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Sei (k)ein Narr

Kolumne – Ein paar Gedanken zur Narrenfreiheit, passend zur fünften Jahreszeit.

(Bild: Free-Photos/Pixabay)

Wir sind mitten in der fünften Jahreszeit angelangt, wo die Narren das Zepter halten. Die Fasnächtler haben den Anker gelichtet und Segeln Spass und Freude entgegen. Es wird gelacht, gefeiert und der Alltag am tiefsten Punkt des Bodensees über die Reling geworfen. Wenn man unter dem Jahr «zum Narren gehalten wird», heisst das so viel wie, dass man hinters Licht geführt worden ist. Bekommt man jetzt den Stempel Narr aufgedrückt, huscht ein Lächeln über das Gesicht. Warum hat sich vor allem die negative Assoziation durchgesetzt?

Im Mittelalter hatte der Hofnarr, auch Tor genannt, als «Offiziant», ein festes höfisches Amt inne. Die Narrenfreiheit erlaubte es ihm auf unterhaltsame Weise Tabus anzusprechen, Adlige zu kritisieren und Missstände anzuprangern ohne selbst am Pranger zu landen. Um die Rolle eines «künstlichen» Narren spielen zu dürfen, waren ein gewisses Mass an humoristischem Talent und Intelligenz Voraussetzung. Bereits länger gab es den «natürlichen» Narren, der zum Beispiel wegen seiner Kleinwüchsigkeit oder dessen Aussehen teilweise als Objekt in Käfigen gehalten wurde. Es sieht danach aus, dass sich die zweite Variante bis heute gehalten hat, zumindest in der Konnotation des Wortes Narr.

Mehr Narrenfreiheit würde vielen Menschen gut stehen, auch nachdem sie das Karnevalskostüm ausgezogen haben. Gerne werden Mücken zu Elefanten gemacht und Worte lieblos verschwendet – in Wirtschaft und Politik gleichermassen wie in den eigenen vier Wänden. Dabei könnte ein kurzer Satz an der richtigen Stelle Gutes bewirken.

Seien auch sie kein Narr, sondern ein Narr, der ernst genommen wird und ausspricht, was ihm zu schaffen macht. Das Kostüm des Tor steht ihnen definitiv besser als das eines Ochs am Berg.

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