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Neues Leben für alte Hemden

Kreuzlingen – An drei Stellen in der Kreuzlinger Innenstadt kann man neuerdings recycelte Taschen kaufen.

Näherin Mildred (rechts) und Silvia Gysler präsentieren im Agathu-Nähcafé die neuen Boxen mit den Taschen. (Bild: Inka Grabowsky)

Seit fast einem Jahr existiert im Café Agathu eine ganz besondere Manufaktur. Zweimal wöchentlich nähen Frauen von den Philippinen, aus China, Bulgarien, Litauen, der Türkei, Laos, Tibet, Eritrea, Kenia, dem Iran oder aus Afghanistan alte Hemden zu neuen Taschen um. Sie lernen dabei parallel deutsch und nähen, kommen in Kontakt zueinander und machen aus Abfall ein wertvolles Gut. Integration, Therapie und Ausbildung gehen Hand in Hand. Lange Zeit konnten Interessenten nur über das Internet oder zu den Öffnungszeiten des Cafés an die Beutel kommen, doch nun bieten auch das Trösch, Zubi-Schuhe und die Stoff- und Mercerie-Handlung Alja die Taschen an. Edel werden die Recycling-Produkte präsentiert, in gebrauchten Schuh-Schachteln, die die Näherinnen selbst gestaltet haben. Die Stadt hat zur Unterstützung des Projekts geholfen, einen Flyer drucken lassen, so dass an jedem Verkaufspunkt nun die Geschichte der aussergewöhnlichen Accessoires nachzulesen ist.

Die Geschichte hinter dem recycelten Hemd
«Wir selbst sind hier alle nähbegeistert und freuen uns, wenn auch andere Feuer fangen», sagt Jutta Klein von Alja. «Nähen ist eine Lebensphilosophie. Und unseren Kunden gefällt die Idee ebenfalls. Viele sehen die Schachtel mit den Modellen durch und freuen sich über die originellen Details. Alle Beutel haben ja etwas Besonders – eine Knopfleiste, eine Schleife oder die integrierte Brusttasche. Das Einbeziehen der Charakteristika jedes Hemdes in das neue Design mache es auch für die Näherin interessant», sagt Pia Bühler, die gemeinsam mit Silvia Gysler das Projekt leitet. Vor dem Zuschnitt müsse man sich genau überlegen, wie was am besten zur Geltung kommt. «Indem wir aufwändige Details besonders herausstellen, wollen wir auch auf die Arbeit hinweisen, die Näherinnen in Billiglohnländern ursprünglich in das Hemd gesteckt haben», sagen die beiden Frauen. Die textilen Kunstwerke wechseln für zwölf Franken den Besitzer. Das angenehme Gefühl, eine gute Sache unterstützt zu haben, ist inklusive.

Die alten Maschinen sind beliebter
Bühler, Weberin aus Ermatingen, und die pensionierte Primarlehrerin Gysler hatten vergangenen Sommer die Prototypen geschaffen und leiten nun mit einem Team von Freiwilligen die Frauen aus der Fremde an. Neun Bernina-Maschinen stehen inzwischen im Café in der Freiestrasse – neuere und revidierte Modelle. «Die alten sind bei den Näherinnen am begehrtesten», sagt Gysler und muss lachen. «Die funktionieren besonders einfach und reibungslos.» Wegen der Abstandsvorschriften treffen sich derzeit nicht alle Frauen gleichzeitig. Eine Hälfte kommt am Montagnachmittag und näht Schutzmasken, die andere widmet sich am Freitag den Taschen, so dass sie nicht zu nah beieinander sitzen. Einige sind so vom Nähfieber erfasst, dass sie in der Corona-Pause in Heimarbeit an eigenen Maschinen fleissig weitergenäht haben. «Zwei Frauen haben zwischen März und Mai an die fünfzig Taschen gefertigt», sagt Bühler beeindruckt. Insgesamt sind im ersten Halbjahr 160 Beutel entstanden.

Nach wie vor suchen die Frauen abgelegte Herrenhemden mit guter Qualität als Ausgangsmaterial. «Manch einer wird sich vielleicht freuen, dass sein Lieblingshemd, das um den Bauch zu knapp geworden ist oder um den Hals nicht mehr schliesst, ein zweites Leben bekommt», sagt Bühler. Wer so eines hat, kann sich auf der Webseite www.naeh.ch melden. «Wir nähen auch gerne als Auftragsarbeit aus den Hemden von Vater oder Grossvater Taschen für Kinder oder Enkel.»

Inka Grabowsky

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