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Kampf um die Kastanien-Allee

Tägerwilen – Die Kastanien-Allee unterhalb des Schlosses Castell ist seit einigen Jahren ein Thema in Tägerwilen. Die beteiligten Parteien könnten nicht gegensätzlichere Ansichten in Bezug auf die Zukunft der Bäume haben. Zurzeit liegt das Dossier beim Departement für Bau und Umwelt (DBU).

Die vernachlässigte Pflege gefährdet die Zukunft der alten Bäume und Tiere. (Bild: Sandro Zoller)

26, der auf zwei privaten Grundstücken stehenden, Rosskastanien sollen gefällt werden. Diese Ansicht vertreten der Tägerwiler Gemeindepräsident Markus Thalmann und die Grundstückeigentümer. Unterdessen darf die Allee nur noch auf eigene Gefahr betreten werden, herabfallendes Geäst könnte einen Spaziergänger verletzen. «Aus versicherungstechnischen Gründen sähen die Landbesitzer schon seit längerem gerne die neuen geplanten Edelkastanien dort stehen», sagt Thalmann.

Ausgang ungewiss
Fünf Einsprecher sind gegen die Fällung. Deshalb muss sich das DBU des Kanton Thurgau aktuell damit befassen. Der Gemeindepräsident erwartet aus Erfahrung einen Entscheid in etwa sechs Monaten. Läuft alles wie geplant, kann anschliessend der Auftrag zur Fällung der Bäume erteilt werden. Das Holz wird danach nicht etwa gehäckselt, sondern an geeigneten Stellen am Waldrand oder in der Nähe eines Baches abgelegt. Der Grund für diese Massnahme sind darauf lebende Schneckenarten, die auf der roten Liste der Weichtiere der Schweiz (2012) als bedrohte Arten verzeichnet sind. Für etwa die Hälfte der Baumstämme haben sich bereits Abnehmer gefunden.

Nicht verhältnismässig
Unter den Einsprechern sind der WWF Schweiz und der WWF Thurgau. Für sie ist die Fällung von fast der ganzen Kastanien-Allee Castell eine unwiederbringliche Zerstörung eines unermässlichen Naturwerts und deshalb nicht verhältnismässig. Gemäss dem Bericht des Molluskenexperten Peter Müller sind die Bäume im Durchschnitt 125 Jahre alt und würden einen vitalen Eindruck machen. Die Baumart AG, als ausgewiesene Sachverständige, schätzt die Situation so ein, dass mit einem angemessenen Pflegeaufwand und der Fällung von sechs Exemplaren die Sicherheit für Menschen gewährleistet werden kann. «Die Bäume sind nicht etwa krank, sondern erhielten über Jahrzehnte hinweg keine fachgerechte Pflege», sagt Gabriele Aebli, Präsidentin WWF Thurgau.

Vom Aussterben bedroht
Fast alle Rosskastanien der Allee sind von der Zahnlosen Schliessmundschnecke und ein Baum von der Geradmund-Schliessmundschnecke besiedelt. Die erstgenannte Schneckenart wird als gefährdet und die zweitgenannte sogar als stark gefährdet eingestuft. Es gibt Hinweise, die Drohnenaufnahmen vom 22. November 2019 verstärken, dass weitere schützenswerte Tiere in der Allee ihren Lebensraum haben. Darunter fallen diverse Fledermausarten, Nachtfalter, Siebenschläfer, Haselmäuse, Eulen und Spechte.

Die beiden Schneckenarten verlassen den Baum niemals. Deshalb gilt jeder Baum als einzelner Lebensraum. Sie bevorzugen es auf alten Exemplaren wie Rosskastanien zu hausen, die eine tiefgefurchte Rinde besitzen, möglichst einen schrägen Wuchs aufweisen und eine lichte Krone für genügend Regenwasser auf dem Stamm haben. Ersatzstandorte für diese seltene Lebensgrundlage zu finden, wie alte Bäume mit rissiger Borke oder alte Steinmauern, die mit Moos und Flechten bedeckt aber unbewohnt sind , ist kein leichtes Unterfangen. Die Tierchen müssten einzeln aufgesammelt und neu platziert werden. Und ob sie ihr neues Zuhause annehmen, stellt sich erst mit der Zeit heraus. «Der WWF hat sich für eine einvernehmliche Lösung eingesetzt und dennoch wurde das Gespräch unvermittelt abgebrochen. Ein Rechtsstreit war nie in unserem Sinne», sagt Aebli.

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