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Ein Tag für das Bewusstsein

Kreuzlingen – Die körperliche und geistige Gesundheit stand an der Kantonsschule Kreuzlingen für einen Tag auf dem Stundenplan.

Ausgedacht hat «Myday» sich der Bio- und Chemielehrer Witold Ming, der mit einer Vierer-Arbeitsgruppe das Programm geplant hat. (Bilder: Inka Grabowsky)

«Seid ihr Chaoten oder Streber?», fragt der Psychologielehrer Marcello Indino die zweite Klasse, die vor ihm sitzt. Die Jugendlichen sollen sich selbst bewerten. Später werden sie einen psychologischen Test absolvieren, den sie auch selbst auswerten. Ein paar Räume weiter informiert Livia Staub eine andere Klasse derweil über «Kiffen, Saufen und Pillen». Sie ist gemeinsam mit ihrem Kollegen Peter Welti, der übers Gamen und Chatten referiert, von der Suchtprävention der «Perspektive Thurgau» entsandt. Deutschlehrer Daniel Hurtado beschäftigt sich derweil mit seiner Gruppe mit Einkaufsverhalten. «Ihr habt ja schon ein grosses Bewusstsein für die Methoden, mit denen man zum Einkaufen angeregt wird. Denkt euch doch mal selbst einen Slogan für einen Sportschuh aus.» Die Teenager haben Spass an der Aufgabe – und lernen dabei, wie Bedürfnisse von Konsumenten geweckt werden.

Deutschlehrer Daniel Hurtado beschäftigt sich mit seiner Gruppe mit Einkaufsverhalten. «Denkt euch doch mal selbst einen Slogan für einen Sportschuh aus.»

Dass an einer Schule über Bewegung und Ernährung geredet wird, ist normal. Dass aber ein ganzer Tag dem Umgang mit psychischen Belastungen und einem gesunden Lebensstil gewidmet wird, ist ungewöhnlich. Zum ersten Mal führte die Kanti den «Myday» durch. Prorektor Indino freute sich über die aussergewöhnliche Lernsituation: «Ein Gymnasium ist ja sehr leistungsorientiert. Im Normalfall wird hier alles bewertet und fliesst in die Noten ein.» Für einmal aber können die Schüler den Tag für sich nutzen, um sich weiterzubilden – deshalb der Name «Myday» – mein Tag. Ausgedacht hat ihn sich der Bio- und Chemielehrer Witold Ming, der mit einer Vierer-Arbeitsgruppe das Programm geplant hat. «Wir wollen die Jugendlichen so ertüchtigen, dass das Notsignal ‹Mayday› ausbleibt», erklärt er. Die ersten Klassen beschäftigten sich unter dem Titel «Ich bin offen und fair» mit Mobbing, Sexualität und Kommunikation. Die zweiten Klassen diskutierten die Leitfrage «Bin ich normal?» mit Blick auf Süchte und Lebenseinstellungen. Die dritten Klassen, die schulisch unter erhöhtem Druck stehen, kümmerten sich um Selbstfürsorge: Wie kann man entspannen, welche Schönheitsideale sind nicht anstrebenswert, wie bleibt man gesund? Die Matura-Jahrgänge blickten in ihre Zukunft: «Meine Stärken, mein Geld, mein Essen, mein Plan» war das Motto ihres Tages. Alle Schülerinnen und Schüler zusammen begannen den Tag mit einem Vortrag über «Mobbing bei Homophobie». «An der Kanti haben sich schon einige Jugendliche geoutet, wozu immer noch viel Mut gehört», erklärt Indino. «Der Vortrag war aber rein präventiv. Bisher ist es – wie auch beim allgemeinen Thema Mobbing – nicht zu ernsthaften Zwischenfällen gekommen, aber man darf das Thema nicht unterschätzen.»

27 Lehrpersonen der Schule hatten sich in ein Thema eingearbeitet. Zusätzlich boten externe Experten Spezialwissen an: Der Aufwand für den «Myday» war beträchtlich, weshalb er nicht jedes Jahr durchgeführt werden kann. «Wir wollen dafür sorgen, dass jeder Schüler im Laufe seiner vierjährigen Schulzeit an der Kanti einmal in den Genuss eines solchen Tages kommt», so der Prorektor.

Inka Grabowsky

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