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Die nicht geplante Fortsetzung

Kreuzlingen – Jan-Philipp Sendker liest am 1. Oktober in der Buchhandlung Bodan aus seinem neuen Roman «Das Gedächtnis des Herzens». Viele Jahre wussten seine Fans nicht, ob die Geschichte weiter geht oder nicht. Im neuen Roman wird die Hauptfigur von der Suchenden zur Gesuchten.

Der Bestseller Autor Jan-Philipp Sendker am Dienstag in der Buchhandlung Bodan. (Bild: zvg)

17 Jahre liegen zwischen dem ersten Band «Das Herzenhören» und der Neuerscheinung «Das Gedächtnis des Herzens». Autor Jan-Philipp Sendker liess sich so viel Zeit, weil nie geplant war, dass die Geschichte weiter gehen soll. «Ich sass in einem Kaffee, sah aus dem Fenster und dann ‹sehe› ich wie Julia über die Strasse geht. So kam ich in Gedanken mit ihr in einen Dialog», erzählte der Autor gegenüber dem SRF1. Julia ist eine der Hauptfiguren. Im ersten Buch ist sie noch eine junge US-Amerikanerin, die sich auf die Suche nach ihrem burmesischen Vater begibt. In «Herzenstimmen», dem zweiten Band, versucht sie sich selbst zu finden. Dabei begegnet ihr in Burma die Liebe ihres Lebens. Im aktuellen Buch, das im August erschien, sucht Bo Bo nach Julia – seiner Mutter – während seiner Suche erfährt er nach und nach, weshalb er von ihr getrennt wurde. «Ich habe noch nie so viele Anfänge eines Romans weggeschmissen, wie bei diesem. Erst nach Wochen habe ich den passenden Anfang gefunden», sagt der 59-Jährige über den Prozess, die authentische Stimme des 12-jährigen Bo Bos zu finden.

Am Dienstag, 1. Oktober, 19.30 Uhr in der Buchhandlung Bodan, Hauptstrasse 35, Kreuzlingen.
Anmeldung: www.bodan-ag.ch, 071 672 11 12

Aus dem wahren Leben

«Ich bewundere die Burmesen, denn ihr Leben ist hart, aber mir ist sehr selten ein verbitterter Mensch über den Weg gelaufen. Sie strahlen eher eine gewisse Gelassenheit aus und sie bemitleiden sich nicht selbst», sagt Sendker zu seiner Erfahrung. Er weiss wovon er spricht und worüber er in seinen Büchern schreibt. Denn er lebte viele Jahre in China und Burma und war Aus-senkorrespondent für den «Stern», träumte aber schon als kleiner Junge davon, Bücher zu schreiben. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern wieder in Deutschland.

Von Liebe und heikle Beziehungen

Die in den Büchern erzählte Geschichte spielt in den Jahren 2007 bis 2019. In diesen Jahren öffnete sich Burma in wirtschaftlicher und politischer Sicht. Deshalb spielt in der romantischen Familien-Geschichte auch viel Politik im Hintergrund mit. Seine vielen Leserinnen (ja, es sind hauptsächlich Frauen) loben oft, dass Sendker über grosse Gefühle schreiben kann, ohne in den Kitsch abzudriften. «Es geht um die vielen Facetten der Liebe. Die Liebe zwischen Mutter und Sohn, zwischen einem Paar, aber auch zwischen Onkel und Neffen», erläutert der Autor die Geschichte. Dabei wagt er es, über eine dramatische und heikle Mutter-Sohn-Beziehung zu schreiben. Julia ist eine gebrochene Frau, lebt zwischen zwei Welten. Sie ist keine richtige Burmesin, aber auch keine US-Amerikanerin mehr. Sie stösst auch immer wieder an ihre Grenzen.

Geschichte mit Tiefgang

Bo Bo wächst bei seinem Onkel auf, bis er mit zwölf Jahren beschliesst, seine Mutter zu finden und bei einer Nacht- und Nebelaktion – seinen Onkel verlässt. Auf dieser Reise wechseln oft die Perspektiven und es gibt zeitliche Rückblenden, das es doch zu einer eher komplizierten Geschichte macht. Sendker schreibt jedoch sehr bildhaft und kreiert dadurch sehr lebendige und authentische Figuren. Als Leserin merkt man, dass Sendker die Menschen nicht nur als Statisten für eine gute Story missbraucht hat.

Trotz des Erfolgs Selbstzweifel

Die Komplexität ist grösser als in den zwei vorherigen Büchern, was die Leserinnen irritieren könnte. «Während des Schreibens denke ich nicht an meine Leser und deren Erwartungen. Sonst würde ich nie mit einem Buch fertig werden», sagt Sendker, obschon er unter Selbstzweifel litt. Beispielsweise könnten, die Leser bei diesem Roman merken, dass er doch nicht schreiben könne, so der Autor selbstkritisch. In solchen Phasen habe ihn seine Frau unterstützt und Mut zugesprochen.

Harziger Einstieg

Die Selbstzweifel kommen nicht von ungefähr, denn sein Start in die Welt der Literatur war holprig. Was man bei seinem heutigen Erfolg kaum noch weiss – trotz der sehr schnell lebenden Branche stehen bis heute auch seine älteren Bücher immer noch in den Regalen. Der schwerfällige Start war vermutlich darauf zurückzuführen, dass das Buch ohne Marketing-Kampagne und keiner im Vorfeld durchdachten Überlegung veröffentlicht wurde. Selbst sein Verlag hat nicht gross auf ihn gesetzt. Nur durch das grosse Engagement der kleinen Buchhändler und Mund zu Mund-Propaganda verbreitete sich das Interesse an dem Roman. Heute zählen seine Bücher in den USA zu den meist verkauften Übersetzungen.

Der Autor lässt sich durch seinen grossen Durchbruch weiterhin nicht unter Druck setzten. «Ich kann auch nach diesem Buch nicht sagen, ob es eine Fortsetzung gibt. Vielleicht läuft mir der erwachsene Bo Bo über den Weg und erzählt mir von seinem Leben», sagt der Autor lächelnd.

In seinem neuen Buch entwirft Burmakenner Jan-Philipp Sendker ein wohl recherchiertes und facettenreiches Bild von Burma und erzählt gleichzeitig von grossen Themen wie der Beständigkeit der Liebe und der verbindenden Kraft der Humanität. ISBN 978-3-89667-502-6

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