/// Rubrik: Region

Einblick in die Wissenschaft

Konstanz/Thurgau – Beim jährlichen Vortragsabend erklärten ein Zoologe und ein Verhaltens-Ökonom, wie Herdenverhalten entsteht und was es nützt.

Regierungspräsident Jakob Stark während der Begrüssung. (Bild: Inka Grabowsky)

Seit über zwanzig Jahren präsentieren der Kanton Thurgau und die Uni Konstanz einmal im Jahr die Früchte ihrer Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung. «Wir sind hocherfreut, in der Nachbarschaft eine der besten Unis Deutschlands zu haben», sagt Regierungspräsident Jakob Stark zur Begrüssung. Am Erfolg der Süddeutschen sind die Schweizer durchaus beteiligt: Die Thurgauische Stiftung für Wissenschaft und Forschung finanziert das Biotechnologie-Institut Thurgau und das Thurgauer Wirtschaftsinstitut, die beide an der Uni angehängt sind und die Teil der Exzellenz-Cluster sind, mit denen die Universität international für Aufmerksamkeit sorgt. Die Rektorin der Uni Kerstin Krieglstein schliesst sich der Freude der Thurgauer Regierung über die Kooperation über die EU Aussengrenze hinweg an: «Wir sind sehr stolz, dass wir es mit unseren bescheidenen Mitteln wieder geschafft haben, in den Kreis der Exzellenz-Universitäten vorzustossen. Das geht nur mit guten Partnern.»

Mitlaufen oder gegen den Strom schwimmen
Exzellenz-Cluster sind Gruppen von Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachgebieten, die gemeinsam ein Thema erforschen. In Konstanz und Kreuzlingen arbeiten so Biologen, Informatiker, Psychologen, Wirtschaftswissenschafter und Soziologen zusammen, um «kollektives Verhalten» zu verstehen. Was sorgt dafür, dass Menschen sich konform verhalten? Wann weichen sie von der Mehrheitsmeinung ab und werden selbst kreativ? Das hat Urs Fischbacher, der Leiter des Thurgauer Wirtschaftsinstitut, gemeinsam mit seinem Team mit Experimenten herausgefunden. Eine Rolle spielt dabei offenkundig das Verhalten der Gruppe. Sie kann abweichendes Verhalten bestrafen oder belohnen. Regierungspräsident Stark sieht eine praktische Nutzanwendung für sein Berufsleben: «Wenn es kurz vor den Wahlen eine Umfrage gibt, hat das dann Einfluss auf die Wahlentscheidung des Einzelnen?», fragt er. «Es gibt die Tendenz, zu den Gewinnern gehören zu wollen», bestätigt Fischbacher.

Tiere als Datensammler
Spektakuläre Ergebnisse kann Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie vorstellen. Seit Jahren besendern die Forscher Tiere überall in der Welt und verfolgen ihr Verhalten. Zu dem Zweck mussten eigens winzige Sender entwickelt werden. Singvögel fliegen mit einem nur fünf Gramm schweren Rucksack. Demnächst könnte sogar ein 1-Gramm-Sender genutzt werden. Empfangen werden die Signale von einem Satelliten. Das Modul wurde mit der Nasa entwickelt und von russischen Kosmonauten in den Weltraum gebracht, aber am Bodensee gebaut. Die so entstehenden riesigen Datenmengen werden von Informatikern in Konstanz ausgewertet. Aufgrund der Messdaten kann man nun vorhersagen, wo und wann die Vogelgrippe ausbricht, weil die Gesundheit der Enten und ihre Wanderwege bekannt sind. Weil Tiere kollektiv ihr Verhalten ändern, weiss man, wo und wann ein Erdbeben oder ein Vulkanausbruch bevorsteht. Wenn besenderte Störche in Afrika dorthin fliegen, wo sie Heuschrecken fressen können, dann gibt das Hinweise auf die nächste Heuschreckenplage. Schneegeier messen die Windverhältnisse über dem Himalaya, so dass die Wettervorhersage besser wird. Wikelski ist begeistert von den Möglichkeiten, die ihm unter anderem das Forschungs-Cluster eröffnet hat. «Wir erleben einen Umbruch, weil wir nun endlich die Welt als Ganzes betrachten können.»

Inka Grabowsky

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