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Der gläserne Maler

Kreuzlingen – Die neue Sonderausstellung «Durchblick» zeigt wie Künstler Richard Tisserand von den Polaroidfotos zur grossformatigen Hinterglasmalerei gefunden hat.

«Ein Malerleben basiert auf Zufällen und gescheiterten Projekte», erklärt Richard Tisserand, wie er zur Hinterglasmalerei gekommen ist. (Bild: Emil Keller)

«Wenn ich oben links anfange, weiss ich nicht wie mein Bild unten rechts enden wird», sagte Richard Tisserand angeregt. Er steht vor einem seiner Hinterglasbilder, welche ihn sowohl in Höhe als auch Breite um Längen überragen. «Hier zum Beispiel», sagte der Künstler und deutet auf einige senkrechte Linien, die sich durch ein Feld von Hortensien ziehen, «der Druc-ker hat plötzlich angefangen zu spinnen und falsche Vorlagen ausgedruckt.» Für ihn ein glücklicher Unfall, den Tisserand gleich mit in sein Landschaftsbild hat miteinfliessen lassen. Denn deshalb male er: «Mich interessiert der Prozess und was daraus entsteht, wenn ich an der Arbeit bin.»

In der neuen Kunstausstellung «Durchblick» erhalten die Besuchenden des Museums Rosenegg einen Einblick in genau diesen Schaffensprozess und die künstlerische Entwicklung von Tisserand.

Klar war dies jedoch nicht von Anfang an, das Thema habe sich erst nach und nach entwickelt. «Zwischendurch wurde ich ein wenig nervös», sagte Museumsleiterin Yvonne Istas, welche den Künstler und Kurator des Kunstraums Kreuzlingen zu sich ins Rosenegg eingeladen hatte. Nach vielen Diskussionen und einem längeren Prozess, in dem sich Tisserand auch vom Haus hat beeinflussen lassen, sind nun rund 40 Werke des viel gereisten Künstlers ausgestellt.

Gemalt wird am Boden
Entstanden ist eine Art Reise durch die vergangenen Jahrzehnte in Tisserands Leben, welches ihn zur grossformatigen Hinterglasmalerei geführt hat. Mit unzähligen Farbtupfern bemalt er dabei die Rückseite einer Scheibe, teilt Farben auf und ordnet diese schematisch an.

Dabei entstehen Landschaftsbilder mit einer eindrücklichen Tiefe und Strahlkraft. Was aus der Nähe noch verpixelt aussieht, entpuppt sich aus der Weite als kohärentes Gemälde. So kann man sich minutenlang in seinen Bildern vertiefen, verschiedene Blickwinkel ausprobieren und das Auge arbeiten lassen. Selbst die Spiegelungen, welche sich auf dem Glas bilden, werden zum Teil des Werkes. «Deshalb haben wir bewusst keine Vorhänge in den Räumen», erklärte Museumsleiterin Istas, welche derzeit Naturlicht durch ihr Museum fluten lässt. Für ein grosses Gemälde braucht der 72-Jährige rund acht Wochen. Zuerst begibt er sich dabei auf die Suche nach einem Sujet, welches er fotografiert und dann zigfach vergrössert auf viele A4-Seiten ausdruckt. Diese Vorlagen legt er dann unter die Flachglasscheibe und beginnt auf dem Boden zu malen.

1000 Fotos bemalt
In der Sonderausstellung wandert man langsam zum Ursprung seines jetzigen Schaffens: den Polaroidfotos. Mit diesen setzte sich Tisserand in den 80er und 90er Jahren intensiv auseinander. Nicht nur fotografierte und experimentierte er mit diesem «alchemistischen Instrument», er begann auch die ausgedruckten Bilder zu übermalen. 1993 stellte er 1000 solcher Miniwerke aus, die er über ein Jahr lang angefertigt hatte. Im Altbau des Rosenegg sind einige dieser Fotoserien noch zu sehen sowie auch sein erstes gemaltes Hinterglasbild. Damals noch im Kleinformat wandte sich Tisserand Grösserem zu. Er begann anhand der Polaroids Skizzen anzufertigen, in denen er die Farbflächen auf den Fotos in Linien übersetzte. Daneben vertiefte er sich weiter mit der Hinterglasmalerei. Nach einem Auftrag, einen 25 Meter hohen gläsernen Liftschacht zu bemalen, war es um ihn geschehen: er widmete sich vollends der Hinterglasmalerei auf riesigen Glasscheiben.

Emil Keller

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