/// Rubrik: Stadtleben

Koch mit Leib und Seele

Kreuzlingen – Dass jemand fast sein ganzes Leben im selben Betrieb arbeitet, gibt es immer seltener. Michel Adam, Koch aus Leidenschaft, gehört zu dieser aussterbenden Zunft. 42 Jahre lang stand er im Alterszentrum Kreuzlingen hinter dem Herd. Die meiste Zeit davon hielt er auch das Zepter in der Hand. Ging einmal an einem Samstagabend der Lift nicht, dann bot die gute Seele des Hauses auch da eine helfende Hand an und stellte sein technisches Know-How unter Beweis.

Michel Adam voll in seinem Element. (Bild: Sandro Zoller)

«Mein Cousin führte ein Restaurant im Elsass. Einst in den Ferien zeigte er mir, wie man Pfannkuchen macht. Danach wusste ich, dass Koch meine Berufung ist.» Dies waren die ersten Worte von Michel Adam während des Interviews und dies war der Start seiner Karriere, die ihn nach Kreuzlingen führte. Seinen letzten Arbeitstag hatte der gelernte Koch am 8. Dezember.

So fing alles an
Adam, der in Frankreich aufgewachsen ist, absolvierte seine Kochlehre von 1969 bis 1972 in einem Hotel in Colmar. Danach fand er für die warmen Monate eine Saisonanstellung am Genfersee. Er war jung, neugierig, lernwillig und wollte etwas von der Welt sehen. Also durchstöberte er Anzeigen und wurde fündig. So arbeitete er im Winter in Arosa und auch in Schuls.

1974 zog ihn das französische Militär ein, wo er während einem Jahr den Wehrdienst verrichtete. Danach hatte ihn das Kochen wieder voll im Griff. Dieses Mal schwang er den Kochlöffel in Davos während den Sommermonaten. Adam mochte die alpine Luft, dennoch drückten die langen Wintermonate und die Enge zwischen den Bergen auf sein Gemüt. Da kam die ausgeschriebene Stelle als Vize-Küchenchef im Alterszentrum Kreuzlingen wie gerufen.

Der damalige Organisationsleiter Paul Wohnlich besuchte den Bewerber in Davos und war sofort von ihm überzeugt. Mit dem Arbeitsvertrag in der Tasche verlegte der Franzose seinen festen Wohnsitz an den schönen Bodensee. Nach fünf Jahren erhielt er 1984 den Chefposten in der Küche des Altersheims. Diese Funktion hielt er bis ins Jahr 2015 inne. Zum 60. Geburtstag äusserte er den Wunsch, den Chefsessel für die jüngere Generation frei zu machen. «Ich wollte mich nicht mehr um administrative Belangen und die Koordinierungen kümmern, sondern vollends dem Kochen widmen», erklärte Adam seine Entscheidung.

Damals war es anders
Der Koch aus Frankreich hat während seiner Karriere nicht nur drei Organisationsleiter, sondern auch den einen oder anderen Wandel in der Küche erlebt. Während früher alles ein wenig familiärer war und Arbeitskollegen regelmässig zusammen anstossen gingen, hat dafür heutzutage die Modernisierung manchen Prozess vereinfacht. Was über all die Jahre Bestand hatte, ist das Eingehen auf die Wünsche und Bedürfnisse der Heimbewohner.

In den Anfängen musste Adam täglich ein Menü anbieten. Dies beinhaltete immer Fleisch, ausser Freitags, da stand Fisch auf der Speisekarte. Zunge, Kutteln oder Kalbskopf gehörten früher zum Speiseplan, oder etwa der Toast Hawaii in den 70er- und 80er-Jahren. Heute gibt es ein drei-Gänge-Menü mit Fleisch oder Fisch und als vegetariesche Variante sowie den «Wochenhit». Benötigt die Situation eines Bewohners eine Diätküche oder die Beachtung von Intoleranzen, geht das Küchenteam auch darauf ein.

Ein Mann für alles
Adam strahlt Gelassenheit aus. Dennoch betiteln ihn Mitarbeiter als «Festlibrüeder». Die Freude am Feiern kam im schon das eine oder andere Mal zugute. Wenn einem Organisationsleiter ein Anlass erst kurz vor dem Termin ins Gedächtnis rückte, zauberte der Koch in kürzester Zeit ein schmackhaftes und kreatives Menü für 60 bis 70 Personen auf den Tisch. Und wenn zu später Stunde oder am Wochenende gerade kein Techniker im Hause war oder handwerkliches Geschick benötigt wurde, nahm sich der Koch dem Problem an.

In der Wahl seiner eigenen Gerichte hat er auch keine Schwierigkeiten. Aus-ser Austern mag er alles. Nach kurzem Überlegen sagte er: «Wenn man mir eine Freude machen möchte, dann serviert man mir Spareribs und dazu ein Bier.»

Auch wenn Adam die Zeit als Koch vermissen wird, freut er sich sehr auf die Pension. Da könne er einmal ohne Plan in den Tag hineinleben. So ganz geht die Fahrt dann doch nicht ins Blaue. Vermehrte Ausflüge mit der eigenen Harley Davidson, das Hüten der Grosskinder und die eine oder andere Reise stehen bereits fest. Zudem verschwindet er nicht gänzlich von der Bildfläche. Mit der Geschäftsleitung hat er bereits abgemacht, dass er in Notfällen gerne die Kochschürze anzieht und das Team des Alterszentrums unterstützt.

Keinen Tag bereut
«Stünde ich erneut als junger Mann vor der Entscheidung, was ich einmal werden möchte, würde ich wieder die Kochlehre wählen», sagte Adam mit vollster Überzeugung. «Zum Glück hat mir mein Vater ein Leben als LKW-Fahrer ausgeredet.»

Was für eine Kochlehre spricht? Gemäss dem ehemaligen Küchenchef gibt es wenige Berufe, die so viel Abwechslung bieten: «Nebst dem, dass du eigentlich ein Künstler bist, kannst du auf einem Schiff, in einem Hotel oder Restaurant arbeiten und jede Saison irgendwo anders auf der Welt das Zelt aufstellen.»

Den jungen Menschen möchte er auf den Weg geben, durchzuhalten, viel in Bildung und die persönliche Weiterentwicklung zu investieren und nur einen Beruf wählen, worin man sich auch wirklich sieht. Freude am Job sei sehr wichtig.

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