/// Rubrik: Stadtleben

Leugnen für Volk und Staat

Kreuzlingen – Die Volkshochschule Kreuzlingen lud am Mittwochabend Alt Bundesrat Moritz Leuenberger in den Torggel im Rosenegg ein. Der 2003 mit dem Cicero Rednerpreis ausgezeichnete Ex Spitzenpolitiker sprach zum Thema «Von guten Lügen und bösen Wahrheiten – eine politische Beichte» und gab zu, selbst zu Lügen gegriffen zu haben.

(V.l.) Jaromira Kirstein, Thomas Niederberger, Moritz Leuenberger, Christa Blessing und Ernst Zülle. (Bild: Sandro Zoller)

Die Grenzen zwischen Lügen und Wahrheiten sind oft fliessend. Es wird gelogen um Fehler zu vertuschen, Menschen bewusst in die Irre zu führen, Gegner im Ungewissen zu lassen oder um das eigene Volk nicht in Aufruhr zu versetzen. Auch wenn die Motive noch so nobel sind, eine Lüge bleibt eine Lüge.

In der Politik wird die Realität verzerrt
«Nirgends wird so oft und fest gelogen, wie in der Politik», stellt Moritz Leuenberger bedauernd fest und ergänzt: «Nirgendwo sonst gibt es so viele Personen die denken, sie seien von der absoluten Wahrheit beseelt und müssten diese mit glühendem Eifer durchsetzen». Trotz allem ist er sich sicher, dass in der politischen Landschaft der Schweiz nur in Massen die Wahrheit verdreht wird. Presse und politisch Interessierte gucken den Politikern genau auf die Finger, da sie hinter der nächsten Ecke eine Lüge erwarten. Das sei einer der Gründe, dass die Realität nicht masslos verzerrt dargestellt wird.

Das Gesamtkunstwerk «Neue Eisenbahn-Alpentransversale» (NEAT) soll mit dem Ceneri-Basistunnel 2020 ein Ende finden. Damit kann die Geschwindigkeit und Kapazität der Güter- und Personentransporte zwischen Deutschland, der Schweiz und Italien erhöht werden. Als der Alt Bundesrat noch im Amt war, stockte das Projekt. «Den Medien teilte ich mit, dass es vorwärts geht. Ich wollte die beteiligten Parteien nicht in Bedrängnis bringen», beichtete Leuenberger.

Den Markt nicht in Aufruhr versetzen wollten die Verantwortlichen der Schweizerischen Nationalbank im Jahr 2015. Noch zwei Wochen vor der Aufhebung des Euro-Mindestkurses teilten sie den Medien mit: «An eine Aufhebung des Mindestkurses denken wir gar nicht.» Die Bevölkerung habe im Nachhinein die Lüge akzeptiert, da sie die Erklärung dieses Vorgangs als plausibel ansah.

Wenn Lügen zur eigenen Wahrheit werden
Lügen seien auch im privaten Leben allgegenwärtig. Die Ausmasse seien zwar meistens eher gering, doch gemäss Leuenberger fängt das Problem gerade dort an. Je höher das Amt ist, desto grösser sollte die Verantwortung im Bezug zu Tatsachen sein. Doch eigene Meinungen, Vorstellungen und Lügen könnten zur eigenen Wahrheit werden. Der entflammte Glaube führe dazu, dass sich die eigenen Worte inbrünstig und mit innerer Überzeugung zu einer unbewussten Lüge formen. «Permanente Lügen werden so zur Wahrheit», erklärte Leuenberger. Dazu passt die Aussage des Philosophen Friedrich Nietzsche: «Die wahre Welt haben wir abgeschafft.»

Meinungen, keine Fakten
Während früher grosse Medienhäuser Fakten und Meinungen strikt auseinanderhielten, ist das gemäss Leuenberger heute nicht mehr der Fall. Am wenigsten vertraut er aber der Werbung. Sie schaffe es Unwahrheiten salonfähig zu machen.

Ein Negativbeispiel der Medienlandschaft hat der ehemalige SP Politiker dann doch noch. «Die Berichterstattung des amerikanischen Nachrichtendienstes Fox News, aber auch anderer kleinerer Stationen, basiert bewusst und als Geschäftsmodell auf Meinungen und nicht harten Fakten.» Der ehemalige US-Präsident Barack Obama sagte einst: «Wäre ich ein Fox-Konsument gewesen, hätte ich mich auch nicht gewählt.» Das Verharren auf Meinungen sei der Nährboden für die Unversöhnlichkeit.

Wo beginnt eine Lüge?
Während der mittelalterliche Philosoph, Heilige und bedeutende katholische Theologe Thomas von Aquin meinte, dass jede Lüge eine Sünde ist, sah es Platon etwas anders. Für ihn war einfach gute Politik, die dem Staate nützlich ist, das Ziel. Noch ein Schritt weiter ging Machiavelli in seinem Werk «Der Fürst». Solange es im Interesse des Staates liege, sei jedes Mittel recht – nicht nur Lügen. «Wer für den Staat arbeitet, kann sich der Lüge nicht entwinden», behauptete Leuenberger.

Seinen Vortrag beendete er mit den Worten: «Wenn jeder die absolute Wahrheit für sich pachten darf, führt das unweigerlich zu Problemen und Krieg».

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