/// Rubrik: Stadtleben

Die Stadt aus anderer Sicht

Kreuzlingen – Georg Strasser, Fachlehrer, Mechanikermeister und Experte der hiesigen Geschichte hat der Kreuzlinger Zeitung eine Privatführung gegeben. Zwischen Sehenswürdigkeiten und erwähnenswerten Plätzen erzählte der mittlerweile fast 80-Jährige, wie er zum Titel «Lokalhistoriker» gelangte.

Georg Strasser. (Bild: Sandro Zoller)

Wie schon so manches Mal startet Georg Strassers klassische Tour beim Hirschenplatz. «Ende des 13. Jahrhunderts verschoben die Konstanzer ihr Leprosenhaus von der Gegend des heutigen Hörnli hierher», beginnt er seine Erzählungen. Leprakranke mussten im Mittelalter die Stadt verlassen, um nicht noch weitere Menschen anzustecken. Um den Hirschenplatz gab es zu dieser Zeit eine Ansammlung von Häusern und eine von Süden nach Norden stehende Kirche. Davon zeugen nur noch drei Sandsteinfiguren der Mutter Gottes, Christus und Petrus, die im Rosgartenmuseum in Konstanz ausgestellt sind. Wenige Schritte vom Hirschenplatz entfernt, steht versteckt ein Haus, dessen Erdgeschoss noch aus dem Mittelalter stammt. Nebst dem Ostteil der Kapelle Bernrain und Kirche Kurzrickenbach ist das ehemalige Badehaus der Leprakranken der einzige übriggebliebene Zeitzeuge in Kreuzlingen. «In den vergangenen Jahren hatte ich auch schon die Möglichkeit mit Gruppen die privaten und eindrücklichen Räumlichkeiten zu betreten», fügt Strasser seinen Erzählungen hinzu. Aber woher stammt nun der Name des Platzes? Auf dem Weg zur Ulrichskirche legt Strasser bei der Bushaltestelle Seminar einen Stopp ein und beantwortet die Frage: «Von Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum 1966 ausgebrochenen Brand stand an dieser Stelle das Gasthaus Hirschen mit einer Metzgerei und einem bekannten Keller, wo unter anderem die Jugend abfeierte.»

Kircheninventar – Dauergast im Vatikan
1653 wurde der Grundstein des neuen Augustinerklosters gelegt. «Bis 1848 bestand zudem auf der Seite zur Hauptstrasse der Klosterflügel mit den Räumlichkeiten der Klosterbibliothek, von der nur noch wenige Entwürfe vom Maler Franz Ludwig Herrmann bestehen», erzählt Strasser wehmütig. Im Jahr 1848 gab es einen Grossratsbeschluss, dem zu Folge alle Thurgauer Klöster aufgehoben und verstaatlicht wurden. Im Zuge befanden die neuen Eigentümer, dass das nunmehrige Lehrerseminar zur Strasse hin mehr Licht benötigt und veranlassten den Abriss des wahrscheinlich schönsten Flügels der Konventgebäuden. Die schönsten und wertvollsten Gegenstände verkaufte der Staat, wodurch einige nach Paris zur Versteigerung gelangten. In der Hoffnung, dass die alten klösterlichen Verhältnisse eines Tages wieder etabliert werden, kaufte der Vatikan diese auf. Bis heute sind sie in den Vatikanischen Museen in Rom zu bestaunen. «Wenn ich in Rom bin, muss ich jeweils den Kreuzlinger Ausstellungsstücken einen Besuch abstatten und einen Gruss aus der Heimat ausrichten», sagt Strasser.

