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Teuer oder völlig im Rahmen?

Kreuzlingen/Konstanz – Die Mieten in Konstanz und Kreuzlingen sorgen für Gesprächsstoff. Die Linke in Konstanz lud zur Diskussionsrunde.

Bundestagsabgeordnete Caren Lay während der Präsentation. (Bild: zvg)

In Kreuzlingens Nachbarstadt tut sich etwas auf dem Immobilienmarkt. In Wollmatingen soll mit dem Hafner ein ganzer neuer Stadtteil entstehen. Auch auf dem Döbele, dem Siemens-Areal und dem Grundstück des abgerissenen Vincentius-Krankenhauses sind Wohnungen geplant. Bedarf danach besteht offenkundig: Konstanz gilt in Bezug auf die Mieten deutschlandweit als teuerste Stadt unter 100.000 Einwohnern. «Es wird gebaut und gebaut, aber es gibt keinen Sicker-Effekt, nach dem preisgünstige Wohnungen freiwerden, wenn ihre Mieter in bessere Quartiere ziehen. Bezahlbarer Wohnraum fehlt», sagt Anke Schwede, für die Linke Liste in Konstanzer Gemeinderat sitzt. Immobilienkonzerne nutzten ihre Marktmacht schamlos für Mietabzocke im grossen Stil, befindet ihre Partei. «Preistreiber sind nicht die privaten Anbieter, sondern die finanzgetriebenen Unternehmen und Fonds», so auch die linke Bundestagsabgeordnete Caren Lay, die als Fraktions-Sprecherin für Wohnungspolitik durch Deutschland tourt. Sie fordert unter anderem ein milliardenschweres Programm für den öffentlichen Wohnungsbau, eine Deckelung von Mieterhöhungen auf den Inflationsausgleich und eine Abschaffung der Modernisierungsumlage. «Sie wird missbraucht für Verdrängungsmodernisierung», konstatiert sie. «Wegen erhöhter Mieten müssen alteingesessene Bewohner ihre gewohnte Umgebung verlassen und an die Stadtränder ziehen. Ihre Viertel werden gentrifiziert, die soziale Spaltung nimmt zu.»

Auswirkungen auf Kreuzlingen
Kreuzlingen kennt das Phänomen von sanierten und damit teureren Mietwohnungen selbstverständlich auch. Im früheren Helvetia-Hochhaus, jetzt «Bachspitz», waren vor zwei Jahren fünfzig Mieter betroffen. In der Reutistrasse haben gerade siebzig Mieter ihre günstigen Wohnungen verloren. Zudem ist die Stadt von den angespannten Verhältnissen in der Nachbarstadt unmittelbar betroffen. Schon vor zehn Jahren hatte der Kreuzlinger Stadtrat eine verstärkte Zuwanderung aus Deutschland seit in Krafttreten der bilateralen Abkommen beobachtet. «Den Effekt verstärkt hat die Wohnsituation in Konstanz, wo die Verknappung des Baulands zu hohen Bodenpreisen und deshalb zu einem Ausweichen auf das – vorläufig noch – günstigere Kreuzlingen geführt hat», hiess es in der Antwort auf eine schriftliche Anfrage von Christian Forster. Ob Konstanzer nach wie vor über die Grenze ziehen, mag die Stadt heute nicht mehr beantworten – aus Datenschutzgründen. Der Gedanke, von den hohen Mieten in Konstanz auf die hohen Mieten in Kreuzlingen zu schliessen, liegt aber nahe. Nach Angaben der Thurgauer Dienststelle Statistik – basierend auf Daten von 2017 – kostete eine 4-Zimmer Wohnung hier tatsächlich 150 Franken mehr als zum Beispiel in Arbon.

Unterschiedliche Interpretationen
«Bei uns im ländlichen Raum der gesamten Ostschweiz ist es ja weniger dramatisch als in Grossstädten wie Zürich, Bern oder Basel», sagt Thomas Schwager vom Mieterverband Ostschweiz, «aber die Mieten sind gestiegen, obwohl der Referenzzins gesunken ist. Das liegt unserer Meinung nach nicht an einer zu hohen Nachfrage, sondern daran, dass die Vermieter eine möglichst hohe Marge wollen. Und solange man keinen Rechtsanspruch darauf hat, die Vormiete zu erfahren, kann man seinen Senkungsanspruch nicht durchsetzen.» An Vermietern, die Kapital aus der Wohnungsknappheit ennet der Grenze schlagen wollten, lägen die hohen Durchschnittswerte nicht, meint dagegen Thomas Leu, der Präsident des Hauseigentümerverbands Region Kreuzlingen: «Der Reflex, immer auf die Hauseigentümer einzuschlagen, ist völlig falsch. Wir hatten in Kreuzlingen in den vergangenen Jahren einen starken Zuwachs an neuen Wohnungen, und die sind logischerweise an moderne Standards angepasst. Sie bieten mehr Fläche, mehr Komfort und sind deshalb teurer. Deshalb ist der Durchschnittspreis aller Wohnungen in Kreuzlingen gestiegen.»

