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Streit wegen Bier

Kreuzlingen – Urs Wyler betreibt seit zwölf Jahren den Zapfenzieher. Die Bar ist beliebt, quasi ein Kreuzlinger Traditionslokal. Im Oktober 2018 flatterte allerdings die Kündigung ins Haus. Vermieter Christian Siegenthaler wirft Wyler Vertragsbruch vor: Dieser dürfe nur direkt und ausschliesslich bei Feldschlösschen Bier beziehen. Weil er das nicht tat, sah sich der Hausbesitzer zu diesem drastischen Schritt gezwungen. Der beschuldigte Gastronom hat die Kündigung angefochten.

Im Zapfenzieher fliesst das flüssige Gold weiterhin durch den Hahn, und manchmal zapft sogar der Chef persönlich. Bild: sb

Am Dienstag trafen sich beide Parteien vor dem Kreuzlinger Bezirksgericht. Bei seiner Kündigung beruft sich Hausbesitzer Christian Siegenthaler auf den Paragraphen 257F des Mietrechts. Gemäss Gesetz darf der Vermieter kündigen, wenn «der Mieter trotz schriftlicher Mahnung des Vermieters seine Pflicht zu Sorgfalt oder Rücksichtnahme» im Haus verletzt.

Dem trat Ruedi Garbauer, der Anwalt von Urs Wyler, entscheiden entgegen. Um die Liegenschaft habe der Wirt sich stets gut gekümmert. Weder von Nachbarn noch Hausbewohnern seien diesbezüglich Klagen gekommen, liess Garbauer das Gericht wissen.

Deutliche Worte fand er für das Vorgehen der Gegenseite. «Das ist eine Rachekündigung, so etwas geht nicht. Mein Mandant muss sich nichts vorwerfen lassen», sagte Garbauer.

Allein beim Bier scheinen die Dinge klarer zu sein. Seit 1. Januar 2018 müsste Wyler sein Bier direkt und ausschliesslich bei Feldschlösschen beziehen. So will es ein «Bierliefervertrag» zwischen Hausbesitzer und Brauerei. Gespräche und mehrfache Mahnungen nutzten aber nichts: Wyler kaufte, wie schon in all den Jahren zuvor, bei seinem Getränkehändler ein. Noch im Dezember 2018 hatte er dort laut Daniel Petazzi, dem Anwalt Siegenthalers, Weizenbier bestellt. Das habe zu einem finanziellen Schaden beim Hausbesitzer geführt, weil Feldschlösschen auch ihm Rabatte ausgezahlt hätte, wäre exklusiv und direkt dort gekauft worden. «Und mit jeder falschen Bierbestellung wächst der Schaden weiter», bemängelte Petazzi.

«Bier ist zum trinke da!»
Anwalt Garbauer bestreitet diese «Geschichte mit dem Bierliefervertrag» auch gar nicht. Für ihn stellen diese Vertragsbrüche aber keine Verletzung der Sorgfaltspflicht dar. «Diesbezüglich ist es egal, ob Feldschlösschen oder Heineken durch den Zapfhahn fliesst», stellte er fest. «Bier vermietet man nicht, das trinkt man.» Zudem könne  der Getränkelieferant des Zapfenziehers als «Verteilzentrum» von Feldschlösschen gelten, so wie es der Vertrag vorsieht. Von Vertragsbruch könne also keine Rede sein.

«Das ist ein Witz», kommentierte Petazzi diese Ausführungen. Vertragsverletzungen stellen in seinen Augen sehr wohl eine Verletzung der Sorgfaltspflicht dar und seien vergleichbar mit Verstössen gegen die Hausordnung oder nicht genehmigte Untervermietungen.

Für Wyler ist eine Direktbestellung bei der Brauerei schlicht ein «unlogischer Lieferweg». Früher gab es im Zapfenzieher Calanda. Der Umstellung auf Feldschlösschen hatte er nach einer Befragung seiner Gäste zugestimmt. «Aber dass ich das Bier nicht mehr bei dem Lieferanten meines Vertrauens beziehe, dafür habe ich mein OK nicht hergegeben», ärgert sich der Wirt.
Mittlerweile bestellt er so, wie es der Bierliefervertrag vorsieht. Und ausziehen muss er auch nicht.

Ende gut, alles gut
Richter Jürg Roth gelang es, beide Parteien nach den Plädoyers zu Vergleichsgesprächen zu bewegen. Das Ergebnis: Die Kündigung ist erst mal vom Tisch.

Urs Wyler darf in seinem beliebten Lokal weiter Bier ausschenken. Über die Details des Vergleichs haben die Verantwortlichen jedoch Stillschweigen vereinbart.

Welche Biersorten es also von nun an im Zapfenzieher geben wird? Das müssen unsere Leserinnen und Leser wohl selbst herausfinden … Der Zapfenzieher hat jeden Tag geöffnet bis um Mitternacht, freitags und sonntags bis 1 Uhr.

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