/// Rubrik: Sport | Topaktuell

Der eiskalte Senior

Eisschwimmen – Seit fast vier Jahrzehnten begeistert sich der 78-jährige Tägerwiler Ernst Späti leidenschaftlich für das Eisschwimmen. Am 3. Februar reist er nach Slowenien zu seiner dritten und letzten Teilnahme an der Weltmeisterschaft der Eisschwimmer.

Ernst Späti lässt sich nicht von seiner Leidenschaft, dem Eisschwimmen abbringen. (Bild: Marc Ferber)

Im November 1982 ging Ernst Späti am Ufer des Seerheins spazieren. Da dies der wärmste Tag einer zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich warmen Woche war, überkam ihn die Lust nochmals in den Rhein zu springen. Seine Frau ermutigte ihn in seinem Vorhaben. Gesagt, getan: Späti suchte sich durch den Schilf Zugang zum kalten Wasser. Denn eine Badehose hatte er freilich nicht dabei. «Somit habe ich aus Blödsinn mit dem Eisschwimmen angefangen», sagt der 78-Jährige und lacht herzlich.

Der älteste Teilnehmer
«16 Züge habe ich bei meinem ersten Bad im eiskalten Wasser geschafft», sagt der Tägerwiler rückblickend. Seither notiert er sich nach jedem Schwimmtraining, wie viele Züge er macht, bis er an seine Grenzen kommt. Späti kommt aus der Umkleidekabine des Seerheinbades in Tägerwilen und zieht seinen Bademantel aus. Er läuft über die Wiese Richtung See. Der Thermometer zeigt eine Wassertemperatur von sieben Grad an, doch das scheint den geübten Schwimmer nicht zu beeindrucken. Schon sein halbes Leben lang gönnt sich der scheinbar kälteresistente Senior regelmässig einen Schwumm im kalten Nass. Es ist Dienstagnachmittag und er tritt das letzte Training vor der Weltmeisterschaft im Eisschwimmen im slowenischen Bled an. Wenig verwunderlich: Späti ist der älteste Schweizer Teilnehmer und tritt in der Disziplin 400 Meter Freistil an.

Den eigenen Schweinehund überwinden
Der Tägerwiler atmet einmal tief durch und lässt sich dann ins eisige Wasser sinken. Mit schnellen aber kontrollierten Zügen zieht er davon. «Während den ersten fünfzig Zügen friere ich noch, danach geht‘s aber besser», versicherte der Senior vor dem Training und lächelt. Jeweils ab September trainiert er fast täglich und das sei auch wichtig: «Spätestens im Herbst muss man anfangen, so dass sich der Körper an die Temperaturen gewöhnen kann.» Der Sport ist nicht ungefährlich. So erlebte Späti vor einigen Jahren selbst an einer Weltmeisterschaft, welche Konsequenzen das Eisschwimmen haben kann. Einer seiner Mitstreiter erlitt einen Herzinfarkt und verstarb später im Spital. So tragisch der Vorfall auch war, Späti lässt sich nicht von seiner Leidenschaft abbringen. Seine grösste Motivation besteht darin, seinen eigenen «Schweinehund» zu überwinden. «Ich bin ja schliesslich auch nur ein normaler Mensch, für den sich das Eiswasser nicht wie dreissig Grad anfühlt», sagt der ehemalige Inhaber einer Thurgauer Ladenbaufirma. Nicht selten bleiben Spaziergänger stehen und beobachten Späti beunruhigt bei seinem Training. «Dass diese nicht gleicht die Rega rufen, winke ich diesen gerne mal zu», sagt er augenzwinkernd.

Die Minuten fühlen sich zumindest für Zuschauer seines Trainings wie Stunden an. Man ist wohl angespannter, als der rüstige Schwimmer selbst. Nach zwanzig Minuten steigt er aus dem Wasser, die Schritte nicht mehr so geschmeidig wie zuvor. Spätis Körper ist ganz rot von der Kälte und die Glieder steif. Nun sei er bereit für die WM, sagt er, nachdem er sich mit einem Handtuch trockengerubbelt hat. Auf die Frage, was für einen Tipp er angehenden Eisschwimmern geben würde, sagt er süffisant: «Einen starken Kopf und eine Badehose».

Marc Ferber

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.