/// Rubrik: Stadtleben

Der Flohmarkt ist ihr Baby

Kreuzlingen – Helene und René Senn gehen in den Ruhestand und wollen sich künftig verstärkt den schönen Seiten des Lebens widmen. Während sie sich auf spontane Ausflüge freut, will er viel Zeit mit Angeln verbringen. Ganz vom Terminkalender verschwinden wird der «Grenzer» bei ihnen aber nicht: Im kommenden Jahr wollen sie entspannt als Gäste über den Flohmarkt schlendern, hier und da einen Schwatz halten und vielleicht ein paar Schnäppchen für die Enkelinnen ergattern.

Helene und René Senn geben die Organisation des Flohmarkts mit einem lachenden und einem weinenden Auge ab. Sie werden den Kontakt mit den Ausstellern und die tolle Atmosphäre vermissen, aber es ist auch schön, keine Termine mehr haben zu müssen. (Bild: sb)

Der grenzüberschreitende Flohmarkt in Kreuzlingen und Konstanz ist nicht nur für viele zehntausend Auswärtige der Jahreshöhepunkt schlechthin am Bodensee, sondern auch für zahlreiche Einheimische. «Grenzer» nennen wir die Flohmarkt-Meile auf unserer Seite liebevoll, und massgeblich geprägt haben diesen Begriff Helene und René Senn. Das Ehepaar hat den 48-Stunden-Ausnahme-Anlass in den vergangenen 15 Jahren organisiert, vom Einholen der ersten Bewilligung bis zur Entsorgung der letzten Mülltüte, vom Einzeichnen der Marktstandgrenzen bis zum Bestellen der WC-Anlagen. Weil sich das Flohmarkt-Duo nun in den Ruhestand verabschiedet, sucht die Stadt einen Nachfolger (siehe Kasten).

Aufhören, wenn’s am schönsten ist

Er ist nun seit zwei Jahren pensioniert, sie kehrt der Arbeitswelt im kommenden Jahr den Rücken zu. Um den Ruhestand voll und ganz zu geniessen, wollen sie auch die fixen Termine, welche die Flohmarktorganisation übers Jahr bedingte, aus dem Kalender streichen.

Und das waren nicht wenige, machten die Senns doch zu zweit Arbeit, die anderswo ein ganzes Komitee erledigt – mit allen Vor- und Nachteilen. «Wir starteten meist im September mit dem Versenden der ersten Briefen, immer in Absprache mit dem Konstanzer Stadtmarketing», betont der ehemalige Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Unter anderem müssen Stadtrat und Zoll jedes Jahr ihr OK geben. Im Dezember wurden die Anschreiben an alle Aussteller des vergangenen Jahres versandt. «Viele kommen jedes Jahr, die haben Vorrang», freut sich Helene Senn über die Stammgäste. Ab Januar war die Anmeldung dann auch online möglich. Bis März wurden Rechnungen versandt und die Eingänge kontrolliert.

Die richtig heisse Phase beginnt rund drei Wochen vor Beginn des Flohmarkts, also an Pfingsten. Dann erhalten Nachbarn und Aussteller ihre Infos und Parkkarten. Mit den beteiligten Vereinen – bis anhin waren das der EHCKK, der Verein Verrückte Emmishofer und die Guggemusik Rhytüfeli – wird der Ablauf besprochen, ebenso mit den Securities der Hundesportgruppe Amriswil. Am Flohmarktwochenende selbst sind die Senns praktisch rund um die Uhr unterwegs. «Sicher legen wir auch mal vier Stunden die Beine hoch in der Nacht», sagt sie, «denn wir wollen ja nicht vor lauter Schlafmangel gestresst sein. Aber es ist wichtig, dass wir als Leiter und Ansprechperson ständig vor Ort sind.»

Ungefähr 340 Stunden kamen so pro Jahr für beide zusammen zuzüglich der Werbung, welche die Senns an Flohmärkten in der Region machten, wo sie stets Flyer verteilten. «Das ist natürlich eine Aufgabe, die man mit Herzblut ausüben muss», finden die Senns. «Der Lohn dafür ist der Plausch und der Stolz, es wieder einmal geschafft zu haben.

Die unvergleichliche Flohmarkt-Atmosphäre ebenso. Der «Grenzer» steche wegen seiner qualitativ hochwertigen Waren hervor, was den Profi-Ausstellern zu verdanken sei, sagt das Paar über seinen «kleinen aber feinen» Anlass mit rund 120 Ausstellern – ein Anlass wohlgemerkt, für den Gäste von recht weit her anreisen.

Wenn es die Zeit erlaubte, haben sie sich in der Vergangenheit auch selbst auf Schnäppchenjagd begeben. «Ich habe mal einen Aschenbecher von Appenzeller Alpenbitter für einen Franken ergattert», erzählt der 67-Jährige. «Den habe ich einem Standbetreiber abgeluchst, der hatte ihn eigentlich zum persönlichen Gebrauch, nicht zum Verkauf.»

Stürmische Zeiten gab’s auch, etwa das grosse Unwetter vor drei Jahren. «Da mussten sich alle gemeinsam an die Zelte hängen, damit die nicht wegfliegen», lobt die 62-Jährige den Zusammenhalt unter den Flohmarktbesuchern. Schon ein spezielles Volk! Oder die Zeit, als der alte Hauptzoll noch nicht geschlossen war und man seine Schätze und den Pass den Zöllnern zeigen musste – kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Das Aufkommen des Internet haben sie hautnah miterlebt. «Aber nichts kann den Gang über den Flohmarkt ersetzen, bei dem man die Ware anfassen und um sie feilschen kann – und einem anderen auch mal etwas wegschnappen», zeigen sich beide als überzeugte Trödel-Fans.

Von ihrem Nachfolger wünschen sie sich, dass er das Rad nicht neu erfindet, dem Anlass aber trotzdem seinen eigenen Stempel aufdrücken kann. «Dazu bieten wir gerne Hand», beteuern die Senns. Ganz aus der Welt werden sie ja nicht sein. »

Hier geht’s zur Ausschreibung.

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