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Entschuldigung wegen Medikamententests

Münsterlingen – Historikerinnen und Historiker der Universität Zürich haben im Auftrag der Thurgauer Regierung die Medikamententests an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen untersucht. Die Ergebnisse der Forschung liegen nun in Buchform vor. Klinikdirektor Roland Kuhn hat demnach zwischen 1946 und 1980 mindestens 67 Prüfsubstanzen getestet. Betroffen waren bis zu 3000 Patientinnen und Patienten. Der Regierungsrat hat sich an einer Medienorientierung bei den Betroffenen entschuldigt. Und er wird in Münsterlingen ein «Zeichen der Erinnerung» setzen.

Restbestände aus der Klinik Münsterlingen: 25’000 Dragées G 35259 Ketimipramin à 60 Milligramm. (Bild: ID)

Das Ausmass der Medikamententests in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen ist beträchtlich. Das Forschungsteam unter der Leitung von Marietta Meier, Professorin an der Universität Zürich, hat die Medikamententests untersucht und die Ergebnisse im Buch «Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie 1940–1980» veröffentlicht. Die Historikerinnen und Historiker belegen, dass Klinikdirektor Roland Kuhn mindestens 67 Prüfsubstanzen getestet hat. Kuhn selber ging davon aus, dass 3000 Patientinnen und Patientinnen in die Tests involviert waren. In seinen Forschungsunterlagen können zwar nur 1100 namentlich nachgewiesen werden. Stichproben in den Krankenakten deuten jedoch darauf hin, dass Kuhns Angaben stimmen könnten.

An einer Medienkonferenz hat sich Regierungspräsident Jakob Stark im Namen der Thurgauer Regierung entschuldigt: «Der Regierungsrat entschuldigt sich bei allen Betroffenen von Medikamententests in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.» Das gelte vor allem auch für jene, die besonders vulnerablen Patientengruppen zuzurechnen seien. Denn bei den Medikamententests wurden auch Kinder, Jugendliche sowie Schwerst- und Chronischkranke einbezogen.

Unabhängige Forschung
Im Mai 2015 hat der Regierungsrat den Auftrag erteilt, die Münsterlinger Vorgänge historisch zu untersuchen. Er hat dazu eine Projektgruppe unter der Leitung von Staatsarchivar André Salathé eingesetzt, die das Forschungsteam begleitet hat. Die eigentliche Forschung wurde von einem Team der Universität Zürich unter der Leitung von Marietta Meier durchgeführt. Wie André Salathé an der Medienkonferenz ausführte, ist die Quellenlage gut. So konnten die Forscherinnen und Forscher auf das Archiv der Psychiatrischen Klinik, auf den Nachlass des Ehepaars Kuhn sowie auf Quellenbestände des Konzernarchivs von Novartis Schweiz zurückgreifen. Das Forschungsteam konnte stets unabhängig arbeiten, betonte Salathé: «Die Projektgruppe hat dem Regierungsrat während der Forschungsarbeit nicht Bericht erstattet.» Insgesamt hat der Regierungsrat für das Forschungsprojekt 750’000 Franken aus dem Lotteriefonds bewilligt.

Die Untersuchung rekonstruiert die Medikamententests im Detail und beurteilt die Befunde aus ihrer Zeit heraus. «Man muss deutlich feststellen, dass die Entdeckung der antidepressiven Wirkung von Imipramin (Markenname Tofranil) in Münsterlingen in einem Ausmass Folgeforschungen ausgelöst hat, die mit der unzureichend bleibenden personellen, finanziellen, baulichen und infrastrukturellen Ausstattung der Klinik nicht zu bewältigen waren», sagte Stark. Zudem hätten Kuhns Forschungsmethoden ab Mitte der 1960er Jahre den wissenschaftlichen Standards nicht mehr genügt. Die kantonalen Aufsichtsbehörden hätten es ebenso wie die pharmazeutische Industrie, die Kuhn mit Präparaten versorgt hatten, versäumt, korrigierend einzugreifen. Der Regierungsrat sei sicher, so Stark, dass aufgrund später erlassener gesetzlicher und administrativer Regelungen Vorgänge, wie sie im Buch beschrieben werden, heute nicht mehr möglich seien.

Erste Mutmassung nicht bestätigt
Nebst der Entschuldigung bei den Betroffenen hat sich der Regierungsrat entschieden, ein weiteres Zeichen zu setzen, ein «Zeichen der Erinnerung». Das Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 fordert die Kantone auf, den Betroffenen die Ehre zu erweisen. «Zu unserer Erleichterung hat sich die erste Mutmassung, Kinder und Jugendliche aus Kinderheimen seien planmässig und in grosser Zahl in Münsterlingen für Medikamententests missbraucht worden, nicht bestätigt», sagte Regierungsrat Walter Schönholzer. Trotzdem hat der Regierungsrat entschieden, das «thurgauische Zeichen der Erinnerung» auch für die Betroffenen der Medikamententests zu errichten. Geplant ist es auf dem ehemaligen Spitalfriedhof von Münsterlingen. Dieser wird partiell restauriert und unter Schutz gestellt. Gleichzeitig wird auf dem Gelände des Massnahmenzentrums Kalchrain ein Partnerzeichen der Erinnerung errichtet.

Für das «Zeichen der Erinnerung» hat der Regierungsrat einen Wettbewerb im Einladungsverfahren unter Künstlerinnen und Künstlern genehmigt. Mit der Durchführung des Wettbewerbs wurde eine Jury beauftragt, die von alt Regierungsrat Claudius Graf-Schelling präsidiert wird. Das Ziel ist es, die Zeichen in spätestens eineinhalb Jahren zu enthüllen. «Der Regierungsrat hofft, damit auch ein deutliches Zeichen dafür setzen zu können, dass man sich im Kanton Thurgau offen mit der Vergangenheit auseinandersetzt und auch dann zur Geschichte steht, wenn es sich um düstere oder sogar dunkle Kapitel handelt», sagte Schönholzer.

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