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Pädagogen auf der Schulbank

Region – In Berg richtete das Thurgauer Amt für Volksschule eine Thementagung zur Schulsprache Deutsch aus.

Die Rektorin der PH Priska Sieber und der Chef des Amts für Volksschule Beat Brüllmann freuen sich über das Engagement der Lehrkräfte. (Bild: Inka Grabowsky)

Nur rund achtzig Prozent der Schweizer Schülerinnen und Schüler erreichen am Ende der obligatorischen Schulzeit die Grundkompetenzen in Deutsch. 275 Lehrkräfte aus dem ganzen Kanton trafen sich am Mittwoch in Berg, um zu erfahren, wie sie diese Quote verbessern könnten. Beat Brüllmann, der Chef des Amts für Volksschule, musste nicht weit in die Vergangenheit zurückgreifen, um auf das Phänomen hinzuweisen. Die neueste Pisa-Studie, die frühe Sprachförderung, der von Medien ausgerufene Niedergang der Sprachkultur waren vor Kurzem Thema der Schlagzeilen: «Sprache ist die Grundlage nicht nur für Wissen, sondern auch für den sozialen Zusammenhalt. Sogar für das Abfassen eines Tweets wären minimale Kompetenzen wünschenswert. Deshalb bin ich dankbar, dass Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sind.» Auch Priska Sieber, die Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau, freute sich über das Interesse der Tagungsteilnehmer: «Die Anforderungen an Kinder und Jugendliche haben sich verändert. Heute müssen sie in der Schule begründen, erläutern, vergleichen, hinterfragen und Hypothesen aufstellen.»

Claudia Schmellentin, Professorin für Deutschdidaktik an der PH der Fachhochschule Nordwestschweiz, macht zur Förderung der Sprachkompetenz mehrere Handlungsfelder aus. Schulbuchtexte könnten vereinfacht werden. «Aber so lernen die Schülerinnen und Schüler nicht mehr, sich Texte zu erarbeiten. Später in der Berufsschule wird das gefordert. Und wenn man nur noch einfache Sätze liest, fehlen sinngebende Verknüpfungen. Kurze Texte sind tatsächlich schwerer verständlich. Leider scheitern schwache Leser aber an langen Texten. Das ist ein Dilemma.» Die Expertin plädiert deshalb dafür, die Kinder im Unterricht besser ans Lesen heranzuführen. «Es hilft, Kernaussagen vorzugeben und mit gezielten Fragen auf wichtige Aussagen eines Textes hinzuweisen. Wenn man weiss, mit welchen Ziel man liest, kann man leichter einen Sinn aus den Worten und Sätzen konstruieren.» Zu dem Zweck müssten sich die Lehrenden bewusst machen, welche Lesestrategien sie unbewusst anwenden. «Nur so können sie dazu anleiten zu verstehen.» Zur Planung des Leseprozesses gehöre Aktivierung des Vorwissens ebenso wie die richtige Einstellung zum Lesen. Schliesslich fordert Schmellentin von den Schulen fächerübergreifende Konzepte zur Sprachförderung. Ob man in Bio Informationen aus Texten entnehmen soll, in der Mathematik ein Problem erfassen müsse und im Deutschunterricht zum Genuss lese: Die Schülerinnen und Schüler müssten jeweils sprachdidaktisch unterstützt werden. «Die Kompetenzen müssen stufen- und fachübergreifend vermittelt werden. Auf diese Weise kann man im Endeffekt sprachlich bedingte Bildungsungleichheiten mindern.»

Nach der Theorie die Praxis
Allen Pädagogen ist klar, dass Deutsch nicht nur im Deutschunterricht gelernt wird. Deshalb verteilten sich die Tagungsteilnehmer im Anschluss an den Vortrag in der Mehrzweckhalle auf 21 Workshops. In Mathe scheitern manche Schüler nicht an den Rechnungen, sondern am Verstehen der Textaufgabe. Eine sprachbewusste fachfokussierte Lernbegleitung kann das ändern. Im technischen Gestalten braucht man ebenso Fachvokabular wie im Natur-Mensch-Gesellschaft-Unterricht. Sach- und Sprachlernen lassen sich hier verbinden. Wie beschreibt man Experimente? Wie erstellt man ein Protokoll? Wer das kann, stellt mit der Sprache unter Beweis, was er gelernt hat. Und wer im Musikunterricht Lieder singt, erweitert nicht nur den Wortschatz, sondern trainiert gleichzeitig das Gedächtnis und die Artikulation. Die Zusammenarbeit mit den Eltern und der Stellenwert von Migrationssprachen standen in einzelnen Arbeitsgruppen ebenfalls zur Diskussion.

Humoristischer Ausklang
Der Stand-up-Comedian Gabriel Vetter machte sich zum Abschluss der Tagung passend zum Workshop-Thema «Mundart in der Schule» über die unterschiedlichen Bewertungen der Standardsprache lustig. Wenn er als Schweizer auf der Bühne Hochdeutsch spreche, seien die Einheimischen beleidigt. Er wolle aber eben auch von allen verstanden werden. Deshalb nutze er als gut schweizerischen Kompromiss meist Ständeratshochdeutsch, die Schriftsprache mit betontem Akzent. «Das finden die Österreicher niedlich. Das akzeptieren die Schweizer. Und das freut die Deutschen, die glauben, sie verstünden Schweizerdeutsch.»

Inka Grabowsky

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