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Der Landfrauentag war politischer als gedacht

Ermatingen – Der Thurgauer Landfrauenverband hatte eingeladen, und die paritätische Kirche war fast voll besetzt. Die Landfrauentage erfreuen sich auch nach neunzig Jahren offenkundig grosser Beliebtheit.

Die Präsidentin des Thurgauer Landfrauenverbands, Regula Böhi-Zbinden, appelliert an die Frauen, ihre Mitmenschen nicht vorschnell zu beurteilen.  (Bilder: Inka Grabowsky)

Die Bäuerinnen im Kanton haben vier Gelegenheiten, das Programm mitzuerleben und sich zu vernetzen. Nach der Premiere in Frauenfeld und der Station in Ermatingen können sie auch am Dienstag und Mittwoch in Weinfelden und Arbon teilnehmen. Zum ersten Mal gäbe es am 14. Januar eine Abendversion, erklärte Regula Böhi-Zbinden, die Präsidentin des Thurgauer Landfrauenverbands. Eine Anpassung an Veränderungen in der Gesellschaft: Bäuerinnen seien heute oft tagsüber ausser Haus berufstätig. In ihrer Rede appellierte sie an die Frauen, ihre Mitmenschen nicht vorschnell zu beurteilen. «Wenn wir die Ernte auf dem Rüeblifeld danach bewerten, wie das Kraut steht, entgeht uns das Wesentliche», sagt sie. «Wir sollten auch bei Menschen entdecken, welche Fähigkeiten sich unter der Oberfläche verstecken.»

Ehemalige Musiklehrer der PMS Kreuzlingen Hanspeter Schär.

Hauptsponsor der Veranstaltungen ist der Verband Thurgauer Landwirtschaft. Dessen Vize-Präsidentin Maja Grunder hatte eigentlich ein unpolitisches Grusswort überbringen wollen, um das Programm nicht zu überfrachten, aber die kommenden Abstimmungen über die Trinkwasser- und Pestizid-Initiative liessen ihr keine Ruhe: «Das kann die Landwirtschaft in ihren Grundfesten erschüttern», rief sie. «Stimmen Sie mit Nein.» Die Forderungen seien zu extrem und nicht nachhaltig, weil dann Lebensmittel aus dem Ausland importiert werden müssten.

CVP Nationalrat Christian Lohr.

Unpolitisch wollte eigentlich auch der CVP Nationalrat Christian Lohr aus Kreuzlingen sein. In seinem Referat «Wenn aus einer Herausforderung ein Privileg wird» legte er dar, wie er gerade durch die Tatsache, dass er wegen des Contergan-Skandals ohne Arme geboren wurde – in seinem Leben eine besondere Aufgabe mitbekommen zu habe. «Ich bin kein Missionar, aber ich kann über Behinderung offen reden und mich für Integration einsetzen.» Ihn selbst habe das Leben fair behandelt, deshalb setze auch er sich für Fairness ein und wolle anderen Menschen Mut machen: «Ich strotze vor Kraft und Energie – davon kann ich etwas abgeben.» Auch er fiel kurz in seine Rolle als Politiker zurück: «Ermatingen braucht endlich einen barrierefreien Bahnhof», forderte er. Das Leben mit Behinderung sei kein Wunschkonzert, «aber es ist ein Konzert, das wunderbare Werke beinhaltet.»

Musikalisch umrahmt wurde der Anlass zum letzten Mal von Hanspeter Schär, der sich aus gesundheitlichen Gründen von öffentlichen Auftritten zurückzieht. Der ehemalige Musiklehrer der PMS Kreuzlingen präsentierte mit seinen beiden Ensemble-Mitgliedern klassische und volkstümliche Musik. Sein geflötetes «Ständchen für die Thurgauer Landfrauen» kam genauso gut an wie die eigens umgedichtete Strophe aus dem hundertjährigen Volkslied «Dr Schacher Seppli». Mit der Textzeile «Landfrauen, wenn es euch nicht gäbe, müsste man euch erfinden», sang er sich in die Herzen des Publikums. In Ermatingen wurde er mit stehenden Ovationen verabschiedet.

Inka Grabowsky

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