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Mehr Verantwortung als zuvor

Ermatingen – Tanja Tribull wollte zurück an den Bodensee und nahm das Angebot des Bistums Basel an. Die neue Ermatinger Seelsorgerin möchte etwas bewegen, muss sich aber zuerst noch einarbeiten. Eigentlich wollte sie gar nicht Theologie studieren.

Für Tanja Tribull ist es ungewohnt, die erste Ansprechperson für alle zu sein, aber es sei toll, weil sie so einen tiefen Einblick in die Pfarrei erhält.  (Bild: av)

«Ich war zuerst vom Angebot nicht so begeistert. Allerdings ohne genau etwas über die Unterseeregion und die Menschen hier zu wissen», sagt Tanja Tribull. Das Bistum Basel fragte die 38-Jährige, ob sie die Stelle von Anne Zorell als Seelsorgerin übernehmen möchte. «Nach der Anfrage liess ich mir dann aber doch ein Stellenprofil zukommen und ich fuhr einmal nach Ermatingen. Dort habe mich in die Kirche und in die Gegend hier verliebt», ergänzt Tribull. Sie war zwei Jahre in Rapperswil-Jona. Dort sei nicht ihre Welt gewesen, sie wollte wieder zurück zur bekannten Mentalität, zu ihrer Familie und zu ihren Freunden. «In Rappi lernte ich wunderbare Menschen kennen, aber es ist doch sehr an Zürich orientiert.» Tribull ist in Rorschach aufgewachsen.

Bereits seit dreieinhalb Monaten predigt sie vor der katholischen Ermatinger Gemeinde. Für sie war eine der grössten Veränderungen in der kleinen Gemeinde, dass es keinen Pastoralraum gibt. Jedes Anliegen – sei es per Mail, am Telefonhörer oder persönlich – landet erst einmal bei ihr. «Diese Situation war ein wenig komisch», sagt sie. Dadurch muss sie auch mehr Entscheidungen treffen, als sie es von früher gewohnt ist. Sie fühle sich als Zeit- und Termin-Jongleurin, aber für die aufgeweckte Theologin ist dies kein Problem. So sehe sie viel tiefer in die Materie und erfährt aus erster Hand, was in der Pfarrei so passiert. Dies ändert sich aber vielleicht in absehbarer Zeit – es ist ein Pastoralraum mit Kreuzlingen geplant. «Gemeinsam müssen wir mit grosser Offenheit dieses Projekt angehen. Hoffentlich arbeitet der Heilige Geist dabei mit», sagt Tribull. Sie selbst geht neugierig an die Sache heran.

Für sie ist eine Kirchengemeinde ein Konstrukt mit vielen Menschen, in dem jeder etwas für das gute gemeinsame Leben beiträgt. Es soll keine Rolle spielen, auf welcher Hierarchiestufe jemand steht, welches Geschlecht jemand hat oder auf welches Geschlecht jemand steht, jeder Einzelne sei wichtig. Diese Einstellung versucht sie in ihre Predigten miteinzubeziehen. «Die Kirche leistet grosses soziales Engagement, was leider oft nicht gesehen wird, weil manche Leute nur auf die negativen Berichterstattungen im Zusammenhang mit der Kirche achten», sagt Tribull etwas betrübt. Es komme aber auf jede einzelne Gemeinde an und sie sei unter anderem Pfarreiseelsorgerin geworden, um mit Menschen zusammen zu arbeiten und etwas zu bewegen. «Es ist unchristlich, nach dem Ausschlussverfahren zu handeln», sagt sie. Sie könne und wolle in Ermatingen nicht gleich alles auf den Kopf stellen.

Mit weit ausgebreiteten Armen aufgenommen

Vor ihrem Stellenantritt erhielt sie von der Seelsorgerin Christine Rammensee aus Kreuzlingen eine Begrüssungskarte. Auch an ihrer ersten Kirchenvorsteherschafts-Sitzung mit beiden Pfarreien erhielt sie von der evangelischen Kirchgemeinde eine «Morgensünde». «Über den Brotaufstrich mit solch einem Namen musste ich lachen und freute mich sehr über dieses Geschenk», sagt Tribull und muss wieder lachen. Ebenfalls herzlich, mit Neugierde und Offenheit, hätten die restlichen Schäfchen der Gemeinde ihre neue Seelsorgerin begrüsst.

Mit Busfahrt und Taschenrechner zurück zur Kirche gefunden

«Fitnesstrainerin oder Lehrerin» bekommt Tribull im Ausgang oft zu hören, wenn’s ums Raten ihres Berufes geht. «Die Leute reagieren überrascht auf meinen Beruf, aber es entstehen danach immer tiefgründige Gespräche», sagt sie erfreut. Für die 38-Jährige war Theologie eigentlich kein Thema, sie wollte Germanistik studieren und war sogar aus der Kirche ausgetreten. «Ich war sehr jung und sah keinen ersichtlichen Grund, bei der Kirche zu bleiben», erklärt sie. Durch eine Busfahrt und einen Taschenrechner fand sie zur Kirche zurück. Mit einer Frau, die in dieselbe Schule ging, fuhr sie 2003 Bus und hat mit ihr über Gott und die Welt geredet. Die Frau gehörte einer Freikirche an. Ein paar Tage später hatte Tribull eine kleine Bibel mit einer Blume darauf und ein paar netten Worte von der Frau im Briefkasten. «Ich habe mich sehr über diese Geste gefreut, die Bibel habe ich immer noch.»

Den Taschenrechner mit Spezialfunktionen musste sie für die Interstaatliche Maturitätsschule für Erwachsene von einem Bekannten ausleihen. Er studierte Theologie und sie sprachen immer wieder über das Studium. Durch diese Begegnungen ergaben sich auch immer wieder Gespräche über Glaubensfragen. In dieser Zeit fing Tribull an, die Bücher des Theologen Dietrich Bonhoeffer zu lesen. «Wenn ich schon so viel über Theologie recherchiere, kann ich es gleich studieren und kam mit Überzeugung zur Kirche zurück», erläutert die heutige Theologin von Ermatingen.

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