf das einzige öffentliche Verkehrsmittel verzichten. Nebst dem überschaubaren Busfahrplan hat es auch keine Verkehrshauptachse. Das Dorflädeli hat nur freitags den ganzen Tag geöffnet und sonst nur vormittags. Beim Dorfbeck erhalten die Raperswiler nur samstags frisches Brot. Da stellt sich die Frage: Warum ist gerade Raperswilen prozentual auf die Einwohnerzahl gesehen, die am schnellsten gewachsene Gemeinde zwischen 2017 und 2018 der Ostschweiz?

«Ich würde nie in eine Stadt ziehen. Ich möchte es friedlich und ruhig haben und Raperswilen hat eine sehr schöne Gegend», sagt Daniel Egloff zu seiner Ortswahl: Der 28-Jährige ist in der Nachbar-Gemeinde Wäldi im Örtchen Lipperswil aufgewachsen. Vor vier Jahren ist er durch die Wohnungssuche mit Kollegen nach Raperswilen gezogen. Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) wuchs Raperswilen zwischen 2017 und 2018 um 5,1 Prozent, im Gegenzug wuchs Kreuzlingen um 0,9 Prozent und vom Bezirk Kreuzlingen aus gesehen ist Langrickenbach mit 0,9 die am schnellsten schrumpfende Gemeinde. Die Gemeinde Grub im Kanton Appenzell Ausserroden verliessen die meisten Ostschweizer mit 3,5 Prozent. «Vielfach sind es Kinder, die hier aufgewachsen sind, wegzogen und jetzt als Erwachsene mit ihrer Familie zurückkommen», erklärt sich Gemeindepräsidentin Gaby J. Müller der Bevölkerungsanstieg. 2018 wuchs die Gemeinde um 48 Personen.

Von der Stadtzürcherin zur Gemeindepräsidentin

Die Raperswiler haben die ehemalige Stadtzürcherin, Gaby Müller herzlich aufgenommen und zur Gemeindepräsidentin gewählt.

Nicht viel länger als Egloff wohnt die Gemeindepräsidentin Müller im Örtchen. Sie zog vor fünf Jahren in die 421 Seelen-Gemeinde und ist seit Juni im Amt. Die frischgebackene Präsidentin ist gebürtige Stadtzürcherin, auch sie zog die Wohnungssuche nach Raperswilen. «Für mich hörte der Thurgau in Müllheim auf», sagt die 56-jährige verschmitzt: «Ein Bekannter erzählte mir von einem zum Verkauf angebotenen Haus.» Sie fand durch das Reiten und ihre sehr aufgeschlossene und freundliche Art schnell Anschluss. So dauerte es nicht lange bis sie im Landfrauen Verein Raperswilen aktiv war. Die Vereins-Damen waren auch ausschlaggebend für das Präsidentenamt. «Sie füllten für mich das Anmeldeformular für das Amt als Gemeindepräsidentin aus aus und ich reichte es ein, weil ich die hier lebenden Menschen, die örtliche Natur und Landwirtschaft mag», sagt die 56-Jährige zur Anmeldung und ergänzt: «Das alles finde ich schützenswert und ich möchte einen Beitrag an die Gemeinde leisten.» Sie war jedoch überrascht, dass sie nicht in den Gemeinderat, sondern direkt zur Gemeindepräsidentin gewählt wurde.

Doch etwas los

Das Vereinsleben half Müller sich in die Gemeinde zu integrieren und war Sprungbrett zur Gemeindepräsidentin. Auch Egloff ist seit klein auf in einem Verein aktiv, im TV Illhart-Sonterswil hilft er die Jugend zu fördern. Will man in Raperswilen etwas erleben, kommt man an einem Verein nicht vorbei oder man geht raus in die Natur. Deshalb ist es auch nicht überraschend, dass der Lieblingsplatz von Egloff und Müller eine Grillstelle im Kirchenwald ob Büren mit Hütte und einer tollen Aussicht auf die Berge ist. Es gibt weder Mehrzweckhalle, Fussballplatz, Bar, Restaurant oder sonstige öffentliche Plätze, die genutzt werden könnten, daher gibt es nicht viele Veranstaltungen.

«Aber ich unternehme in der Gegend viel mit meinen Freunden oder nehme an den kleinen Veranstaltungen in der Gemeinde teil. Das tolle ist, dass man sich in Raperswilen kennt und man immer etwas zum Schwatzen findet. Dabei gilt der Dorfbeck jeden Samstag als Treffpunkt», sagt Egloff zum Festleben der Gemeinde.

Zum Beispiel organisieren die Gemeindeverwaltung jedes Jahr eine Augustfeier und ein Neujahrsfest, ausserdem sind die Einwohner selbst immer wieder in Feierlaune und veranstalten Quartiersfeste, feiern im grösseren Rahmen ihren Geburtstag oder organisieren die Aktion «Adventsfenster». Auch die Vereine laden die Bevölkerung zu einem Unterhaltungsabend ein. Das Forum B organisiert kulturelle Abende mit Lesungen. «Es ist toll zu sehen, wie initiativ, aktiv und sehr persönlich die Einwohner sind», sagt Müller.

Bild: zvg

Verwechslungsgefahr ist hoch

Man könnte sagen, dass Raperswilen einen grossen Bruder hat, was auch schon zu Verwechslungen führte. «Ich wurde schon zwei Mal von verschiedenen Touristen angesprochen, die eigentlich nach Rapperswil wollten», erzählt Egloff und muss dabei lachen. Wer es noch nicht wissen sollte: Rapperswil befindet sich am Obersee im Kanton St.Gallen. Der hilfsbereite Raperswiler hat natürlich die Unwissenden aufgeklärt und auf den richtigen Weg geführt.

Es ist aber auch schwierig sich über die Gemeinde vorab zu informieren, denn der Webauftritt lässt zu wünschen übrig. Er ist unübersichtlich, vom Design her veraltet und teils mit alten Infos gespickt. «Dies ist mir ebenfalls ein Dorn im Auge. Aber der Gemeinderat hat vorgesorgt und bereits für dieses Jahr ein Budget gesprochen. Daher können wir uns diesem Thema bald annehmen», sagt die 58-Jährige zur verstaubten Website. Die Einwohner werden mit Flugblättern oder über das Gemeindeblatt informiert.

Weiter zu den Finanzen hat der 28-Jährige die klare Meinung, denn der Steuerfuss ist ihm zu hoch. 318 Prozent, das ist nicht mehr weit weg zur Steuerhöchsten Gemeinde Arbon mit 320 Prozent. Den kantonsweit tiefsten Gemeindesteuerfuss hat Bottighofen mit 230 Prozent. «Wir haben fast keine Industrie und die wenigen Leute müssen für eine sehr grosse Fläche zahlen. Auch der Unterhalt für die langen Strom- und Wasserleitungen geht ins Geld», erklärt sich die Gemeindepräsidentin den hohen Steuerfuss. Es gibt ausserdem wenig Bauland für grosse Quartiere oder um Firmen anzulocken, dafür ist die Gemeinde zu unattraktiv. Daher ist die Chance klein, dass der Steuerfuss gesenkt wird.

Trotzdem bleibt die Gemeinde wegen dem idyllischen Charm und der aktiven Bevölkerung beliebt. Denn sie ist zwischen Januar und Juni bereits wieder um 14 Leute gewachsen.

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