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Solides Möbelprojekt

Kreuzlingen – In der Schreinerei des Ekkharthofs arbeiten Menschen mit Unterstützungsbedarf. Seit Neustem stellen sie auch hochwertige Massivholzmöbel her, die ein Zürcher Architekt entworfen hat. Die Inspiration dazu kam ihm während des laufenden Umbaus. Die neue Cantina ist schon mit den Tischen und Stühlen bestückt.

Schöne und praktische Möbel: Carlos Wilkening (l.) hat den Stuhl entworfen und zusammen mit Zimmermann Florian Schöpf und dem Team der Ekkharthof- Schreinerei in Produktion gebracht. Die Stühle gibt’s
in Esche natur oder schwarz gebeizt. (Bilder: sb/Hannes Heinzer)

Das Besondere an den neuen Ekkharthof-Möbeln ist ihre Einfachheit. So besteht der Designer-Stuhl «EK-T1» aus lediglich acht Einzelteilen sowie einigen Schrauben und Holzdübeln. Die vorderen und hinteren Stuhlbeine werden mit je einem Mittelstück zu zwei Hauptelementen zusammengefügt, sodass die Mitarbeitenden in der Schreinerei am Ende nur drei Komponenten ineinanderstecken, verschrauben und verleimen: Sitz, Lehne und die zwei tragenden Konstruktionen.

Damit dabei nichts schief geht, benutzen sie einen extra dafür entworfene «Steckkasten». Dieser besteht aus Siebdruckplatten; die Einzelteile der Stühle können hier nur auf eine bestimmte Weise passgenau hineingestellt werden. Mit einem Spanngurt werden diese dann festgezurrt, bis der Leim trocken ist. Am Enden ölen die Ekkharthöfler die hochwertigen Sitzgelegenheiten ein oder beizen sie schwarz.

Wie ein Puzzle
«Es war unser Ziel, den Produktionsbedingungen am Ekkharthof Rechnung zu tragen. Die Möbel sollten so einfach wie möglich zu fertigen, trotzdem aber schön, stabil und praktisch sein», erklärt der «Vater» der Stühle, Carlos Wilkening, die Details, auf die er beim Design geachtet hat. Denn in der Schreinerei des Ekkharthofs arbeiten vorwiegend Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Beeinträchtigung. Sie werden zwar angeleitet von Profis wie dem Arbeitsagogen Florian Schöpf, die Arbeit muss aber möglichst strukturiert ablaufen können und eher einfache Handgriffe beinhalten.

Was am Ende dabei heraus kommt, kann sich mehr als sehen lassen. «Wir wollen auch zeigen, dass in einer betreuten Werkstatt sehr hochwertige Produkte entstehen können», sagt der Zürcher Architekt Wilkening.

Schöpf, ein ausgebildeteter Zimmermann, entwickelte den Prototyp nach Plänen von Wilkening. «Von Hand, mit der Handsäge und dem Stemmeisen», wie er betont. Um den simplen Fertigungsprozess zu entwickeln, war einiges Ausprobieren nötig.

Heute kommen die Einzelteile aus anderen Heimfertigungsstätten in Wil und Zürich fix und fertig vorfabriziert nach Lengwil. «Wir sortieren sie von Hand aus. Dabei schauen wir, dass die Einzelteile von Stühlen und Tischen nach Farbton und Maserung zueinander passen», sagt Schöpf.

Unschaukelbar
Eine weitere Besonderheit des Stuhls ist die Sitzfläche. Sie ist wenige Grad nach hinten geneigt. Dadurch sitzt man bequemer. Der Stuhl ist ausserdem so entworfen, dass er ausserordentlich kippsicher ist – auch unruhige Benutzer können damit kaum schaukeln. Wie bei den Stühlen – acht von ihnen können aufeinander gestapelt werden – war auch beim Entwickeln der Tische die platzsparende Lagerung eine der Vorgaben. Der Tisch sollte so stabil sein wie ein Esstisch aus Holz, aber klappbar wie ein Biertisch – ähnliches gibt es bis jetzt nicht auf dem Markt. Um das zu erreichen, griffen Wilkening und sein Partner Lukas Imhof zu unkonventionellen Mitteln. «Die Beine lassen sich mit einem Klappverschluss fixieren, der eigentlich aus dem Musikbereich kommt und dazu benutzt wird, die riesen Koffer zu verschliessen, in denen das Equipment von Musikanlagen verstaut wird», beschreibt er eine Besonderheit. Die Idee dazu hatte Jakob Mauersberger, ein Schreiner aus dem Ekkharthof-Team. Auch die Scharniere sind speziell: Sie kommen aus dem Bootsbau.

Zusammen haben Wilkening und Imhof eine Firma gegründet, um die Möbel zu vermarkten: «WIMMöbel». Im kommenden Jahr wollen sie Messen besuchen und sich für verschiedene De-signpreise bewerben. Den stolze Preis von 560 Franken für einen Stuhl und 1860 Franken für einen Tisch ergibt sich aus der weitgehend handwerklichen Verarbeitung von zertifiziertem Schweizer Holz. «Günstiger ginge nur mit einer ausländischen Produktion – und das hätte unserer Grundidee von wertigen, nachhaltigen Möbeln widersprochen», sagt Wilkening.

Die ersten Möbel stellte der Ekkharthof für sich selbst her: 200 Stühle und 50 Tische wurden für die neue Cantina produziert. Das Gebäude mit den offenen Seiten, getragen von biegesteifen Holzrahmen, war denn auch die Inspiration für das Aussehen des Stuhls, verrät Architekt Wilkening. Er hat sich mit dem Stuhlentwurf auch einen kleinen Traum erfüllt. «Ein Möbelstück funktioniert im Grunde wie ein kleines Haus», sagt er.

Wer einmal schauen will, wie die Stühle und Tische mit der neuen Cantina korrespondieren, kann das jeden Tag tun: das Restaurant am Ekkharthof bewirtet auch Gäste.

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