/// Rubrik: Stadtleben | Topaktuell

«Jeder darf so sein, wie er ist»

Kreuzlingen – Am Samstag feiert der Open Place in Kurzrickenbach sein Fünfjähriges. Es ist eine Erfolgsgeschichte, an der viele Freiwillige beteiligt sind. Gleichzeitig steht dieser offene Raum als Symbol für die liberale Ausrichtung der Gemeinde – welche scheinbar nicht allen gefällt. Grund genug, uns im Vorfeld des frohen Jubiläums mit Pfarrer Damian Brot und der ehemaligen Kirchenpräsidentin Susanne Dschulnigg über ernste Themen zu unterhalten.

Pfarrer Damian Brot und Susanne Dschulnigg, Präsidentin der Kommission Open Place, sind froh über den Erfolg ihres Projekts. (Bild: Nina Herzog)

Herr Brot, wie war das Feedback auf die Veröffentlichung des neuen theologischen Leitbilds?

Pfarrer Damian Brot: Nebst vielen positiven Feedbacks gab es auch einige kritische Reaktionen. Für jemanden ist das Leitbild zu konservativ-evangelikal, weil es mit einem Bekenntnis zu Jesus Christus als Mitte unseres Glaubens einsteigt. Aus dem eher konservativen Lager kommende Kirchenmitglieder stören sich vor allem an den Aussagen zu der Sexualität. Auch auf Facebook wurde über das Leitbild diskutiert. Jemand gratulierte uns mit der Bemerkung: «Ein Leitbild, das einer evangelischen Landeskirche gut ansteht!»

Dann ist Ihnen eine Opposition bekannt?

Eine organisierte Opposition ist mir nicht bekannt. Die meisten kritischen E-Mails, die bei uns eingingen, kamen nicht von Leuten aus Kreuzlingen. Positiv daran war, dass unser Leitbild auch ausserhalb unserer Gemeinde wahrgenommen und diskutiert wurde.

Wie umstritten ist der Standpunkt zur Homosexualität innerhalb der
Gemeinde?

Das Thema «Homosexualität» ist nicht nur in der katholischen, sondern auch in den evangelischen Landeskirchen umstritten. Da ist unsere Kirchgemeinde keine Ausnahme. Ich bin aber glücklich, als Pfarrer in einer Gemeinde tätig sein zu dürfen, in der sich das Seelsorgeteam und die Kirchenvorsteherschaft für eine offene Haltung zur Homosexualität ausgesprochen haben.

Ich möchte gerne Bezug nehmen auf ein bestimmtes Inserat auf Seite 2 in unserer vergangenen Ausgabe. Ich finde das lobenswert, dass die evangelische Kirchgemeinde Profil zeigt. Und es ist sehr schade, dass andere Gemeindemitglieder meinen, diese liberale Ausrichtung angreifen zu müssen. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?

Wir wissen nicht, wer das Inserat in Auftrag gegeben hat. Darum können wir mit dieser Person auch nicht ins Gespräch kommen. Ich bin aber gerne bereit, mit Gemeindemitgliedern und anderen interessierten Personen zu diskutieren, die mit unserem Leitbild Mühe haben. Kürzlich habe ich jemanden zu Hause besucht, der mir eine E-Mail mit kritischen Fragen zum Leitbild geschickt hat, und wir sind miteinander in einen guten Austausch gekommen.

Mir fällt es extrem schwer, da nicht wütend zu werden. Gleichgeschlechtliche Liebe sollte in der heutigen Zeit eigentlich kein Thema mehr sein …

Ich hoffe, dass dies auch einmal so sein wird, dass jede und jeder so sein darf, wie sie oder er von Gott geschaffen worden ist. Dann können wir unsere Energie in wichtigere Themen und Anliegen investieren.

Am Wochenende haben Sie eine Lesung mit Autoren des Buches «Nicht mehr schweigen» veranstaltet. Homosexuelle Christen berichten über ihre Erfahrungen in der Kirche. Wie war’s? Was hat Ihnen am besten gefallen?

Die in der Lesung gehörten Geschichten von Menschen, die wegen ihrer Homosexualität in der Kirche ausgegrenzt wurden, haben mich sehr berührt und betroffen gemacht. Als Vertreter der Kirche möchte ich mich bei allen entschuldigen, denen wegen ihrer sexuellen Identität Unrecht angetan wurde. Im Anschluss an die Veranstaltung sind einige Teilnehmende auf mich zugekommen und haben mir gesagt: «Was wir heute Abend gehört haben, ist auch meine Geschichte.»