Ebenfalls auf Staatsgeheiss wurde 1855 die Liebfrauenkapelle dem Erdboden gleich gemacht. Sie stand links neben dem Vorplatz der St. Ulrichskirche. Die Muttergottesstatue auf dem Seitenaltar links in der Kirche konnte sich als einzige in die Gegenwart retten. 1963, in der Nacht auf den 20. Juli, erlitt das Gotteshaus erneut einen grossen Eingriff – dieses Mal durch ein wütendes Feuer. Das erst gerade fertig restaurierte Gebäude fiel den Flammen fast vollständig zum Opfer. Ganz erheblich brannte auch das Feuer im berühmten Ölberg. Von den rund 300 Figuren ging ein grosser Teil verloren oder wurde beschädigt. Der Wiederaufbau der Kirche bezifferte sich auf 5,5 Millionen Franken. «Heute könnte man der Zahl vorne wohl noch eine Eins oder Zwei anfügen», verdeutlicht der Lokalhistoriker die hohen Kosten.Beim Abzweiger zur Eventlokalität Z88 bleibt er stehen und zeigt auf die Hauptstrasse. Genau da ist der höchste Punkt der Stirnmoräne des Rheingletschers.

Von Alkohol und Abstinenz
Das Wirtshaus zum Bären erhielt um 1719 von der Konstanzer Stadtvogtei Eggen eine Ausschankbewilligung. Zwischen 1854 und 1871 mietete sich zudem die Post ein. Für die Beiz war 1860 Schluss. 1912 öffnete das Lokal erneut mit dem Zusatz «Allgemeines alkoholfreies Volkshaus». Gegenüber vom Bären steht das Haus Sallmann. Es gehört zu den 13 ehemaligen Häusern von Kreuzlingen, datiert auf den Beginn des 19. Jahrhunderts.

Weiter geht es auf der Bärenstrasse zum alten Egelshofer Zentrum. Auf dem Weg dahin erzählt Strasser, dass er alte Ansichtskarten von Kreuzlingen sammelt. Darauf ist ersichtlich, warum Kreuzlingen die Gartenstadt genannt wurde. «An der Hauptstrasse hatten viele Häuser einen Garten zur Strasse hin. Heute ist da der Boulevard mit mehr Autos als Menschen.»

Ein Zeuge der Kreuzlinger Industriegeschichte, die frühere Schuhfabrik und heutige Firma Rausch, erinnert an den Werkplatz Kreuzlingen gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts.

Woher er sein Wissen habe? «Schon als Schüler war ich von Geschichte fasziniert», erklärt Strasser und fügt lächelnd hinzu: «In der sechsten Klasse nannte mich der Lehrer den besten Geschichtskundigen.» Beruflich hat er aber nie etwas mit der Materie zu tun gehabt. Seit 1964 ist er diplomierter Mechanikermeister und war zwischen Stockholm und Belgrad als Auslandmonteur unterwegs. In Weinfelden war er Fachlehrer für Land- und Baumaschinenmechaniker. Egal wo er sich befand, früher oder später stand er in einer alten Kirche oder sonstigem historisch interessanten Objekt. «Die Informationen habe ich unter anderem aus Büchern und Lexikas in denen Kreuzlingen noch erwähnt wird. Aber heute gibt es auch noch das Internet, da findet man ja fast alles», beantwortet er die Frage.

Beim Rosenegg angekommen, geht es wieder um Alkohol. Das 1780 erbaute Palais gehörte der Familie Bächler. Diese war dick im Wein- und Medizinalhandelsgeschäft. Gerade Schnaps-Wundpflegemittel waren bei den damaligen schweren körperlichen Verletzungen durch kriegerische Auseinandersetzungen gefragt.

Der Rundgang endet, wie gewöhnlich, auf dem alten Gemeindeplatz des heutigen Quartiers Egelshofen. Weder von der Berg- noch von der Bärenstrasse her ahnt jemand etwas von diesem verträumten Plätzchen. Im Riegelhaus von circa 1720, worin heute die Jugendmusik Kreuzlingen ist, befand sich früher das Gemeinde– und Schulhaus. Bis 1926 fand man am Platz zudem die Post Egelshofen. «Der Quartierverein Egelshofen organisiert da seit Jahren am Abend des letzten Donnerstages vor Weihnachten den Adventstreff für Jung und Alt mit Glühwein, Musik und Beisammensein unter dem Firmament.

Eine Frage ist noch ungeklärt. Wie erhielt er den, wohlgemerkt, verdienten Beinamen Lokalhistoriker. Er muss schmunzeln und sagt: «Irgendwann hat ihn mir eine Zeitung einfach angehängt.»

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.