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Müde und trotzig vor Gericht

Kreuzlingen – Ein Frauenfelder musste sich vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen für seine Straftaten verantworten. Er spielte eine Rolle im Kreuzlinger Drogenhandel. Durch seinen eigenen Drogenkonsum verübte er weitere Straftaten.

Nach einem Gutachten gibt es erst das definitive Urteil über den ehemals Heroin-Verkäufer und -Konsument aus Frauenfeld. (Bild: Pixabay)

Unruhig und mit wippenden Beinen sass ein 35-jähriger Frauenfelder vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen. Die Liste seiner Delikte ist lang. Die ersten Antworten des Beschuldigten waren nur dahin gemurmelt. Bis der Vizegerichtspräsident Thomas Pleuler in seiner Befragung ihn aufforderte lauter zu sprechen. «Es ist schwierig, Ihnen zu zuhören», sagte der Beschuldigte. «Ja für uns auch», entgegnete Pleuler.

Gehilfenschaft zu Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, mehrfache Drohung und Gewalt gegen Behörden, Beamte und zivil Personen, einfache Körperverletzung, dies sind die schwersten Vergehen, die der Frauenfelder zwischen den Jahren 2016 und 2018 begangen hat (siehe Kasten «Anklagepunkte»). Mittlerweile sind noch mehr dazugekommen, aber die waren am Dienstag, 14. Januar, noch kein Thema.

Nach einem sechseinhalb-stündigen Gerichtsverfahren gab es kein definitives Urteil, sondern die Aufforderung, sofort einen Gutachter zu beauftragen. Dieser soll klären, ob eine stationäre Suchtbehandlung sinnvoll wäre. Ob eine Schuldfähigkeit besteht, gehört ebenfalls zum Gutachten dazu, da er viele Delikte unter Drogeneinfluss begangen haben soll. Mit dem Gutachten entscheidet das Kreuzlinger Bezirksgericht die Höhe der Strafe. In den Anklagepunkten im Kasten rechts wurde er aber schon schuldig gesprochen.

«Ich kann nicht versprechen, dass ich die Termine beim Gutachter einhalten und eine stationäre Behandlung durchziehen kann», sagte der Frauenfelder. Bis heute Freitag, 17. Januar, muss sein Verteidiger dem Gericht mitteilen, ob eine Sicherheitshaft für ihn zu empfehlen ist. Ansonsten könne es sein, dass die Termine nicht eingehalten werden.

In Kreuzlingen geschahen die schwersten Vergehen
Die Straftaten beging der Frauenfelder in verschiedenen Thurgauer Ortschaften. In Kreuzlingen hat er die schwerste Tat begangen, deshalb ist das Kreuzlinger Bezirksgericht für das Verfahren zuständig. 2016 war er in der Drogenszene in Kreuzlingen entweder als Konsument von Heroin, Verkäufer von Drogen oder als Gehilfe für den Handel aktiv. Darin verwickelt war auch seine damalige Freundin. Die Kreuzlingerin war mitschuldig und Opfer zu gleich. Das Verfahren gegen sie ist bereits erledigt. Ihre Mutter war am Dienstag im Gerichtssaal als Privatklägerin anwesend: «Ich verstehe nicht, weshalb meine Tochter ein Jahr ins Gefängnis musste und er wird mit Samthandschuhen behandelt.» In ihren weiteren Worten machte die Tägerwilerin den Richtern deutlich, dass die Machenschaften des Beschuldigten kein Ende nehmen werden, solange er auf freiem Fuss ist. Sie kenne ihn seit seiner Schulzeit, deshalb sehe sie in seiner Zukunft keine Besserung seines Verhaltens.

«Suchttherapie wäre am besten. Ich weiss selbst nicht wie krank ich bin», war eine der Aussagen des Frauenfelders. In seinem bisherigen Leben besuchte er mehrere Suchttherapien, brach aber jede frühzeitig wieder ab. Seit seinem 16-Lebensjahr konsumiert er Drogen. Auf die Frage des Richters, was der Grund für seinen Vorschlag zur Suchttherapie sei, war die Antwort: «Was soll ich sonst tun?» Jetzt höre er aus eigenem Willen auf, deshalb würde er sich dieses Mal an die Therapie halten. Vor sieben Wochen habe er zum letzten Mal Heroin konsumiert, aber er sei immer noch von Medikamenten abhängig.

Die Liste seiner Medikamente, ist lang: Xanax, Dormicum, Mirtazapin, Rivotril und Temesta. Darin sind angstlösende, beruhigende und schlaffördernde Wirkstoffe enthalten. Einmal fragte Pleuler den Beschuldigten: «Schlafen Sie ein, oder geht’s?» Daraufhin setzte sich der Beschuldigte wieder gerade auf seinen Stuhl.

Staatsanwaltschaft fordert Gefängnis
Die Staatsanwaltschaft sieht keine Einsicht und Reue, ausserdem gebe er den Anderen die Schuld an seinem Verhalten. Daher beantragt sie eine 42-monatige Freiheitsstrafe, eine Busse von 1600 Franken, die Auferlegung der Verfahrenskosten und angemessene Entschädigungen oder Genugtuungen gegenüber den Privatklägern.

Der Verteidiger sieht jedoch in einer stationären Behandlung die einzige Chance zur Besserung. Sein Mandant sei willig sich behandeln zu lassen. Vom Verteidiger kam der Antrag für ein Gutachten.

Gegen Ende waren die Gemüter gereizt
«Ich kann es nicht mehr hören» sagte der Beschuldigte, sprang von seinem Stuhl auf und versuchte mit raschen Schritten den Gerichtssaal zu verlassen. Die zwei Polizisten stellten sich ihm entgegen. Nach einer hitzigen Diskussion setzte sich der Frauenfelder wieder hin. Jedoch mit der Geste von zwei Mittelfingern in Richtung des Richter-Teams, die Geste wiederholte sich im Verlauf der provisorischen Urteilsverkündung.

Trotz dem noch offenen Ausgangs waren die letzten Worte an den 35-Jährigen klar: «Die gesellschaftliche Schmerzgrenze ist überschritten, jetzt ist deren Schutz wichtiger als Ihre Gesundheit.»

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