Im Buch kommen auch Eltern zu Wort, die sich mit dem Thema auseinandersetzen mussten, weil ihr Sohn sein Coming-Out hatte. Und am Ende sagen: «Was die Buntheit und Vielfalt in Gottes Schöpfung betrifft, hat sich unser Horizont beachtlich erweitert.» Ganz so glatt läuft es aber nicht in jeder Familie. Haben Sie in Ihrer Gemeinde ähnliche Vorgänge beobachtet?

Für Eltern kann es etwas sehr Beglückendes sein, wenn eine Tochter oder ein Sohn ihre oder seine sexuelle Identität findet und den Mut zu einem Coming-Out aufbringt. Eltern wünschen sich doch das Beste für ihre Kinder, und da kann es nicht in ihrem Sinne sein, dass ihre Tochter oder ihr Sohn meint, sie oder er müsse über ihre oder seine wahre Identität schweigen.

Frau Dschulnigg, wenn Sie einen Text zum Buch beigetragen hätten, wie hätte der ausgesehen?

Susanne Dschulnigg: Identitätsfindung dauert manchmal lange. Bis 45 lebte ich in heterosexuellen Beziehungen. Ich war dabei nicht unglücklich. Auch diese Zeit gehört zu meinem erfüllten, vielseitigen Leben. Eine Hautkrankheit war das äussere Signal, auf meine innersten Bedürfnisse zu hören. Das war der Zeitpunkt meines Outings. Im Gegensatz zu den Geschichten im Buch «Nicht mehr schweigen» spielte der Glaube keine Rolle. Zu diesem habe ich erst nach meinem Outing den Zugang wirklich gefunden.

Mussten Sie als offen lebende lesbische Frau und Kirchenpräsidentin auch mal Angriffe abwehren?

Dschulnigg: Es gab keine persönlichen Angriffe. Und was ich nicht persönlich zu hören bekomme, stört mich ja auch nicht. Ich muss mich ja nicht verteidigen. Ich lebe so, basta.

Herr Brot, die Lesung vom Samstag soll ja ein «Kick off für mehr» sein. Wie geht es weiter?

Brot: Als nächstes möchten wir einen Vortrags- und Diskussionsabend zum Thema «Bibel und Homosexualität» organisieren. Wir sind auf der Suche nach einem dafür geeigneten Referenten. Ich habe mir vorgenommen, diese Thematik auch in meiner Verkündigung vermehrt anzusprechen.

Frau Dschulnigg, mit dem Open Place wurde ein Ort geschaffen, an dem Menschen ungeachtet ihres sozialen Status oder ihrer sexuellen Orientierung willkommen sind – eine Erfolgsgeschichte. Was ist für Sie das Einzigartige am Open Place, was freut Sie besonders an der Geschichte?

Dschulnigg: Der Open Place hat sich in den fünf Jahren zu einem lebendigen Ort der Begegnung entwickelt. Das Speziellste für mich ist das grosse Team, die Freiwilligen, das dafür sorgt, dass sich die Gäste, die Menschen, die zum Open Place kommen, wohl fühlen. Diese Menschen bewirken, dass der Open Place überhaupt funktioniert, dass sich Menschen respektvoll begegnen und dass sich alle in ihrer Eigenart angenommen und wertgeschätzt fühlen. 

Fünf Jahre Open Place
Seit fünf Jahren gibt es in Kurzrickenbach im Haus Weisser den Open Place der evangelischen Kirchgemeinde. Was als kleiner Begegnungsraum gestartet ist, hat sich in diesen fünf Jahren zu einem vielfältigen Begegnungszentrum entwickelt. Mit der VerwertBar und der Kleiderbörse wird dem Gedanken des achtsamen Umgangs mit Ressourcen Rechnung getragen. Mit dem Café ermöglicht das Team Menschen ein Innehalten, einen Ort des Zuhörens, einen Ort der Beratung. Verschiedene Angebote wie Trommeln, Malen, Spielen helfen, einen Weg aus der Einsamkeit zu finden.
Am 14. September feiert der Open Place im Haus Weisser, Haus Bleiche und in der Kirche Kurzrickenbach. Um 11 Uhr findet ein Festakt in der Kirche statt. Grussbotschaften, Musik und Ehrungen, sowie Einblicke ins Leben von Open Place stehen auf dem Programm. Ab 12 Uhr sind alle zum Risottoessen eingeladen. Das Fest dauert bis 15 Uhr.

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.