Mieterhöhung nach Aufwertung
Privat vermietete Wohnungen seien verhältnismässig günstiger als jene in den neuen Wohnkomplexen, so Leu weiter. «Das liegt unter anderem daran, dass es sich oft um langjährige Mietverhältnisse handelt. Und eine bestehende Miete darf ja nur dann erhöht werden, wenn sich das Objekt verbessert, also sagen wir neu eine Dreifachverglasung oder ein Dampfabzug eingebaut wird.» Auch energetische Sanierungen, die aktuell gefordert werden, weil sie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, verteuern meist das Wohnen für den Einzelnen. Gegebenenfalls fällt allerdings die Nebenkostenabrechnung wegen geringerer Heizkosten tiefer aus.

Investoren in grosse Mietshäuser sind oft institutionelle Anleger, die in der Vermietung von Immobilien noch eine Möglichkeit sehen, zum Beispiel Erträge für die Pensionskasse zu erwirtschaften. Das sei aber keineswegs risikolos, belegt eine Studie des HEV-Schweiz. Die Preise für Mietshäuser sind demnach seit 2005 um achtzig Prozent gestiegen. Gleichzeitig seien die Angebotsmieten zwischen 2015 und 2019 rückläufig und die Leerstandsquote so hoch wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

Gesunder Leerwohnungsstand
Tatsächlich beträgt der Leerstand in Kreuzlingen derzeit 1,97 Prozent und weist somit nach Angaben der Stadt die tiefste Leerwohnungsziffer im gesamten Bezirk aus. Aber: «Kreuzlingen bewegt sich im gesunden Rahmen, was den Leerwohnungsbestand betrifft», heisst es von der Pressestelle. «Allerdings fehlt preisgünstiger Wohnraum. Aus diesem Grund unterstützt die Stadt Kreuzlingen die eben gegründete Wohnbaugenossenschaft Region Kreuzlingen.» An der Rieslingstrasse soll auf einem rund 800 Quadratmeter grossen Grundstück der Stadt ein Mehrfamilienhaus mit zwölf Wohnungen entstehen. Der Gemeinderat entscheidet kommendes Jahr über einen Baurechtsvertrag mit der Genossenschaft.

Über die Initiative «Mehr bezahlbare Wohnungen», lanciert von Mieterinnen- und Mieterverband Schweiz, dem Verband der Wohnbaugenossenschaften, dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund, der SP und den Grünen, kann das Volk am 9. Februar 2020 abstimmen.

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2 thoughts on “Teuer oder völlig im Rahmen?

  1. Karin Müller

    Genau, deshalb muss mal die Zuwanderung (nicht Touristen, etc.) , sondern eben diese Einwanderer mit Kind und Kegel & Hund aus Deutschland gestoppt werden! Viel zu viele Leute kommen aus dem Nachbarland zu uns, deshalb sind auch die Mieten derart Hoch und werden immer höher. Was ist da nur los? Früher war Kreuzlingen eine tollte Stadt und heute ??

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  2. Bruno Neidhart

    Das Genossenschaftswesen hat gerade im Wohnungsbau eine sinnvolle Funktion zu erfüllen. Aus dieser Sicht sind die 12 Wohnungen die an der Rieslingstrasse entstehen sollen (hübsche Strassenbezeichnung aus einer vergangenen Zeit!) eine zweckmässige Angelegenheit, wenn auch im Umfang bescheiden. Wobei bei Wohnbaugenossenschaften „sozial“ unterschiedliche Levels zu beobachten sind. In den vergangenen 50 Jahren in denen massiv gebaut wurde, ist Kreuzlingen genossenschaftlich nicht unbedingt aufgefallen. Ob es heute bereits zu spät ist, etwa mit einer „Städtischen Wohnbaugenossenschaft“ als ein gewisses Korrektiv zum Bau von Wohnungen bereit zu stehen, ist vielleicht trotzdem noch (unideologisch!) diskutabel. Oder stehen dem viele Argumente entgegen?

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