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Prosaisches wird poetisch

Kreuzlingen – Der Kunstraum zeigt ab heute Freitagabend den Blick in die Natur durch eine Malerin und eine Videokünstlerin.

(V.l.) Malerin Elisabeth Strässle und Gastkuratorin Sibylle Omlin. (Bild: Inka Grabowsky)

«Nach dem ‹Empty Garden› von Ursula Palla und den ‹Fruta Infinita› von Olga Titus bleibt der Naturbegriff von Künstlerinnen der übergeordnete Gedanke unserer Ausstellungen», sagt Richard Tisserand, seit 2005 Kurator im Kunstraum Kreuzlingen und dessen Tiefparterre. «Ich bin froh, dass wir nun die Werke von Elisabeth Strässle und die Videoinstallationen von Melanie Manchot zeigen können.» Ermöglicht hat das als Gastkuratorin Sibylle Omlin, die bereits seit 2007 immer mal wieder mit Tisserand zusammenarbeitet und die beide Frauen von anderen Ausstellungen kennt.

Strässle hat unter dem Titel «Catalogue d‘oiseaux» – inspiriert von den gleichnamigen Klavierkonzerten von Olivier Messiaen – mit wissenschaftlicher Akribie und künstlerischer Freiheit Vogelkörper abgebildet. Neben feinen Zeichnungen finden sich wandgrosse Ölgemälde, auf denen Kraniche, Kolkraben und Rohrdommeln ihren eigenen Charakter bekommen. Sogar den Gesang der Vögel stellt die 78-Jährige dar, indem sie die Schallwellen etwa von Amseln in Aquarelle umwandelt. «Amseln imitieren einander. Also habe auch ich Variationen eines Motivs gemalt.» Den herausposaunten Paarungsruf der Rohrdommel hat sie mit Farbstift-Grafiken nachempfunden. Die Solothurnerin lebte 17 Jahre in New York, ist nun aber wieder im solothurnischen Derendingen zuhause. «Eigentlich bin ich nirgendwo sesshaft», sagt sie von sich selbst. Auch das verbinde sie mit dem Zugvogel Kranich. «Menschen sind seit jeher von Kranichen fasziniert. Es gibt sogar Höhlenzeichnungen von den Tieren. Aber nun habe ich meinen eigenen Kranich gefunden.» Als Gegenstück hat sie sich mit der Rohrdommel auf einen weniger eleganten Aussenseiter konzentriert.

Hypnotische Videokunst im Keller
In Melanie Manchots Film-Installationen im Tiefparterre geht es vor allem um die Spuren, die Menschen in der Natur hinterlassen. «Ich übe damit keine polemische Tourismuskritik», sagt sie, «ich stelle aber die Frage nach Verantwortung. Wie weit darf man gehen, um das Bergerlebnis zu ermöglichen.» Ihr Film «Snowdance» zeigt aus der Vogelperspektive das sorgfältig inszenierte Ballett von acht Pistenraupen, die in der Nacht Spuren ziehen. Eine Kameradrohne in fünfzig Metern Höhe betrachtet die schwerfällige Choreographie. Eigens komponierte Musik von Christof Dienz verstärkt den Eindruck eines surrealen Tanzes. In einem zweiten kurzen Video hinterlässt ein schwarzes Pferd Spuren im weissen Schnee. «Der Film rekonstruiert ein reales Ereignis», so die Künstlerin. «Das Pferd wurde longiert, um Auslauf zu bekommen. Mich interessiert, dass dabei gleichzeitig Land Art entsteht. Der Anblick erinnert an eine Uhr: Das Pferd tritt die Zeit in den Boden.»

Das Rahmenprogramm der Ausstellungen beinhaltet einen Besuch bei den Motiven von Elisabeth Strässle: Am 9. Februar, 11 Uhr, gibt es eine Führung durch das Wollmatinger Ried. Und am 5. März beschreibt Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut in Radolfzell die Vogelwelt der Bodenseeregion. Melanie Manchot wird am 4. April von ihrem Wohnort in London zu einem abendlichen Tischgespräch anreisen.

Inka Grabowsky

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